Komponisten

Faulhaber, Georg (1890–1974)

* 1890 in Berlin, † 1974

Biografie

Georg Faulhaber, Sohn eines  Mühlenbauers aus Schlesien, der bis zum Bürodirektor einer Bank  aufstieg, und der Tochter eines Schuhmachermeisters, wuchs in Berlin auf. Bereits ab dem 9. Lebensjahr erhielt er Violin- und Klavierunterricht und sang im Berliner Domchor. Nach der Schule absolvierte er bis 1911 ein Lehramtsstudium in den Fächern Musik und Deutsch.

Nach dem Ersten Weltkrieg, in dem er als Kriegsfreiwilliger diente, arbeitete er ab 1919 in Genthin als Lehrer, Kantor und Organist. Er war Leiter mehrerer Männerchöre, einer Kammermusikvereinigung sowie des ersten Madrigalchores der Provinz Sachsen.

Zwischen den Weltkriegen bildete sich Faulhaber kontinuierlich musikalisch wie musikwissenschaftlich weiter mit dem Ziel einer Promotion, die aber in den Inflationsjahren nicht zustande kam. Er schrieb Artikel für Tages- und Fachzeitschriften wie „Der Chorleiter“, „Der Kapellmeister“ und die „Allgemeine deutsche Musiker- Zeitung“. 1926 wechselte er als Lehrer, Kantor und Organist nach Hettstedt , wo er wiederum Chöre und ein Sinfonieorchester leitete.

Nachdem er sich 1934 kritisch zur „Uniformierung der Erziehung der Jugend“  im nationalsozialistischen Deutschland geäußert hatte, ließ er sich in den vorzeitigen Ruhestand versetzen, wie er in einem von ihm selbst verfassten Lebenslauf schreibt (vgl. Pöge-Alder 2019, S. 93). 1937 kehrte er nach Aufforderung des Schulamtes wieder in den Schuldienst zurück. Er arbeitete zunächst an einer privaten Schule in Halberstadt,  ab 1938 dann auch für die Stadt. Faulhaber war zudem Organist und Chorleiter an der Paulskirche und am Dom. Nach der weitgehenden Zerstörung Halberstadts 1945 zog er nach Harsleben um, wo er bis 1949 als privater Musiklehrer und Komponist wirkte.

Faulhaber setzte sich intensiv mit der traditionellen Musik der Harz-Region auseinander, bearbeitete Lieder, leitete Chöre und sog. Volkskunst-Ensembles. Nach weiteren Stationen im Schuldienst in Gröningen und ab 1952 in Harsleben wurde er 1953 beauftragt, eine „Kreis-Volksmusik-Schule“ aufzubauen, die er von 1954–1958 leitete. Außerdem war er stellvertretender Direktor der Fachschule für Musik in Wernigerode.

Nach seiner Pensionierung 1958 beschäftigte sich Faulhaber intensiv mit den Werken von Carl Christian Agthe, einem Mozart-Zeitgenossen, der am Hof des Fürsten zu Anhalt-Bernburg wirkte und den er als „Mozart des Harzraumes“ bezeichnete.

Musikhistorische Bedeutung

Bereits während seiner Zeit als privater Musiklehrer nach 1945 arbeitete Georg Faulhaber an seinem “Harz-Oratorium” Heilige Berge – Insel des Friedens sowie an einer Erntedank-Kantate und anderen Liedern. Nach 1949, zurück im Schuldienst, bearbeitete er traditionelle Harzer Lieder für Chöre aus der Region, darunter Dieses ist das Bild der Welt nach einem Text von Goethe für den Frauenchor „Sängerheim“. 52 Lieder befinden sich heute handschriftlich oder als Sonderdrucke im Archiv des Zentrums HarzKultur.

