Musikleben

Goethe-Theater Bad Lauchstädt

Das Goethe-Theater Bad-Lauchstädt im Jahr 2005

 

Das im 18. Jahrhundert aufgrund seiner Heilquelle zum beliebten Kurort avancierte Städtchen Bad Lauchstädt, 15 Kilometer von Halle entfernt, war zu seiner Blütezeit nicht nur zeitweilig Sommerresidenz des kurfürstlich-sächsischen Hofes sowie Ausflugsziel zahlreicher hallescher Bürger und Studenten, die der preußisch-pietistischen Enge ihrer Heimatstadt entfliehen wollten, sondern wurde zunehmend auch zum Mittelpunkt eines reichen Kultur- und Theaterlebens. Dies galt besonders, als ab 1791 Johann Wolfgang von Goethe als neuer Oberdirektor des Weimarer Hoftheaters in den Sommermonaten mit seinem Ensemble dort gastierte und seine Ehefrau Christiane häufiger Kurgast war, oft mehrere Wochen im Jahr.

Schnell schon genügte das von seinem Vorgänger Joseph Bellomo errichtete Schauspielhaus Goethes gehobenen Ansprüchen nicht mehr, sodass er in nur wenigen Monaten ein neues Theater nach eigenen Entwürfen und Skizzen und z. T. mit privaten finanziellen Mitteln durch den am Weimarer Hof wirkenden Berliner Architekten Heinrich Gentz (1766–1811) erbauen ließ. Einweihung des seit den 1960er-Jahren Goethe-Theater genannten schlichten Fachwerkbaus war am 26. Juni 1802 mit Mozarts Oper La clemenza di Tito und Goethes Vorspiel Was wir bringen, das dieser extra zu dem Anlass verfasst hatte.

Das Gebäude, dessen Abweichen vom Ein-Dach-Prinzip zugunsten einer funktionalen baulichen Dreigliedrigkeit damals eine Besonderheit war, erhielt im Zuschauerraum eine Art am Dachstuhl befestigtes Zeltdach, das an ein Sonnensegel über einer antiken Arena erinnern sollte. Eine Kulissenmaschine machte drei Bühnenbilder bei geöffnetem Vorhang möglich. Die Bühne selbst war schräg angelegt, was ebenfalls die Sicht auf das Geschehen begünstigte, und entsprach von den Proportionen her genau der des Weimarer Hoftheaters. Insgesamt stellte der Bau zu seiner Entstehungszeit den „Prototyp des modernen bürgerlichen Theaters“ dar (vgl. https://goethe-theater.com/goethe-theater/das-theater/).

Modell des Theaters Lauchstädt, Leihgabe des Theaterwissenschaftlichen Instituts Köln auf der Deutschen Theaterausstellung 1927

 

Von Anfang an war das neue Theater nicht nur Schauspiel-, sondern gleichermaßen auch Opern-Spielstätte. Mozart-Opern, deren Aufführung Goethe besonders förderte, standen ebenso auf dem für diese Zeit „überaus modernen“ Spielplan (vgl. Zauft/Pantenius 2009, S. 79) wie Werke von Domenico Cimarosa (1749–1801) und Carl Ditters von Dittersdorf (1739–1799).

Als im Jahr 1811 das Theaterverbot in Halle aufgehoben und ein eigenes hallesches Theater gebaut wurde, ging auch die Bedeutung der Theateraufführungen in Bad Lauchstädt zurück. Goethe beendete sein Engagement, 1815 fiel Bad Lauchstädt an Preußen und im Jahr 1818 ging das Theater in preußischen Staatsbesitz über.

Im Sommer 1834, als der 21-jährige Richard Wagner als Musikdirektor für die in Magdeburg engagierte Bethmann’sche Schauspieltruppe nach Bad Lauchstädt kam, zeigte das Theater bereits erste Alterserscheinungen. Das Dach hatte sich gesenkt und das Gebäude daraufhin Stützpfeiler aus Sandstein erhalten, um den Halt zu sichern (vgl. https://www.wagner200.com/synchronik/bad-lauchstaedt.html). Wagner lernte in Lauchstädt seine spätere erste Frau Minna Planer kennen und dirigierte dort bereits zwei Tage nach seinem Amtsantritt Mozarts Don Giovanni.

