Musikleben

Oper Halle

Spielstätte der Oper Halle, die zur Theater, Oper und Orchester GmbH Halle (TOOH) gehört, ist das Opernhaus am Joliot-Curie-Platz mit Produktionen in den künstlerischen Bereichen Oper, Operette, Musical und Junge Oper. Auch das Ballett Rossa ist hier ansässig. Das Gebäude wird ebenfalls für Konzerte und Festivals wie die Filmmusiktage Sachsen-Anhalt oder Women in Jazz genutzt. Seit 2006 ist die Staatskapelle Halle das hauseigene Orchester.

Das Opernhaus in Halle (2021)

Geschichte

Die hallesche Operngeschichte begann im Jahr 1654 mit der Gründung einer Hofoper durch Herzog August von Sachsen-Weißenfels, fand aber mit der Verlegung des Hofes nach Weißenfels schon im Jahr 1680 ein vorläufiges Ende. Philipp Stolle und David Pohle hatten in dieser Zeit die musikalische Leitung der halleschen Hofkapelle inne. Eine der Spielstätten der Hofoper war der Große Saal in der ersten Etage der „Neuen Residenz“ des Herzogs am Domplatz.

Es folgte eine fast das gesamte 18. Jahrhundert andauernde „theaterlose“ Phase, die auf das pietistisch geprägte universitäre Umfeld August Hermann Franckes zurückzuführen ist, welches sich gegen alle Vergnügungen wandte, die der „sittlichen Reinheit“, insbesondere der „studirenden Jugend“, entgegenstehen könnten (vgl. Hecker 2021). Die Theaterbegeisterung der Jugend ließ sich durch das offizielle Theaterverbot allerdings nicht bremsen und führte schließlich zur „Abwanderung“ der halleschen Theaterfreunde ins benachbarte Bad Lauchstädt, wo ab 1791 Goethes Weimarer Hofschauspielergesellschaft spielte. Nach dem Bau des neuen Lauchstädter Schauspielhauses nach Plänen Goethes im Jahr 1802 war Halle zur Theatersaison im Sommer „regelrecht entvölkert“ (Lenk 2011, S. 8).

Erst im Jahr 1811 wurde auf Initiative des Arztes und Professors Johann Christian Reil in der ehemaligen Kirche des Barfüßerklosters in Halle ein „stehendes Theater“ (vgl. https://buehnen-halle.de/opernhaus) eingerichtet, das allerdings schon 1827 dem Neubau der halleschen Universität, dem heutigen „Löwengebäude“, weichen musste.

Im Jahr 1837 wurde am Standort des heutigen Opernhauses, dem Kleinen Petersberg, erneut ein Schauspielhaus unter dem offiziellen Namen „Schauspielhaus an der Alten Promenade“ eröffnet, das aufgrund der Bescheidenheit des Baus im Volksmund auch „Kunstscheune“ genannt wurde. Dennoch kamen hier zahlreiche bedeutende Musiktheater-Werke der damaligen Zeit zur Aufführung, wie z. B. Beethovens Fidelio noch im Eröffnungsjahr sowie Wagners Lohengrin. Berühmte Künstler traten hier auf, darunter Albert Lortzing als Sänger und Dirigent eigener Werke.

Da die kleine „Kunstscheune“ den gehobenen Ansprüchen im 1871 gegründeten Deutschen Reich letztendlich nicht mehr entsprach und durch viel verbautes Holz auch brandgefährdet war, wurde sie in den Jahren 1884–1886 durch den Neubau eines Stadttheaters nach einem Entwurf des Berliner Architekten Heinrich Seeling ersetzt. Bei der Eröffnung am 9. Oktober 1886 galt es von der Bühnentechnik her als eines der innovativsten in Europa neben der Budapester Oper. Es gab sogar bereits eine elektrische Beleuchtung.

Stadttheater Halle, Postkarte um 1905

 

Unter der Leitung des Direktors Max Richards (von1897 bis 1915) erlebte das Stadttheater Halle mit Aufführungen zahlreicher zeitgenössischer Opern, darunter z. B. Salome und Der Rosenkavalier von Richard Strauss, eine erste Blütezeit, deren Höhepunkt die Wagner-Festspiele im Mai 1910 waren. Im Jahr 1922 wurde mit Orlandos Liebeswahn im Stadttheater die erste Händel-Oper in Halle inszeniert und damit der Grundstein gelegt für die bis heute andauernde Pflege von Händels Opernschaffen in seiner Geburtsstadt Halle.

