Komponisten

Agthe, Carl Christian (1762–1797)

* 17. Juni 1762 in Hettstedt, † 27. November 1797 in Ballenstedt

Biografie

Carl Christian Agthe entstammte einer Lehrer- und Musikerfamilie in Hettstedt. Sein Vater war Lehrer an der „Mägdlein-Schule“, der Großvater wirkte als Kantor und Lehrer an der „Rathsschule“ und auch ein Großonkel war Organist und ebenfalls im Schuldienst. Carl Christian wurde am 17. Juni 1762 in Hettstedt geboren. Durch Großvater und Großonkel erhielt er eine gute musikalische Ausbildung, so dass er bereits als Vierzehnjähriger(!) seine erste Stelle im fernen Reval (heute die estnische Hauptstadt Tallinn) als Musikdirektor der Hündelbergischen Theatergruppe antreten konnte.

1782 kehrte Agthe in die Heimat zurück und erhielt seine Lebensstellung als Organist und Cembalist am Hof des kunstsinnigen und musikliebenden Fürsten Friedrich Albrecht von Anhalt-Bernburg. Dieser hatte im Jahr 1765 seine Residenz von Bernburg nach Ballenstedt verlegt, wo er 1788 ein Schlosstheater errichten ließ, an dem im 19. Jahrhundert namhafte Musiker wie Albert Lortzing und Franz Liszt dirigierten und das heute noch von Gastensembles bespielt wird.

Carl Christian Agthe verstarb am 27. November 1797 – nur neun Jahre nach seiner Eheschließung mit Juliana Christiana Sieger – im Alter von 35 Jahren. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor, von denen der Sohn, Albrecht Wilhelm Johann Agthe (1790–1873), ebenfalls Musikerlehrer wurde (1823 Gründung einer Musikschule in Dresden) und zeitweilig Mitglied des Leipziger Gewandhausorchesters war.

Schloss Ballenstedt, Ansicht von der Hofseite

Musikhistorische Bedeutung

Carl Christian Agthe war trotz seines jugendlichen Alters von den Zeitgenossen sowohl als ausgezeichneter Organist als auch als Komponist hoch geschätzt. Seine Musik ist der Frühklassik verhaftet und erinnert an die seines Zeitgenossen Wolfgang Amadeus Mozart. So wird denn Agthe auch heute im Rahmen einer Art Agthe-Renaissance gerne mit Namen wie „Mozart des Harzvorlandes“ oder „Mozart des Harzraumes“ belegt, die auf den Musiker, Komponisten und Agthe-Forscher Georg Faulhaber (1890–1974) zurückgehen.

Bis vor kurzem war Carl Christian Agthe weitestgehend vergessen. Faulhaber ist es zu verdanken, dass dennoch ein Teil der als verschollen geglaubten Kompositionen Agthes inzwischen in spielbaren Fassungen vorliegt. Seit dem 240. Geburtstag des Komponisten im Jahr 2002 fanden im Rahmen der Wiederentdeckung regionaler Musikkultur mehrere Konzerte mit Werken Agthes in dessen Heimatregion statt, in denen u. a. Orgelmusik, Lieder, Tänze, Sinfonien und die Kantate Empor, erhebe dich für Solosopran, Chor und Orchester zur Aufführung kamen.

„Agthe kann in seiner Zeit als einer der fruchtbarsten und bedeutendsten Meister auf dem Gebiete seiner Kompositionsformen im gesamten Harzraum gelten.“ (Radecke 1999, Sp. 231)

Im Jahr 2009 wurde eine Gedenkstätte im Schloss Ballenstedt eingerichtet. In einer Vitrine werden Notenkopien, Bilder und Zeitungsausschnitte, historische Instrumente und der Lebenslauf des Künstlers ausgestellt. Außerdem trägt die Musikschule des Landkreises Mansfeld-Südharz den Namen „Carl Christian Agthe“.

