Instrumente

Harzzitherbau

Die Harzzither (Zitter, Zither) ist ein Dilettanteninstrument des Harzer Bergvolks (Bergleute, Köhler, Holzfäller) und der Landbevölkerung (Schäfer, Bauern, Tagelöhner, Handwerksgesellen), welches seit Anfang des 17. Jahrhunderts zunehmend in Gebrauch kam. Sie ist ein Abkömmling der Cister, welche zur Familie der Kastenhalslaute gehört und damals an Bedeutung verlor. Nicht verwechselt werden darf die Harzer (Hals-)zither mit der Salzburger oder Mittenwalder Tischzither.

Im Gegensatz zu anderen Musikinstrumenten erfolgte bei den regionalen Typen der Volksinstrumente, wie Harzzither, Thüringer Waldzither, sächsischer Bergmannszither, keine Normierung hinsichtlich Bauplan und Größe. Die Zitherspieler im Harz, einfache Handwerker, stellten ihre Instrumente nebenberuflich her. Diese nicht professionellen Instrumentenbauer besaßen nur einfaches Werkzeug und verfügten über kein nennenswertes organologisches (instrumentenkundliches) Wissen. Ihre Werke sind deshalb einfach, nicht systematisch durchproportioniert; manchmal stimmen die Abstände der auf dem Griffbrett angebrachten Querleisten (Bünde) nicht, die zum genauen Abgreifen der Saiten dienen.

Zithern verschiedener Harzer Instrumentenbauer aus dem 19. und 20 Jahrhundert

 

Die Entwicklung des Harzer Zitherbaus ist gut dokumentiert: Im 18. und frühen 19. Jahrhundert liegt der schmale Hals nur unter der linken Seite (Diskantseite) des Griffbretts. Bei späteren Instrumenten ist das ganze Griffbrett unterfüttert. Bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts sind die aus Holz geschnitzten Wirbel seitenständig. Der zurückgebogene, geschwungene Wirbelkasten endet in einem der mittelalterlichen Cister nachempfundenen Kopf, der jedoch lediglich in einer flach geschnitzten Blüte oder geometrischen Figur endet. Um 1900 ist jeglicher Kopfansatz verschwunden. In der flachen, zurückgebogenen Wirbelplatte aus Holz sind die hinterständigen metallenen Wirbel so angebracht, dass auf der Vorderseite nur die Zapfen erkennbar sind. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts setzt sich dann ein Typus des Wirbelkastens durch, welcher weitgehend jenem der Gitarre nachgebaut ist. Er ist mit seitenständigen Wirbelmechaniken bestückt.

Harzzither 19. Jh., unsigniert: Korpus, Wirbelkasten mit seitenständigen Holzwirbeln und Kopfplatte, schmaler Hals (Oberharzer Bergwerksmuseum)

 

Von einer Reihe nebenberuflicher Instrumentenbauer bis zurück an den Anfang des 19. Jahrhunderts sind Namen bekannt und Instrumente erhalten. Ihre Untersuchung zeigt, dass erst in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts eine gewisse Standardisierung bei der Herstellung von Instrumenten einsetze. Namentlich sind es die beiden nebenberuflichen Braunlager Instrumentenbauer Willi Heindorf (*1934) und Werner Oelze (*1934), beide Tischler, die serienmäßig nach einem Bauplan Harzzithern angefertigt haben.

Die Harzzitherbauer W. Heindorf (Mitte) und W. Oelze (re.) im Gespräch

 

Von Zitherbauer Heindorf liegt ein Bauplan für die Anfertigung seiner Harzzithern vor. Der nebenberufliche Instrumentenbau wird in seiner Familie schon seit mehreren Generationen ausgeübt. Als jun­ger Mann fühlte er sich wie sei­n Groß­va­ter Wil­helm Bär, wie sei­n Groß­on­kel Carl Hein­dorf und wie sein Onkel Karl Heindorf der Tra­di­tion des Zi­ther­baus ver­pflich­tet. Das Instrument, welches der Großvater hinterlassen hatte, baute der Enkel 1951 nach. Seitdem hat er über 150 Har­zzi­thern ge­baut, fast ausnahmslos vier­chö­ri­ge In­stru­men­te. Doch zwei seiner Zit­hern gab er einen  grö­ße­ren Kor­pus. Sie sind ei­ne Ok­ta­ve tie­fer ge­stimmt, werden als Be­gleit­in­stru­ment ein­ge­setzt und können als Bass-Zit­hern an­gesprochen werden. Seine Bauweise soll hier vorgestellt werden.

Bauzeichnung für eine Harzzither von W. Heindorf

 

Heindorf verwendet nur trocke­nes, min­de­stens zwei Jah­re ab­ge­la­ger­tes Holz. Sei­ne Zi­thern setzt er aus un­ter­schied­li­chen Höl­zern zu­sam­men. Bo­den, Zar­ge und Hals ar­bei­tet er aus Ahorn, die Decke wird aus Fich­ten­holz ge­fer­tigt. Da­bei ach­tet er dar­auf, dass es sich um fein­jäh­ri­ges, al­so lang­sam wach­sen­des Holz mit „ste­hen­den Jah­ren“ han­delt, welches eine gleichmäßige Maserung aufweist. Für das Griff­brett nimmt er Zwet­sche, ein ver­win­dungs­ar­mes, dun­kle­res Hart­holz.

Tischler W. Oelze ist experimentierfreudig und verarbeitet auch andere Hölzer wie Rotbuche, Lärche, Esche oder Mahagoni. Sie geben seinen Zithern eine unterschiedliche Klangfarbe.

Auf dem Ge­biet des In­stru­men­ten­bau­es ist Heindorf ein Au­to­did­akt. Zugute kommt ihm seine Ausbildung als Tischler. Er hat nie ei­ne mu­si­ka­li­sche Aus­bil­dung er­hal­ten, ver­fügt aber über ei­ne an­ge­bo­re­ne Mu­si­ka­li­tät und ein fei­nes Ge­hör, sodass er sei­ne In­stru­men­te auch selbst stim­men, mit ei­ner Stimm­ga­bel prü­fen und an­spie­len kann.

Harzzithern aus der Werkstatt von W. Heindorf, gebaut 2000 – 2004

Klangbeispiel

Unter uns (Harzzithergruppe H. Wagner, 1999)

Video

 

Tischler W. Oelze erläutert seine Harzzithern

Literatur

Lutz Wille, Die Harzzither – Geschichte, Bau, Spielweise, Musik, Clausthal-Zellerfeld 2000 (mit Audio-CD). ISBN  3-923605-10-2.

Johann Hilpert/Andreas Michel/Lutz Wille, Die Harzzither – Volksmusikinstrumente aus dem 18. – 20. Jahrhundert (Ausstellungskatalog), Clausthal-Zellerfeld 2000.

Lutz Wille/Ronald Langer, Die Harzzither – Ein Volksmusikinstrument in ungebrochener Tradition, DVD, Benneckenstein 2007.

Link

Tischler W. Heindorf baut eine Harzzither (Youtube-Video, 25 Min.)

Materialien zum Download

Bauplan für eine Harzzither von W. Heindorf

Lutz Wille 2020