Musikalische Bräuche

Jodeln im Harz

Jodeln als „Gesangstechnik“

Das Jodeln ist eine Form des stimmlichen Ausdrucks, die gekennzeichnet ist durch schnelles Umschlagen zwischen Kopf- und Bruststimme auf Lautsilbe ohne Text mit in der Regel großen Intervallsprüngen. Der Registerwechsel oder auch Kehlkopfumschlag wird beim Jodeln bewusst hörbar gemacht, wohingegen man ihn beim Singen eher fließend gestaltet.

Der Musikethnologe Max Peter Baumann spricht beim Jodeln von einem „Spiel der Klangfarben“ der menschlichen Stimme, welches durch die Anzahl der jeweils mitschwingenden Obertöne der Naturtonreihe ermöglicht wird. Dabei nehmen die unterschiedlichen Vokal-Konsonant-Verbindungen sowie die Bewegungen der Zunge Einfluss auf die Klangfarbe.

Gemeinhin wird Jodeln mit Folklore in den Bergen, Trachten, Natur- und Heimatverbundenheit – und das alles speziell im Alpenraum – in Verbindung gebracht. So ist es denn auch das Echo am jeweiligen Standort des Jodelnden in den Bergen, das Art und Schnelligkeit freier Jodler zwangsläufig mit bestimmt.

Johann Friedrich Reichardt, der mit Reichardts Garten in Giebichenstein bei Halle selbst ein Stück regionaler Kultur schuf, schrieb bereits im Jahr 1810 in einem Brief von einem Gesang wie „dem eines großen, fremden Vogels“. Auf einer Reise nach Wien erlebte er – quasi als Salonmusik – während eines Abendessens den Vortrag von fünf Tiroler Sängern. Es wurde „durch die Fistel“ gesungen und „mit einem ganz eigenen Vortrage; halb gestoßen und halb zusammengezogen“ (Reichardt 1915, S. 18). