Museen & Sammlungen

Freylinghausensches Gesangbuch (Liedsammlung)

Das nach seinem Herausgeber, dem Theologen, Pädagogen und Lieddichter Johann Anastasius Freylinghausen (16701739), benannte und in Halle entstandene Freylinghausensche Gesangbuch gilt als die wichtigste Liedsammlung des halleschen Pietismus, „auf die noch eine ganze Reihe von Texten und Melodien in Gesangbüchern unserer Zeit zurückgeht“ (https://www.degruyter.com/view/mvw/GGEK-B). Ursprünglich in zwei Teilen konzipiert (das Geistreiche Gesangbuch von 1704 und das Neue Geistreiche Gesangbuch von 1714), erschien es erstmalig 1741 in einer von August Hermann Franckes Sohn Gotthilf August Francke herausgegebenen Gesamtausgabe, die über 1500 Liedtexte und ca. 600 Liedkompositionen enthält (vgl. Dianne Marie McMullen, in: Miersmann/Busch 2002, S. 71). Das Freylinghausensche Gesangbuch fand Verbreitung weit über die Grenzen Europas hinaus bis in die fernöstlichen pietistischen Missionsgebiete, die Lieder wurden in mehrere Sprachen übersetzt.

Kupferstich von Julius Anastasius Freylinghausen

Johann Anastasius Freylinghausen

Geboren in Gandersheim (heute Niedersachsen) und aufgewachsen in einem lutherisch-orthodox geprägten Umfeld, studierte Freylinghausen ab 1689 in Jena, Erfurt und Halle Theologie. Unter dem Einfluss seiner Lehrer Joachim Justus Breithaupt und August Hermann Francke kam er mit dem Pietismus in Berührung, dessen Frömmigkeit ihn überzeugte und ihn später zu einem der wichtigsten Verfechter des Hallischen Pietismus werden ließ.

Im Jahr 1695 folgte Freylinghausen August Hermann Francke nach Halle, obwohl er dort zwanzig Jahre lang keine von der Gemeinde bezahlte Anstellung fand. Stattdessen lebte er bei Francke als Hausgast und stand ihm als Vikar in Glaucha zur Seite. Er unterstützte ihn beim Aufbau seines Waisenhauses und der Schulen, aus denen die heute zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörenden „Franckeschen Stiftungen“ erwuchsen. Zeitweise unterrichtete er Theologie am „Paedagogium regium“, einem Gymnasium für Kinder adliger Herkunft, und schrieb mehrere Lehrwerke zu Grundfragen des Pietismus (z. B. Grundlegung der Theologie, 1703). Zudem leitete er ab 1698 die „Singstunden“, zunächst als private Veranstaltung im Glauchaer Pfarrhaus, ab 1703 in einem Saal des Waisenhauses. Von 1711 an fanden sie dann im neuen großen „Singe-Saal“ statt, dem heutigen „Freylinghausensaal“.

1715 heiratete Freylinghausen Franckes Tochter, die 27 Jahre jüngere Johanna Sophie Anastasia, und wurde mit der Stelle als besoldeter Adjunkt an der Ulrichskirche in Halle, an die Francke als Pfarrer gewechselt war, zum ersten Mal für seine Arbeit regulär bezahlt. Nach Franckes Tod 1727 wurde er dessen Nachfolger im Pfarramt und leitete zusammen mit dessen Sohn Gotthilf August auch die Stiftungen. Er hatte diese Ämter trotz eines Schlaganfalls im Jahr 1728 bis etwa zwei Jahre vor seinem Tod inne.

Freylinghausens Sohn Gottlieb Anastasius war Theologieprofessor und ebenfalls Direktor der Franckeschen Stiftungen.

Stadtgottesacker Halle, Doppelbogen 80/81, Grabstätte von August Hermann Francke sowie von Johann Anastasius Freylinghausen und Gottlieb Anastasius Freylinghausen

Das Gesangbuch

Das sog. Freylinghausensche Gesangbuch brachte den „Durchbruch des pietistischen Liedersingens in ganz Deutschland“ und stellte gleichermaßen „den nachhaltigsten Einschnitt im deutschsprachigen geistlichen Lied seit der Reformation“ (Bayreuher 2016) dar. Christian Friedrich Schemelli und Johann Sebastian Bach übernahmen daraus Lieder für ihr 1736 erschienenes Gesangbuch.

Der 1. Teil, das Geistreiche Gesangbuch, erschien bis 1759 in 19 Auflagen und wurde von Freylinghausen textlich und musikalisch immer wieder verändert. Hervorzuheben ist dabei die 4. Auflage von 1708, bei der ein ergänzendes Melodien-Büchlein hinzukam, von dem bisher nur ein Exemplar nachgewiesen werden konnte.
Der 2. Teil, das Neue Geistreiche Gesangbuch, brachte es immerhin bis 1733 auf 4 Auflagen. Freylinghausens Liedersammlung machte Halle im 18. Jahrhundert zu einem „Zentrum des Gesangbuchdrucks“ (https://www.francke-halle.de/de/neuigkeiten/neuigkeit/hausmusik-freylinghausen/).