Das Goethe-Theater während einer Veranstaltung im Juni 2012

 

Dem halleschen Operndirektor Max Richards und dem Bankier Heinrich Lehmann ist es zu verdanken, das das Goethe-Theater Anfang des 20. Jahrhunderts nicht gänzlich dem Verfall preisgegeben wurde. Mit eigenen Mitteln finanzierten sie von 1906 bis 1908 die Sanierung des Gebäudes und ermöglichten so eine neue Blütezeit, die mit der Uraufführung von Gerhart Hauptmanns Drama Gabriel Schillings Flucht im Jahr 1912 unter Anwesenheit des Autors einen Höhepunkt fand. Allerdings wurde damals die historische Kulissenmaschine ausgebaut und durch moderne Bühnentechnik ersetzt. Erst mit der erneuten Renovierung 1966 bis 1968 wurde die alte Kulissentechnik originalgetreu rekonstruiert, allerdings wird der Wellbaum der Bühnenmaschine seither durch einen Elektromotor angetrieben.

Zu DDR-Zeiten spielten alle bedeutenden Bühnen des Landes in Bad Lauchstädt und machten den kleinen Ort zum „Schaufenster für Theater der DDR“ (vgl. Das echte Goethe-Theater, Deutschlandfunk Kultur, s. Link unten). Zudem wurde das Theater mit seiner Kulissenbühne als idealer Ort für barocke Operninszenierungen vorrangig für die Aufführung der Opern des in Halle geborenen Georg Friedrich Händel genutzt. Auch heute noch ist Bad Lauchstädt einer der Spielorte der jährlichen Händel-Festspiele Halle. Ein weiterer Schwerpunkt sind nach wie vor die Opern Wolfgang Amadeus Mozarts beim jedes Jahr stattfindenden „Theatersommer“, zuletzt im Jahr 2019 Die Zauberflöte in der Weimarer Fassung von 1794 nach einem Libretto von Goethes Schwager Christian August Vulpius.

Heute umfasst das Repertoire des Goethe-Theaters Musiktheater, Schauspiel, Konzert und Literatur, meistens in Form von Gastspielen. Ein eigenes Ensemble hat das kleine Theater nicht, aber es besteht eine enge Zusammenarbeit mit der Oper Halle. Seit einigen Jahren finden auch Werke des 19. Jahrhunderts im Rahmen des „Theatersommers“ ihren Weg auf die Lauchstädter Bühne, beispielsweise Carl Maria von Webers Freischütz, Friedrich von Flotows (1812–1883) romantisch-komische Oper Martha oder der Markt zu Richmond (beide 2012) oder die zweieinhalbstündige Marionetten-Version von Richard Wagners Der Ring des Nibelungen (2013). Des Weiteren wird seit 2007 das von der Sängerin Edda Moser initiierte „Festival der deutschen Sprache“ im Bad Lauchstädter Theater veranstaltet (aktueller Spielplan hier). Die Sichtverhältnisse im Goethe-Theater sind gut, besonders auf der halbrunden Galerie, und auch die Akustik ist durch den Leinwand-Plafond als Gewölbedecke ausgezeichnet.

Seit 2015 wird das Goethe-Theater erneut restauriert, finanziert vom Land Sachsen-Anhalt, der Hermann-Reemtsma-Stiftung, der Ostdeutschen Sparkassenstiftung und vom Freundeskreis des Theaters. Zuletzt wurde im April 2021 die historische Zeltdecke fertiggestellt.

Klangbeispiel

Amadigi, Zauberoper von G.F. Händel, Zusammenschnitt einer Probe im Goethe-Theater Bad-Lauchstädt im Mai 2005, Wolfgang Katschner, Lautten Compagney Berlin, Produktion im Rahmen der Händel Festspiele

Literatur

Christian Antz (Hrsg.), Christoph Neef (Text), Musikland Sachsen-Anhalt. Eine musikalische Reise durch Sachsen-Anhalt (= Kulturreisen in Sachsen-Anhalt, Bd. 4), Dößel (Saalekreis) 2005, S. 86–89.

Karin Zauft, Michael Pantenius, Musikleben in Sachsen-Anhalt. Reiseführer, Halle (Saale) 2009, S. 78–80.

Links

Website des Goethe-Theaters

Das echte Goethe-Theater, Deutschlandfunk Kultur, Kirsten Liese, Beitrag vom 24.01.2020

Frisch restauriert: Goethes Himmelszelt fürs Theater in Bad Lauchstädt, MDR-Kultur, Beitrag vom 20. April 2021

DER FREISCHÜTZ – Bad Lauchstädt, Goethe-Theater, Theatersommer (Operapoint 2012)

Samiel, Frankfurter Rundschau vom 08.05.2019

Kleinod im Saalekreis: Die Historischen Kuranlagen und das Goethe-Theater in Bad Lauchstädt (Verein Deutsche Sprache)

SM 2021