Komponisten

Rust, Friedrich Wilhelm (1739–1796)

* 06. Juli 1739 in Wörlitz, † 28. Februar 1796 in Dessau

Porträt von Friedrich Wilhelm Rust (von Joseph Friedrich August Schall)

Biografie

Friedrich Wilhelm Rust wurde 1739 in Wörlitz bei Dessau geboren. Er wuchs in einem recht wohlhabenden Elternhaus auf und lernte schon in den frühen Jahren seines Lebens Violine und Klavier. Das lutherische Gymnasium in Köthen besuchte er von 1755 bis 1758, bevor er zum Studium der Rechte und der schönen Wissenschaften an die Universität Halle ging. Im Gegenzug für gelegentliche Vertretungen an der Orgel zu Gottesdiensten unterrichtete ihn Wilhelm Friedemann Bach in Komposition, Orgel- und Klavierspiel. In seiner Autobiografie schreibt Rust dazu: „Dieser so finstre und sonst mit seiner Kunst so geizige Mann bat ihn öfters auf eine bachische Fuge zu Gaste, und verwunderte sich nicht wenig, ihn das Thema von einer Fuge, welche Herr Bach vorher auf der Orgel gespielt hatte, mit wenigen Abweichungen auf dem Claviere durchführen zu hören […]. Sein Unterricht sowohl auf dem Clavier als auf der Violin wurde damals von vielen Studenten gesucht.“ (Rust um 1775, zit. n. Buchmann 2010, S. 130)

1762 verließ Friedrich Wilhelm Rust die Stadt Halle, und von nun an finanzierte Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau seine weitere musikalische Ausbildung. Fürst Franz war zwar kein besonderer Musikkenner, doch schenkte er der Kunst und Musik seine Aufmerksamkeit und hatte das Ziel, seine Residenz in Anhalt-Dessau zu einem künstlerisch-kulturellen Zentrum auszubauen. Ab 1762 bekam Rust Unterricht bei Carl Höckh in Zerbst (Violine) sowie in Berlin und Potsdam bei Franz Benda (Violine) und Carl Philipp Emanuel Bach (Klavier). Als Mitglied der Reisegesellschaft des Fürsten erhielt er 1765/66 Einblick in das musikalische und künstlerische Milieu Italiens und lernte auch italienische Komponisten von Rang und Bedeutung kennen (u. a. Pietro Nardini, Gaetano Pugnani, Giuseppe Tartini und Padre Martini). Diese Reise sollte sein stilistisches Empfinden in der Musik und seine Art des Unterrichtens stark prägen. Dazu heißt es im Rückblick in seiner Autobiografie: „Herr Rust suchte nunmehr bey stiller Muße sich alles desjenigen wieder zu erinnern, was er gesehen und gehört hatte, und den besten Nutzen daraus zu ziehn. […] Seine Lehrart im Singen sowohl als auf dem Clavier und der Violin hat manch gute Scholaren gebildet, worunter er sich  des Glückes rühmen kann, einige hohe Personen mit zu zählen.“ (Rust um 1775, zit. n. Buchmann 2010, S. 131)

Gedenktafel an Friedrich Wilhelm Rusts Geburtshaus in Wörlitz

 

Nach der Italien-Reise kehrte Rust nach Anhalt-Dessau zurück. Der Staat war nach dem Siebenjährigen Krieg und mehreren schweren Überschwemmungen zahlungsunfähig geworden, was dazu führte, dass die Hofkapelle finanziell zurückgestellt wurde. Zwar blieb eine Anstellung am Hof zunächst aus, doch Friedrich Wilhelm Rust fand sich auch in den bürgerlich-städtischen Kreisen gut aufgehoben. So gab er weiterhin Instrumental- und Gesangsunterricht und bereicherte das städtische Musikleben mit Konzertreihen, die er ins Leben rief. Diese Abonnementskonzerte fanden das erste Mal im Jahr 1770 statt und wurden in den 1770er- und 1780er-Jahren fortgeführt. Die Musikalische Gesellschaft, die unter Rusts musikalischer Leitung zeitgenössische Werke aufführte, bestand zum größten Teil aus musikalischen Laien ohne professionelle musikalische Ausbildung.

Als herausragendes Ereignis im bürgerlichen Musikleben Dessaus erwies sich 1775 die Gründung des „Gesellschaftlichen Theaters“ (vgl. Buchmann 2010, S. 135 ff.), bei dem Rust als Organisator und musikalischer Leiter fungierte. In ungezwungener Atmosphäre trafen sich hier bürgerliche Oberschicht und Hofgesellschaft, um bei Musik, Theater und anschließendem Picknick oder Tanz zusammenzukommen. Zum Repertoire zählten Schauspiele, Opern und Singspiele vorwiegend zeitgenössischer Komponisten und so auch etliche Bühnenwerke und Schauspielmusiken, die Rust selbst für dieses Theater geschaffen hatte. Im selben Jahr wurde Rust zum „Fürstlichen Musikdirektor“ ernannt und hatte damit vermutlich seine erste feste Anstellung bei Hofe.