Nach der gravierenden Zerstörung am 31. März 1945 durch einen Bombenangriff wurde das hallesche Stadttheater unter der Leitung von Kurt Hemmerling über mehrere Jahre wieder aufgebaut und 1951 mit Beethovens Fidelio als Landestheater Sachsen-Anhalt (später Landestheater Halle) wiedereröffnet. Kurz nach der Einweihung erhielt das Gebäude den Namen „Theater des Friedens“. Bei der fast kompletten Erneuerung wurde u. a. auf  die Rundbogenfenster im Obergeschoss der Eingangsfassade, den Giebelschmuck und die  charakteristische Kuppel über dem Bühnenhaus verzichtet, sodass das Bauwerk seine einstige Pracht weitestgehend verlor. Eine weitere Modernisierung und erneute musikalische Weihe erfolgte 1968 zum 65. Geburtstag des damaligen Generalmusikdirektors und Chefdirigenten Horst-Tanu Margraf.

Von 1986 bis 1990 war der renommierte und mehrfach ausgezeichnete Opern-Regisseur Peter Konwitschny Hausregisseur am Landestheater Halle, „wo seine profilierten Inszenierungen, darunter Floridante und Rinaldo, wesentlich dazu beigetragen haben, die Händel-Pflege neu zu beleben“ (vgl. https://buehnen-halle.de/peter_konwitschny). Eine Wiederaufnahme dieser Zusammenarbeit erfolgte 2019 mit Konwitschnys Inszenierung von Händels Julius Cäsar in Ägypten.

“Theater des Friedens” 1951

 

Bis zur Gründung des Neuen Theaters auf der späteren Kulturinsel am 8. April 1981 mussten sich im Landestheater Halle sämtliche Sparten von Oper über Schauspiel, Ballett und Konzert eine Bühne teilen. Erst 1991 folgte dann die offizielle Trennung von Musiktheater und Schauspiel. Aus dem Landestheater Halle ging 1992 mit dem Intendanten Klaus Froboese das Opernhaus Halle hervor, das 2009 unter dem Dach der TOOH zur Oper Halle wurde. Seither wurde und wird das Gebäude peu à peu im Sinne einer möglichst originalgetreuen Ansicht restauriert. Bisher sind die Schaufassade (Südseite) inkl. der Fassadenfiguren, die 1993 auf einem Gutshof in der Nähe des Passendorfer Schlösschens gefunden worden waren, und 2011 die Ostfassade rekonstruiert worden. Weitere Maßnahmen sollen je nach Finanzlage folgen.

Repertoire

Die Oper Halle „bietet der Bevölkerung die ganze Breite und Vielfalt des Musiktheaters am Puls der Zeit“, wie auf der Website der Stadt Halle zu lesen ist (vgl. https://m.halle.de/de/kultur/freizeit/m.aspx?RecID=351). Bekannte Repertoirestücke wie Beethovens Fidelio, Verdis Aida oder Ariadne auf Naxos von Richard Strauss finden sich ebenso wie Operetten, Musicals und Uraufführungen von Auftragskompositionen (z. B. 2017 Sacrifice von Sarah Nemtsov, 2018 Mein Staat als Freund und Geliebte von Johannes Kreidler mit dem Chor als Protagonisten, 2017 Groovin‘ Bodies, Ballett mit Musik von Ivo Nitschke und Ralf Schneider in der Raumbühne HETEROTOPIA sowie 2021 Im Stein, Musiktheater von Sara Glojnarić und Clemens Meyer).