Werke

Carl Christian Agthe war in seinem kurzen Leben sehr produktiv. Er schrieb hauptsächlich anlassgebundene höfische Gebrauchsmusik der unterschiedlichsten Gattungen, darunter Singspiele und Opern (vermutlich bereits in Reval, alle nicht erhalten), Kantaten, Lieder mit Klavier, Sinfonien (damals formal eher mehrsätzige Divertimenti) und Klaviersonaten. Viele seiner Werke sind Personen des höfischen Lebens seiner Zeit gewidmet, darunter den Kindern seines Dienstherrn. Die bereits zu seinem Amtsantritt 1782 entstandene Sammlung von 31 Liedern eines leichten und fließenden Gesangs für das Clavier, sein erstes gedrucktes Werk, dedizierte er dem Erbprinzen Alexius Friedrich Christian. In diesem Liederbuch finden sich auch sieben Vertonungen von Gedichten Gottfried August Bürgers, der aus Molmerswende im Harz stammte.

Noch während seiner Amtszeit nahm Agthe Unterricht beim Dessauer Musikdirektor Friedrich Wilhelm Rust, der dem Ballenstedter Fürsten nahestand und deshalb häufig an dessen Hof weilte. In diesem Zusammenhang entstand eine Fuge in G-Dur über die namensgebenden Töne A–G–D (T)–H–E.

Von Carl Christian Agthe stammt auch eine handschriftlich überlieferte dreisätzige „Kindersinfonie“ (Sinfonia Ex C mit den Sätzen Allegro, Menuetto Allegretto und Rondo Allegro Scherzando), die Kinderinstrumente wie Schnarre, Kuckuck, Wachtel, Zimbelstern und Lira einbezieht und die Agthe möglicherweise für Kinder adliger Auftraggeber oder seine eigenen Kinder komponiert hat. Unübersehbar ist die Nähe zur in die Musikgeschichte eingegangenen, lange Zeit Leopold Mozart (aber u. a. auch Joseph und Michael Haydn) zugeordneten berühmten Kindersinfonie (Originaltitel: Berchtoldsgaden Musick, um 1765), die nach neueren Erkenntnissen von Edmund Angerer stammt (aber auch das bleibt nicht unwidersprochen, da es sich ebenso um eine Abschrift handeln könnte). Zumindest vom Instrumentarium her lässt sich eine starke Übereinstimmung erkennen. Hatte Agthe das Stück gekannt?

„Kindersinfonie“ von Carl Christian Agthe – Titelblatt

 

Seit 1999 befindet sich das Notenarchiv des Komponisten Carl Christian Agthe in der Fürstin-Pauline-Bibliothek in Ballenstedt. Viele Kompositionen wurden für heutige Musiker aufbereitet und können als Partituren und Stimmen ausgeliehen werden.

Die Mitteldeutsche Kammerphilharmonie hat im September 2017 eine CD mit drei Sinfonien und einem Flötenkonzert von Carl Christian Agthe im Herrnhuter Gemeindesaal in Gnadau eingespielt.

 

Werkauswahl

(Werkverzeichnis auf der Website der Fürstin-Pauline-Bibliothek)

31 Lieder eines leichten und fließenden Gesangs für das Clavier

Kantate für Sopransolo und Klavier Der Morgen, der Mittag, der Abend, die Nacht

Kantate für Sopran, Chor und Orchester in D-Dur Empor, erhebe dich Gesang

Drei leichte Sonaten für Klavier

Sinfonie in C-Dur Der Kuckuck (sog. Kindersinfonie mit 7 Kinderinstrumenten)

Sinfonie in D-Dur Fanfara

Konzert G-Dur für Flöte und Orchester

Orgelfuge in G-Dur über das Thema A–G–D (T)–H–E

Klangbeispiele

Die Fuge G-Dur findet sich auf folgender CD-Einspielung: Die Johann-Georg-Hartmann-Orgel der St. Petri-Kirche zu StieglitzOrgelmusik der Barockzeit aus Magdeburg und Sachsen-Anhalt, Orgel: Stefan Nusser, AMBIENTE Musikproduktion

Konzert G-Dur für Flöte und OrchesterCollegium musicum Quedlinburg unter Siegfried Hünermund

Schwanenlied nach Gottfried August Bürger

Collegium musicum Quedlinburg: Playlist auf Youtube, u. a. mit weiteren Werken Agthes

Noten zum Download

Sinfonie in C-Dur „Kindersinfonie“

Konzert für Cembalo und Violine in D-Dur

Literatur

Siegfried Hünermund, „Carl Christian Agthe, ein Musiker und Komponist am Anhalt-Bernburgischen Hof zu Ballenstedt“, in: Musikkultur in Sachsen-Anhalt seit dem 16. Jahrhundert (= Beiträge zur Regional- und Landeskultur Sachsen-Anhalts, H. 42), hrsg. von Kathrin Eberl-Ruf, Carsten Lange, Annette Schneider, Halle 2007, S. 227–232.