Georg Faulhabers 17-teiliges “Harz-Oratorium” nach Gedichten aus dem Harzbuch von Carl Lange wurde nie aufgeführt. Faulhabers Sohn Uwe-Rüdiger äußert sich zu dem Werk so: „Der Komponist und der Texter haben sich bemüht in ihrem ‚Harz-Oratorium‘ ihre tief-empfundene Natur- und Heimatliebe deutlich zu machen und wollen mit ihren Gesängen allen Menschen die Quintessenz des Epilogs ‚Insel des Friedens‘ zurufen: ‚Es grüne die Tanne, es wachse das Erz, Gott schenke uns allen ein fröhliches Herz‘.“ (Zit. n. Pöge-Alder 2019, S. 94)

Georg Faulhaber war zwar NSDAP-Mitglied, wurde aber wegen seiner o. g. Kritik trotzdem zeitweilig aus dem Schuldienst entlassen. Auch die Herangehensweise an seine Werke kann nur unter Berücksichtigung der historischen Umbrüche in seinem Leben sowie im Spiegel zweier Diktaturen erfolgen. „Wesentlich wäre nun eine Aufarbeitung der Werke und des Wirkens von Faulhaber. In der Erforschung der Musik und der Musikethnologie gilt ein weiter Kulturbegriff. Es soll sich angenähert werden in einem hermeneutisch-interpretativen Verfahren, um sich Faulhabers Schaffen zu nähern, ohne es nur mit heutigen Maßstäben zu messen.“ (Ebd.)

Wohl unbestritten sind Georg Faulhabers Verdienste  in der Aufarbeitung der Werke von Carl Christian Agthe, die dadurch heute wieder vermehrt zur Aufführung kommen können.

Werke

Das Autograph des „Harz-Oratoriums“ wurde 2014 von den Töchtern Georg Faulhabers dem Archiv des Zentrums HarzKultur übergeben. Die Textfassung des Werkes stammt aus dem Jahr 1948, die Gesamtlänge beträgt 130 Minuten, wobei allein das Vorspiel 28 Minuten dauert. „Der überhöhte Inhalt, gepaart mit übertreibender Sprachgestaltung,“ macht eine “naive Aufführung” in der heutigen Zeit allerdings problematisch (Pöge-Alder 2019, S. 97).

Harz-Oratorium “Heilige Berge – Insel des Friedens”, 1. Seite Orchester

 

Vier Lieder von Georg Faulhaber sind im Harzer Wanderliederbuch von Ernst Kiehl veröffentlicht, das 1990 vom Landesheimatbund Sachsen-Anhalt e. V. herausgegeben worden ist: An den Gräsern hängt der Tau (unter dem Titel Morgenfrühe, Text: Ursula Vollbrecht, Goslar), Bergauf, bergab komm ich gezogen (Text: Kaethe Schulken, Gatersleben), Frühmorgens, wenn der Tag erwacht (Text: Alice Kopp) und Mädel sieh, der Frühling winkt (Text: Reinhold Arndt, Wernigerode)..

Frühmorgens, wenn der Tag erwacht aus dem Jahr 1951 hatte ursprünglich den Titel Wir sind vom Harzer Grenzgebiet und beschreibt die Fahrt mit der Harzquerbahn mit anschließender Wanderung auf den Brocken.  Die 3. Strophe lautet:

„Wie sehnen wir von Tag zu Tag
den Augenblick herbei,
an dem das schöne Harzer Land
ein großes Ganzes sei!
Wir sind vom Harzer Grenzgebiet
und halten treulich stand,
wir reichen jedem Friedensfreund
in Ost und West die Hand.“

(nach Kiehl 1990, S. 67)

Sämtliche Lieder sind Harzer Heimatlieder und stehen im regionalen und geschichtlichen Kontext ihrer Entstehung, hier der deutschen Teilung, die den Harz zum Grenzgebiet machte.

Literatur

Ernst Kiehl, Harzer Wanderliederbuch, hrsg. vom Landesheimatbund Sachsen-Anhalt e. V., Wernigerode 1990

Kathrin Pöge-Alder, „Archiv Zentrum HarzKultur in Wernigerode: Schätze, Erbe, Perspektiven“, in: Alltag sammeln. Perspektiven und Potentiale volkskundlicher Sammlungsbestände, hrsg. von Katrin Bauer, Dagmar Hänel und Thomas Leßmann, Münster 2019, S. 79–100

Links

Harz-Oratorium wird im Archiv aufbewahrt, Volksstimme.de vom 10.11.2014

Zentrum HarzKultur in Wernigerode

SM 2020