Als Alleinstellungsmerkmal mit internationalem Renommee gilt die jährliche Neuproduktion einer Händel-Oper mit dem auf historischen Instrumenten musizierenden Händelfestspielorchester anlässlich der seit 1952 jährlich stattfindenden Händel-Festspiele. Ein weiteres Kontinuum in der Arbeit des Opernhauses stellt die Kooperation mit dem Goethe-Theater Bad-Lauchstädt dar, die sich vor allem in zahlreichen Inszenierungen und Aufführung von Mozart-Opern wie Die Zauberflöte, Die Hochzeit des Figaro, Die Entführung aus dem Serail oder Così fan tutte in Bad Lauchstädt niederschlägt. Ein besonderer Publikumserfolg sind zudem die mit dem Kinder- und Jugendchor der Oper produzierten Musicals, darunter 13 – Das Musical,  Spring Awakening und Annie, welche Kindern und Jugendlichen aus Halle und Umgebung die Möglichkeit geben, unter fachkundiger Anleitung auf der großen Bühne zu stehen.

Seit der Übernahme der Intendanz durch Florian Lutz, der im Jahr 2016 Axel Köhler ablöste, erfuhr die Oper Halle eine inhaltliche Neuausrichtung, die ihr auch überregional „zahlreiche Würdigungen und nationale Aufmerksamkeit“ (ebd.) brachte. So erhielt Sebastian Hannak im Jahr 2017 für die Raumbühne HETEROTOPIA den deutschen Theaterpreis DER FAUST in der Kategorie Bühnenbild. Nach einem eskalierten Streit zwischen Geschäftsführung und künstlerischer Leitung verließ Florian Lutz 2020 die hallesche Oper. Der Brite Walter Sutcliffe wird ab der Spielzeit 2021/2022 neuer Intendant. Das Ballett Rossa wird kommissarisch von Michal Sedláček geleitet, nachdem der seit 1998 amtierende Ballettdirektor Ralf Rossa im Jahr 2019 in den Ruhestand gegangen ist.

Befördert durch die künstlerischen Einschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie, hat die Oper Halle ihr digitales Angebot ausgebaut. Darunter befindet sich auch die Video-Reihe #operbackstage, die im Rahmen der Theaterpädagogik Einblick in die Bereiche hinter den Kulissen gibt und damit das umfangreiche Angebot der Bühnen Halle für Kinder, Jugendliche und Pädagog*innen ergänzt (Informationen hier).

Fassadenskulptur am Opernhaus

Klangbeispiele

La Traviata, Oper von Giuseppe Verdi in drei Akten, Oper Halle, Premiere 18. September 2020 (Trailer)

Teseo, Dramma tragico von Georg Friedrich Händel in einer Spielfassung von Martin G. Berger, Oper Halle, Händelfestspielorchester, Premiere 2. Oktober 2020 (Trailer)

Mein Staat als Freund und Geliebte, Oper von Johannes Kreidler für Chor, Video, einen Schauspieler, einen dramatischen Tenor, Ballett, Orchester und Elektronik, Oper Halle, Premiere Freitag, 27. April 2018 (Dokumentation)

Groovin‘ Bodies, Ballett von Ralf Rossa, Auftragskomposition der Oper Halle von Ivo Nitschke und Ralf Schneider, Premiere am 7.10.2017 in der Raumbühne HETEROTOPIA (digitales Opernhaus, volle Länge)

13 – Das Musical, Oper Halle 2012 (Trailer)

Spring Awakening, Musical nach Frank Wedekind von Duncan Sheik und Steven Sater, Oper Halle 2017 (Trailer)

Literatur

125. Jahrestag des halleschen Stadttheaters – Theatertraditionen in der Saalestadt, hrsg. von der Theater, Oper und Orchester GmbH Halle, Susanne Holfter, Margrit Lenk (Konzept und Redaktion), Halle 2011.

Schnell vergangen? 10 Jahre Opernhaus Halle, hrsg. vom Opernhaus Halle, Ann-Kathrin Hanss (Redaktion), Halle ca. 2002.

Sven Hecker, Johann Christian Reil – Halles langer Kampf um ein eigenes Theater – beendet von einem Arzt, MDR KULTUR, 3. Februar 2021, https://www.mdr.de/kultur/theater/eroeffnung-reilsches-theater-halle-achtzehnhundertelf-100.html.

Links

Website der Bühnen Halle

Oper Halle auf halle.de

Goethe-Theater Bad-Lauchstädt

SM 2021