Auch für die individuelle musikalische Bildung des Dessauer Bürgertums war Rust mitverantwortlich. So bildete er seine Frau und seine Schwägerin im Gesang aus und unterrichtete auch viele Instrumentalisten am „Gesellschaftlichen Theater“. Er gilt als musikalischer Lehrer und Erzieher Dessaus. In Dessau starb er am 28. Februar des Jahres 1796.

Musikhistorische Bedeutung

Durch Rusts vielfältiges Wirken als Musiker, Komponist, Musikpädagoge und Musikorganisator entwickelte sich in Anhalt-Dessau in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine bedeutende Musikkultur, die bürgerlich-städtisches und höfisches Musikleben zusammenführte. Dies übte auch auf Menschen außerhalb der Landesgrenzen eine gewisse Anziehungskraft aus. Friedrich Wilhelm Rust galt über die Grenzen Anhalt-Dessaus hinaus als ein geachteter und geehrter Musiker und Komponist. Von seinen Werken wurden zu Lebzeiten jedoch nur wenige gedruckt.

Der alle zwei Jahre stattfindende Violin-Förderwettbewerb der Ostdeutschen Sparkassenstiftung wurde 2016 in Rust-Preis umbenannt.

Notendeckblatt

Werke

Friedrich Wilhelm Rust komponierte im empfindsamen Stil. Sein umfangreiches Schaffen umfasst geistliche wie auch weltliche Vokalmusik, Bühnenwerke und Instrumentalmusik.

Dazu gehören Oden und Lieder (u. a. Wanderers Nachtlied nach Goethe), die Bühnenwerke Inkle und Yaryko (1777), Fingal und Lochlin (1778), Inamorulla (1778), Colma (1777), Der blaue Montag (1777) und Korylas und Lalage (1786), aber auch ein deutsches Te Deum (Herr Gott, wir loben dich) und Kantaten zu festlichen Anlässen, darunter Allergnädiger in allen Höhen (1785) zur Einweihung der renovierten Schlosskirche St. Marien sowie Groß ist der Herr (1791) zum Fest der fünfzigjährigen Amtseinführung des Superintendenten Simon Ludwig Eberhard de Marées und Gott ist die Liebe (1792) zum Einzug des neuvermählten Fürstenpaares Friedrich von Anhalt-Dessau und Christiane Amalie von Hessen-Homburg.

Ebenso sind 122 Instrumentalwerke überliefert, darunter zahlreiche kammermusikalisch besetzte Stücke und Klaviermusik (Sonaten, Variationen sowie eine Suite). Über Rust als Komponisten von Klavierwerken heißt es, er habe zeitgenössische Konventionen hinter sich gelassen und einen eigenen Stil entwickelt (Buchmann 2005/2016).

Klangbeispiele

Klaviersonate in Des-DurPianist: Vladimir Pleshakov

CD-Tipp zum Nachhören: Friedrich Wilhelm Rust. Der Clavierpoet

Noten zum Download

Werke von F. W. Rust in der Petrucci Music Library

Literatur

Lutz Buchmann, Art. „Rust, Friedrich Wilhelm“, in: MGG Online, hrsg. von Laurenz Lütteken, Kassel, Stuttgart, New York: 2016ff., zuerst veröffentlicht 2005, online veröffentlicht 2016, https://mgg-online.com/article?id=mgg11185&v=1.0&rs=id-f0aa46d5-bef1-0302-10ed-53da524df8e0.

Lutz Buchmann: „Friedrich Wilhelm Rust (17391796) und die Anfänge des bürgerlichen Musiklebens im Dessau des 18. Jahrhunderts“, in: Bürgerliches Musizieren im mitteldeutschen Raum (= Beiträge zur Regional- und Landeskultur Sachsen-Anhalt, H. 53), hrsg. von Kathrin Eberl-Ruf, Carsten Lange und Annette Schneider, Halle 2010, S. 128139.

Friedrich Wilhelm Rust, „Lebenslauf von eigener Hand“, um 1775 niedergeschrieben, Handschrift im Stadtarchiv Dessau, Slg. Rust, abgedruckt in: Lutz Buchmann, Friedrich Wilhelm Rust (1739–1796). Untersuchungen zu seinem Liedschaffen und seinem Beitrag zur Überlieferung der Werke Johann Sebastian Bachs, Diss. Halle (Saale) 1986 (mschr.), Anh. I (Dokumente), S. 7389.

Links

Jermaine Sprosse – F.W. Rust: Keyboard Works – About the Recording (Video)

Rust-Preis der Ostdeutschen Sparkassenstiftung

Anregungen für den Unterricht

Bearbeitung oder Fälschung? – Bearbeitung von Klaviersonaten von F. W. Rust durch seinen Enkel, Thomaskantor Wilhelm Rust, der die Werke seines Großvaters im Stile Beethovens „verbesserte“ (vgl. dazu auch die Bearbeitungen von Werken alter Musik durch  Robert Franz).

Materialien zum Download

Arbeitsblatt

Komponisten in Sachsen-Anhalt

Simon Evans 2017

Der Beitrag entstand im Rahmen eines Seminars im Sommersemester 2017 an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.