Komponisten

Stolle, Philipp (1614–1675)

* 01. August 1614 in Radeburg (Sachsen), † 04. Oktober 1675 in Halle (Saale)

Biografie

Philipp Stolle, 1614 in Radeburg in Sachsen geboren, war ein deutscher Komponist, Tenor sowie Theorbist (Instrumentalist, Theorbe gehört zur Familie der Lauteninstrumente). Er war ab 1631 Diskantsänger in der Dresdner Hofkapelle, welche unter der Leitung von Heinrich Schütz stand. Stolle dürfte von Heinrich Schütz Unterricht erhalten haben. Zudem genoss er seine Ausbildung bei dem Theorbisten Caspar Kittel. Zehn Jahre später erfolgte seine Einstellung als Sänger, Theorbist sowie Lehrer der Kapellknaben. Stolle blieb bis 1653, mit Ausnahme einiger Unterbrechungen, in der Dresdner Hofkapelle. So wirkte er beispielsweise 1634 in Dänemark als Mitglied der Kapelle des dänischen Prinzen Christian. Auch im Jahre 1642 reiste Stolle zusammen mit Schütz, der zu dieser Zeit zusätzlich königlich-dänischer Kapellmeister war, und einigen Mitgliedern der Dresdner Hofkapelle nach Dänemark, um die Doppelhochzeit der Töchter König Christians IV. musikalisch zu gestalten. Im Zuge der Ereignisse im Dreißigjährigen Krieg folgten die Musiker gerne dem Angebot des dänischen Königs.

Am 16. Januar 1649 heiratete Philipp Stolle Anna Margarethe geb. Krätzschmer. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor. Im Jahre 1654 erschien in Dresden seine Sammlung David Schirmers Singende Rosen oder Liebes- und Tugendlieder. Philipp Stolle hatte hierbei die Texte/Gedichte des Dresdner Hofdichters David Schirmer vertont. 

David Schirmers Poetische Rosen-Gepüsche, Dresden: Löfler 1657, Titelseite

 

Erstes Rosen-Gepüsch (Auszug)

 

Kurz zuvor war es jedoch zu einem Zerwürfnis zwischen Stolle und dem Kurprinzen Johann Georg gekommen, was seinen Weggang aus Dresden zur Folge hatte. Vermutlich wollte er sich der vom Kurprinzen initiierten Pflege moderner italienisch-barocker Musik nicht fügen. 1654 fand er schließlich eine Dauerstellung in Halle am Hofe Herzog Augusts von Sachsen, Administrator des Erzbistums Magdeburg, und erlangte 1659 das hallesche Bürgerrecht. Zwar wurde Stolle nicht der reguläre Nachfolger Samuel Scheidts als Hofkapellmeister – womöglich hatte dies etwas mit der Vergütung, die mit diesem Status verbunden war, zu tun –, jedoch komponierte er als musikalischer Leiter die ersten szenischen Werke. 1661 wurde David Pohle Hofkapellmeister, unter dem Stolle bis zu seinem Tode 1675 Kapellmitglied war. „Stolle zählte am Ende seines Lebens außer seiner Stellung als Kammerdiener zur ersten Kategorie der Hofmusiker mit relativ hohem Gehalt.“ (Steude 2016)

Musikhistorische Bedeutung

Die 1654 in Halle erschienene Hochzeit der Thetis wurde vermutlich von Philipp Stolle komponiert und gilt als die erste hallesche Hofoper – sie ist jedoch nicht mehr erhalten. Als sicher gilt  Stolles Autorschaft für das Singspiel Charimunda (1658).

