Instrumente

Carillon im Roten Turm in Halle

Der 84 Meter hohe Rote Turm auf dem Marktplatz in Halle (Saale) bildet zusammen mit den vier Türmen der Marktkirche das Wahrzeichen der Stadt: die fünf Türme. Er wurde im spätgotischen Stil als freistehender Glockenturm (Campanile) erbaut und nach 88 Jahren Bauzeit im Jahr 1506 fertiggestellt.

Marktplatz in Halle (Saale) mit Rotem Turm und Marktkirche

Der Rote Turm und seine Glocken

In seinem Inneren beherbergt der Rote Turm seit 1993 das mit 76 Glocken größte Carillon (Glockenspiel) Europas und das zweitgrößte weltweit. Rechnet man die fünf Uhrenglocken ganz oben in der Laterne des Turmes dazu, kommt man insgesamt sogar auf 81 Glocken. Allerdings wurde der Seilzug zwischen der Uhr und den Uhrenglocken in den 1990er-Jahren gekappt, so dass diese Glocken nicht mehr nutzbar waren. Von da an war der Stundenschlag lange Zeit bis zur Restaurierung im Jahr 2016 nur über das Glockenspiel hörbar, also von weiter unten und deutlich leiser.

Die Uhrenglocken entstanden im Jahr 1976, nachdem der im Krieg stark in Mitleidenschaft gezogene Turm ein Jahr zuvor eine neue Turmhaube erhalten hatte. Sie wurden von einer Apoldaer Glockenbaufirma gegossen und sind auf den sogenannten „Westminsterschlag“ gestimmt, der vom Glockenturm des Palace of Westminster in London erklingt. Dessen größte und tiefste Glocke ist der berühmte „Big Ben“.

Warum aber der Westminsterschlag in Halle? Seine Melodie wird als eine Folge von Variationen der vier Noten aus den Takten 5 und 6 der Arie I know That My Redeemer Liveth (Ich weiß, dass mein Erlöser lebet) aus Händels Messias (Download der Noten hier) gesehen. Da Georg Friedrich Händel als der größte Sohn Halles gilt, war eine Ehrung des Komponisten in dieser Form naheliegend.

Der Rote Turm mit den zwei Glockengeschossen

Das Carillon

Das Carillon im Roten Turm wiegt knapp 50 Tonnen (45 980 kg) und befindet sich in zwei Glockengeschossen im mittleren Teil des Turmes zwischen Schaft und Haube. Die tiefste Glocke des halleschen Glockenspiels mit dem eingravierten Stadtwappen hat den Namen „Dame Händel“ erhalten. Sie hat einen Durchmesser von 2,36 m und wiegt 8056 kg. Die zweitgrößte Glocke ist die Francke-Glocke mit dem Bild des Francke-Denkmals. Die kleinste Glocke wiegt nur 10,7 kg und hat einen Durchmesser von 16,3 cm.

Vor einem Blitzschlag im Jahr 2014, der die altersschwache Automatik des Instrumentes zerstörte, erklang vom Carillon jede Viertelstunde ein anderer Teil des Westminsterschlages. Zur vollen Stunde war zusätzlich zu Westminster- und Stundenschlag ein über die Automatik eingespieltes kurzes Lied oder Stück zu hören. Im Frühjahr 2016 wurde auf Initiative des im Verein der Freunde und Förderer des Stadtmuseums Halle gegründeten „Förderkreises Glockenspiel Roter Turm“ das Carillon inklusive Automatik und Uhrenglocken einer kompletten Restaurierung unterzogen, die vor Beginn der Händelfestspiele im Mai 2016 abgeschlossen werden konnte. Der Westminsterschlag, dessen Melodielänge sich viertelstündlich um einen Takt erweitert, kommt nach 23 Jahren Pause jetzt wieder von der Turmspitze.

Musikstücke und Lieder kann man viermal am Tag zur vollen Stunde hören, jeweils kurz nach 9, 12, 15 und 18 Uhr. Dabei erklingen in jahreszeitlichem Wechsel Lieder wie In einem kühlen GrundeFreude schöner GötterfunkenAch bittrer WinterNun will der Lenz uns grüßen, VogelhochzeitGeh aus mein Herz und suche Freud, Die Gedanken sind freiAn der Saale hellem Strande und Guten Abend, gut‘ Nacht oder auch Ausschnitte aus Werken von Georg Friedrich Händel, z. B. aus der Arie Lascia ch’io pianga (aus der Oper Rinaldo, HWV 7a) oder den 18 Stücken für eine Spieluhr. Eingespielt hat die Musik für die Automatik der im Oktober 2018 verstorbene Carillonneur Wilhelm Ritter aus Kassel.

Damit nicht nur Glockenspieler von außerhalb, wie beispielsweise Frank Deleu aus Belgien, die aus Honkong gebürtige Tin-Shi Tam oder der aus Altenburg stammende Wido Hertzsch, das hallesche Instrument bedienen können, wurden auf Initiative des Förderkreises und finanziell unterstützt von Volksbank und Lions Club sechs stadteigene Carillonneure von Wilhelm Ritter an einem extra dafür angeschafften Übungsinstrument ausgebildet. Dadurch wurde es möglich gemacht, dass seit Mai 2018 regelmäßig Glockenspielkonzerte mir allen 76 Glocken (die Automatik nutzt nur 36) stattfinden.

Seit Juli 2018 werden in Halle alle neuen Erdenbürger täglich um 13 Uhr vom Roten Turm aus zuerst mit dem Halleluja von Händel und dann einer der Zahl der Geburten entsprechenden Anzahl von Glockenschlägen begrüßt, eine Initiative des Krankenhauses St. Elisabeth und St. Barbara.

Das Stadtmuseum Halle bietet Führungen durch den Roten Turm an, der auch die 38. Station der mitteldeutschen Straße der Musik ist.

Zuhörer beim Carillonkonzert auf dem halleschen Marktplatz am 24. Juli 2016 anlässlich des 510. Jahrestages der Fertigstellung des Roten Turms

 

RoterTurmHalleCarillon2013
Teile des Carillons im Roten Turm Halle (Saale)

Klangbeispiele

Das hallesche Carillon um 12 Uhr mittags (Mitschnitt vom 19.04.2018 auf dem Marktplatz)

 

Konzert auf dem Carillon im Roten Turm zu Halle (Saale)

„Hells Bells“ von AC/DC (gespielt auf dem halleschen Carillon von Davit Drambyan)

Passacaglia in C minor BWV 582 von Johann Sebasian Bach auf einem Carillon  (Auf dem in Amsterdam eingespielten Klangbeispiel ist der etwas gewöhnungsbedürftige starke Nachhall des Instrumentes deutlich hörbar.)

Links

Führungen des Stadtmuseums

Uhrenglocken des Roten Turms: Händels Big Ben in Halle (Zeitungsartikel vom 21.08.2017)

Der Westminsterschlag

Begrüßung der neuen Erdenbürger (Wochenspiegel)

Kirchenglockenspieler covert „Hells Bells“ auf AC/DC (Hells Bells auf dem halleschen Carillon schafft es in den „Rolling Stone“.)

Materialien zum Download

Arbeitsblatt

Was ist ein Carillon?

SM 2017, letzte Aktualisierung Dezember 2018