Thomas Radecke, „Carl Christian Agthe (1762–1797) – Musiker am Ballenstedter Hof“, in: Kulturhistorische Schriften, Bd 2, Ballenstedt 1995 (vergriffen, in der Ballenstedter Bibliothek ausleihbar).

Thomas Radecke, Art. „Agthe, Carl Christian“, in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart, 2., neubearbeitete Ausgabe, hrsg. von Ludwig Finscher, Personenteil, Bd. 1, Kassel u. a. 1999, Sp. 230–231.

Frank Rebitschek, Agthe – Der Mozart vom Mansfelder Land, Norderstedt 2016 (historischer Roman zum Leben Agthes, Teil 1).

Frank Rebitschek, Agthe – Den Briefträger trifft keine Schuld, Norderstedt 2016 (historischer Roman zum Leben Agthes, Teil 2).

Links

Erinnerung an kreativen Hettstedter (Zeitungsartikel anlässlich des 210. Todestages von Agthe 2007)

Den Reiz der Musik spüren (Zeitungsartikel zur CD-Einspielung der Mitteldeutschen Kammerphilharmonie)

Fürstin-Pauline-Bibliothek Ballenstedt

Schloss Ballenstedt

Imagefilm der Stadt Ballenstedt (mit Musik von Carl Christian Agthe)

Das Schlosstheater Ballenstedt ist die 14. Station der mitteldeutschen Straße der Musik.

Anregungen für den Unterricht

Die Schüler können sich auf Spurensuche begeben und eintauchen in die Welt musikwissenschaftlicher Forschung. Ausgangspunkt ist eine interessante Entdeckung, die der Ballenstedter Musikpädagoge und Musikforscher Siegfried Hünermund bereits im Jahr 2002 machte (nähere Informationen hier): In mehreren in der Berliner Staatsbibliothek in Manuskriptform vorhandenen Tänzen Carl Christian Agthes finden sich Melodien aus dem erst 1821 und somit nach Agthes Tod uraufgeführten Freischütz von Carl Maria von Weber. Hat nun Weber Musik von Agthe in seine Oper übernommen oder wurden musikalische Teile des Freischütz später von unbekannter Hand zu den Tänzen hinzugefügt? Verbindungen zwischen Carl Maria von Weber und Ballenstedt lassen sich eindeutig nachweisen, schon allein weil Webers Frau zwei Jahre ihrer Kindheit in Ballenstedt verbracht hatte. Außerdem hatte Weber Kontakt zu der Ballenstedter Malerin Caroline Bardua, die er unterrichtete und die ihn auch porträtierte. Weber hat die Musik Agthes sicher gekannt. Oder stammen die Manuskripte der Tänze vielleicht gar nicht von Carl Christian Agthe? Eine mögliche Lösung des Rätsels findet sich hier.

Interessant ist auch eine weitere Beobachtung Hünermunds: Der Name „Agathe“ – eine der Hauptfiguren im Freischütz – lässt sich durch Weglassen des dritten Buchstabens „a“ zu „Agthe“ umformen.

Zum Thema für den Musikunterricht könnte des Weiteren ein Vergleich der beiden Kindersinfonien von Carl Chris­tian Agthe und Edmund Angerer werden: Edmund Angerer: Kindersinfonie (Klangbeispiel), Edmund Angerer: Kindersinfonie (Notendownload).

Materialien zum Download

Arbeitsblätter

Komponisten in Sachsen-Anhalt

Carl Christian Agthe – Buchstaben in der Musik (siehe dazu auch den Beitrag zur Ladegast-Orgel im Merseburger Dom, für die Franz Liszt seine Komposition Präludium und Fuge über den Namen B-A-C-H schrieb)

SM 2017, letzte Aktualisierung Dezember 2018