Musikalische Bräuche

Mundartlieder im Harz

Noch vor hundert Jahren gab es im Harz eine Vielzahl von Mundarten. Sie war bedingt durch die quer durch das Gebirge verlaufende markante Lautverschiebungsgrenze (ich/ik‑Linie) zwi­schen dem niederdeutschen und dem mitteldeutschen (thüringischen) Sprachraum. Diese tritt bei Bad Lauterberg in den Harz ein, durchläuft ihn in nordöstlicher Richtung und erreicht bei Ballenstedt das nördliche Harzvorland (s. Karte).

Die nördlich dieser Grenze gesprochenen niederdeutschen Mundarten gehören zum ostfälischen Mundartverband (Mundartgebiete A–E). Inselartig eingelagert ist die ostmitteldeutsche Sprachinsel der sieben Oberharzer Bergstädte (Mundartgebiet G). Südlich der Grenze findet sich die nordthüringische Mundart (Mundartgebiet H) mit ihrer Teilmundart, dem Unterharzischen (Mundartgebiet F), sowie nach Osten die Mansfelder Mundart (Mundartgebiet I), die bereits zum Nordostthüringischen gehört.

Überall hat sich inzwischen weitgehend eine regionale hochdeutsche Umgangssprache durchgesetzt. Nach einer Umfrage des Instituts für niederdeutsche Sprache e. V. (Bremen) verfügen in Sachsen-Anhalt nur noch 11,8 % der Befragten über eine aktive Sprachkompetenz. Erhalten haben sich aus allen Mundartgebieten Sprachdenkmäler – Lyrik und Prosa, Volksschauspiele und Mundartlieder.

 

Ein kleines Gedicht verdeutlicht die sprachlichen Unterschiede, wobei die Sprecherin Nordthüringisch (Unterharzisch), der Sprecher Niederdeutsch (westl. Bodemundart) Zeile für Zeile vorträgt (Text zum Download hier).

Klangbeispiel

Der kleine Langschläfer (E. Franke, Hohegeiß / H. Wedler, Benneckenstein 1996)

 

Mundartlieder nehmen unter den im Harz gesungenen Volksliedern eine Sonderstellung ein. Ihre sprachlichen Charakteristika erlauben eine Differenzierung in niederdeutsche und mitteldeutsche Liedüberlieferung. Teils handelt es sich um historische Volkslieder, teils wurden sie im Rahmen der Wandervogel- und Heimatbewegung komponiert, sind also neueren Datums.

Elbostfälischer Herkunft (Mundartgebiete A–C) ist das Wiegenlied Buko von Halberstadt, welches erstmals 1702 unter Bezug auf eine Quelle aus dem 16. Jh. mitgeteilt wird. Es hat eine weite Verbreitung gefunden, besonders dicht sind seine Nachweise im ehemaligen Bistum Halberstadt. Der Liedtext bezieht sich auf Bischof Burchard von Halberstadt (1059–1088), der sehr kinderfreundlich gewesen sein soll – eine schöne Legendenbildung um den kriegerischen Bischof.

Klangbeispiel

Buko von Halwerstadt (K. Peter mit Gitarre, Benneckenstein 2020)

 

Von dem niederdeutschen Köhlerlied Morjen hemmen erschten Mai wurde 1895 der Text in Trautenstein aufgezeichnet und 1910 die Melodie veröffentlicht.
„Nord-Harzisch“ ist nach Erk/Irmer (S. 34) auch das Lied Is dat nich de lüttche Dieker, welches die Klage eines Landmädchens ausdrückt.

Klangbeispiel

Is das nich der lüttche Dieker (Chor Harmonie Harsleben, Ltg. G. Koch, Harsleben 1997)

 

Im Westen reicht die göttingisch-grubenhagensche Mundart (Mundartgebiet E) bis in die Harzrandgebiete hinein. Charakteristisch für sie sind die Form üsch oder ösch des Personalpronomens „uns“ sowie das Sprechen des anlautenden g als stimmloser Reibelaut: Chöttingen Göttingen. Diese Merkmale sind in dem Om’d-Lied gut hörbar. Die Melodie ist eine Bearbeitung der Weise des traditionellen Andachts- und Abendlieds Leise sinkt der Abend nieder, welches seit dem 19. Jh. im deutschsprachen Raum weit verbreitet ist. Die niederdeutschen Strophen sind im 20. Jh. im Eichsfeld entstanden.