„Charimunda“, Titelseite und eine Seite aus dem Notenanhang

 

Dieser frühe Operntyp ist eine Art Schauspiel, bei dem nur die Aktschlüsse strophische Lied- und Choreinlagen aufweisen. Ansonsten ist lediglich ein einziges lautenbegleitetes Sololied (Entferne dich du Tag der Nacht) erhalten. Es ist recht wahrscheinlich, dass ab 1660 David Pohle für die Kirchenmusik und Philipp Stolle für die Opernmusik zuständig war. Jedoch ist insgesamt sehr wenig von Stolles Werk überliefert. Dennoch war sein Schaffen als Komponist essenziell wichtig für das Aufkommen der frühdeutschen Oper im mitteldeutschen Raum. Die Gattung zeichnete sich dadurch aus, dass vor allem der Text im Vordergrund stand und schlichte Liedeinlagen anstatt Arien enthalten waren. Der Komponist wurde oftmals kaum erwähnt. Besonders während der Regentschaft Augusts erlebte die frühdeutsche Oper eine Hochphase und wurde auch nach dem Tod des Herzogs im Jahre 1680 noch weiter gepflegt.

Werke

David Schirmers Singende Rosen oder Liebes und Tugend Lieder für 1 Singstimme und Basso continuum, Dresden 1654 (enth. 68 Lieder)

=> Am Ende des Drucks von Singende Rosen folgender Hinweis: „Lebe gesund und erwarte künftig etliche dergleichen, jedoch Geistliche Arien“; diese müssen als verschollen gelten

Hochzeit der Thetis (1654), verschollen

Neu anmuthiges Schauspiel genahmt Charimunda oder Beneideter Liebessieg, Halle 1658 (enth. 5 Lieder, davon 4 als „Chor“ bezeichnete Aktschlüsse [notiert 1 Singst. und B.c.])

Klangbeispiele

Philipp Stolle war u. a. auch Theorbist. Das erste Klangbeispiel für Theorbe stammt von Alessandro Piccinini (1566–1638), der sich selbst als „Erfinder“ der Theorbe sah, was aber umstritten ist.

Toccata IV von Alessandro Piccinini

Toccata L‘ Arpeggiata von Johann Hieronymus (auch Giovanni Girolamo) Kapsberger (Christina Pluhar, Theorbe)

Francesco Cavalli – L‘ Armonia (L‘ Arpeggiata – Christina Pluhar)

Claudio Monteverdi – „Si dolce“ (L‘ Arpeggiata – Christina Pluhar)

Noten zum Download

David Schirmers Singende Rosen Oder Liebes- und Tugend-Lieder, Dresden: Seyffert 1654 (Online-Angebote der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel)

Neu-anmuthiges Schau-Spiel/ genahmt Charimunda/ oder Beneideter Liebes-Sieg/ : Nebenst beygefügten Kunstgesetzten Melodeyen derer darinnen befindlichen Liedergen (digitalisiert von derStaatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz)

Literatur

Kathrin Eberl-Ruf, Walter Serauky, Art. „Halle“, in: MGG Online, hrsg. von Laurenz Lütteken, Kassel, Stuttgart, New York: 2016ff., veröffentlicht 2017-03-16, https://www.mgg-online.com/mgg/stable/15259.

Konstanze Musketa, „David Pohle und die Oper im mitteldeutschen Raum“, in: Georg Friedrich Händel – Ein Lebensinhalt, Halle (Saale) 1995, S.359–368.

Wolfram Steude, Art. „Stolle, Philipp“, in: MGG Online, hrsg. von Laurenz Lütteken, Kassel, Stuttgart, New York: 2016ff., zuerst veröffentlicht 2006, online veröffentlicht 2016, https://www.mgg-online.com/mgg/stable/15592.

Links

Oper Halle: Strafen nach Strophen (Zeitungsartikel über eine Aufführung u. a. mit Musik von Philipp Stolle)

David Schirmers Poetische Rosen-Gepüsche, Dresden: Löfler 1657 (Online-Angebote der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel)

Materialien zum Download

Arbeitsblätter

Die Theorbe – ein selten gewordenes Instrument (Lösungsblatt für Lehrer*innen auf dem Landesbildungsserver)

Komponisten in Sachsen-Anhalt

Anton Pötzl 2018

Der Beitrag entstand im Rahmen eines Seminars im Sommersemester 2018 an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.