Titelblatt der 3. Ausgabe des Geistreichen Gesangbuchs von 1706

 

Die beiden Gesangbücher vereinen bekanntes reformatorisches Liedgut – meistens nur in Textform – und neue Lieder, die zusammen mit den (ebenfalls neuen) Melodien sowie hinzugefügtem Generalbass abgedruckt wurden. Gerade diese im barocken Duktus gehaltenen neuen Lieder, deren tänzerischer und beschwingter Charakter – häufig auch im Dreiertakt – zur damaligen Zeit innovativ war, trugen zur Beliebtheit bei.
„Das ist in liedgeschichtlicher und liedästhetischer Hinsicht insofern von Relevanz, als es zeigt, wie der Erweckungsgesang des halleschen Pietismus einerseits die ältere reformatorische Liedtradition nicht außer Acht läßt, während er andererseits unmittelbar an das rhetorisch geschulte Barocklied anknüpft, dessen Emotionalität und Bildlichkeit ihn nachhaltig prägen.“ (Steffen Arndal, in: Miersmann/Busch 2002, S. 243 f.)
Die Abkehr von der Dominanz des Inhalts hin zu einer „Berauschung“ durch Melodien im Stil der norddeutschen Aria, des Geistlichen Konzerts und der französischen Chanson brachte Freylinghausen aber auch Kritik aus lutherisch-orthodoxen Kreisen ein.

Von Freylinghausen sind 44 Liedtexte gesichert überliefert (vgl. Bayreuther 2016), alle in den beiden Gesangsbüchern. Die Melodien stammen wohl aus seinem pietistischen Umfeld, ohne dass ihre Verfasser bisher eindeutig identifiziert werden konnten.

Mit Macht hoch die Tür, der Nr. 1 des heutigen Evangelischen Gesangbuches, kommt eines der bekanntesten und meistgesungenen Adventlieder aus Halle. Der Text stammt von dem lutherischen Theologen Georg Weissel (1590–1635), die heute gebräuchliche Vertonung erschien erstmals im Geistreichen Gesangbuch von 1704.

“Macht hoch die Tür” im Freylinghausenschen Gesangbuch 1734, Text: Georg Weissel, Melodie: anonym

 

Zu dem Lied Nr. 356 im Evangelischen Gesangbuch, Es ist in keinem andern Heil, schrieb Freylinghausen den Text der 1. Strophe.

Der hallesche Komponist Robert Franz bearbeitete auf der Grundlage der 2. Auflage der Gesamtedition von 1771 mindestens vier Lieder aus dem Freylinghausenschen Gesangbuch für vierstimmigen Chor a cappella, die 1875 veröffentlicht wurden.

Eine wissenschaftliche Aufarbeitung u. a. der zum Teil gravierenden Veränderungen in der langen Editionsgeschichte des Freylinghausenschen Gesangbuches erfolgte ab 2004 mit der von den Franckeschen Stiftungen im Verlag De Gruyter herausgegebenen mehrbändigen kritischen Neuedition auf der Basis der Gesangbücher von 1708 (Teil 1) und 1714 (Teil 2), die 2020 zum 350. Geburtstag Freylinghausens abgeschlossen wurde. Mit dieser Ausgabe wollen die Herausgeber die Sammlung „sowohl der hymnologisch-kirchengeschichtlichen wie der musikwissenschaftlich-philologischen Forschung und Lehre als auch der kirchenmusikalischen Ausbildung und Praxis“ (https://www.degruyter.com/view/mvw/GGEK-B) verfügbar machen (s. u. Literatur).

Für die „Hausmusik“ entstand im Jahr 2020 ein Band mit 24 ausgewählten Liedern aus dem Freylinghausenschen Gesangbuch und einem Klaviersatz von Axel Gebhardt (s. u. Literatur).

In Halle (Saale) erinnert heute der Name „Freylinghausensaal“ für den inzwischen auch als Konzertsaal genutzten großen Versammlungssaal im historischen Waisenhaus der Franckenschen Stiftungen an den großen Bürger der Stadt. Eine private Musikschule trägt den Namen „Freie Evangelische Musikschule Johann Anastasius Freylinghausen Halle e. V.“.

Freylinghausensaal im Historischen Waisenhaus der Franckeschen Stiftungen, Halle (Saale)

Literatur/Notenausgaben

Johann Anastasius Freylinghausen: Lebens=Lauf eines pietistischen Theologen und Gesangbuchherausgebers, Katalog zur Ausstellung der Franckeschen Stiftungen aus Anlass des Jubiläums »300 Jahre Freylinghausensches Gesangbuch«, Halle (Saale) 2004.

Dianne Marie McMullen, Wolfgang Miersemann (Hrsg), Geistreiches Gesangbuch. Edition und Kommentar, 6 Bde., entstanden im Auftrag der Franckeschen Stiftungen im Verlag De Gruyter, Berlin 20042020.

Wolfgang Miersemann (Hrsg.), Kommt nur her und helft mir singen. 24 ausgewählte Lieder aus dem Freylinghausenschen Gesangbuch. Musikalisch eingerichtet von Axel Gebhardt auf Grundlage der kritischen Edition des Freylinghausenschen Gesangbuches von Dianne Marie McMullen und Wolfgang Miersemann, Halle 2020.

Wolfgang Miersmann, Gudrun Busch (Hrsg.), Pietismus und Liedkultur, Tübingen 2002 (= Hallesche Forschungen Bd. 9).

Wolfgang Miersmann, Gudrun Busch (Hrsg.), »Singt dem Herrn nah und fern«. 300 Jahre Freylinghausensches Gesangbuch, Tübingen 2008 (= Hallesche Forschungen Bd. 20).

Links

Geistreiches Gesangbuch, 3. Ausgabe von 1706, Google-Books digital

Digitale Versionen der Ausgaben von 1734 und 1741 in der Bayerischen Staatsbibliothek

»Kommt nur her und helft mir singen.« Vergessene Lieder des 18. Jahrhunderts aus dem Freylinghausenschen Gesangbuch für die Hausmusik wiederentdeckt

Macht hoch die Tür im historisch-kritischen Liederlexikon

SM 2021