Klangbeispiel

Om’d-Lied (A. Kopp / H. Friderici, Akkordeon, Eichsfeld 2001)

 

Auf dem Gebiet von Sachsen-Anhalt finden sich neben dem elbostfälischen Niederdeutsch (Mundartgebiete A–C) auch mitteldeutsche Mundarten. So reicht im Südosten das Mansfeldische (Mundartgebiet I) bis in den Unterharz hinein. Das Volkslied Michel, wellste mich nich frei’n wird hier gesungen, kommt aber auch in Nord‑ und Ostthüringen vor. Es handelt sich inhaltlich um die Verhandlung über einen Heiratsantrag. Wie in dem kleinen Gedicht Der Langschläfer sind die sprachlichen Unterschiede gegenüber dem Niederdeutschen deutlich zu verstehen.

Klangbeispiel

Michel, wellste mich nich frei’n (Mansfelder Mundart; Heimatgruppe „Selketal“, Ltg. U. Hönig, Straßberg-Güntersberge 2001)

 

Im Südostharz, um Stolberg und Harzgerode, wird Nordthüringisch (Unterharzisch) gesprochen. Die Kirmesfeiern, die das Ende des Sommers ankündigten, hatten im West‑ und Südharz eine besondere Bedeutung. Wochenlang vorher wurden Vorkehrungen getroffen, denn zu diesem Tag kamen alle auswärts weilenden Familienmitglieder in den Ort zurück, und es wurden Freunde und Gäste erwartet. Das folgende Kirmeslied spiegelt gut die nordthüringische Mundart wider.

Klangbeispiel

Kärmeslied (Nordthüringische Mundart; Heimatgruppe „Selketal“, Ltg. U. Hönig, Straßberg-Güntersberge 2001)

 

Einen ostmitteldeutschen Sprachklang haben die Mundartlieder aus den Oberharzer Bergstädten (Mundartgebiet G), welche im 16. Jh. von Bergleuten aus dem Erzgebirge gegründet worden sind. Als ältestes Volkslied gilt hier Jo, ich muss nu aah wull freye, welches schon 1792 erwähnt wird. Es geht darin um die Heiratsfähigkeit eines jungen Bergmanns.

Das neuere Mundartlied Zwischen vielen Bargesgründen entstand in den 1930er-Jahren. Text und Melodie stammen von dem Maschinensteiger und Heimatdichter August Tönnies (1876–1940) in Lautenthal. Er war Vorsitzender des „Barkamtes“ Lautenthal, gleichzeitig leitete er die dortige Sing‑ und Spielschar. Tönnies hat eine ganze Reihe weiterer Heimatlieder in Oberharzer Mundart geschrieben, so etwa das Vugelschtellerlied oder das Hädelbeerlied.

Klangbeispiel

Zwischen vielen Bargesgründen (Oberharzer Mundart; Brauchtumsgruppe Lautenthal, Ltg. A. Tönnies, 1936)

Noten zum Download

Buko von Halverstadt

Is dat nich de lüttche Dieker

Dat Om´d-Lied

Michel, wellste mich nich frei´n

Kärmeslied

Zwischen vielen Bargesgründen

Literatur

Ludwig Erk, Wilhelm Irmer, Die Deutschen Volkslieder, Bd. 2, Heft 5/6, Berlin 1844.

Institut für niederdeutsche Sprache e. V., Status und Gebrauch des Niederdeutschen 2016, Bremen 2016 (http://www.ins-bremen.de/umfrage/umfrage-2016.html), abgefragt am 28.8.2020.

Lutz Wille, August Tönnies – eine notwendige Ergänzung, in: Unser Harz 2006, S. 33.

Lutz Wille, Norbert Duve, „Das Mundartlied im Harzgebiet: Textgattung und Interpretation“, in: Die Mundarten des Harzgebietes in Ton und Text, hrsg. von Lutz Wille, Clausthal-Zellerfeld 2001, S. 135–157.

Lutz Wille 2020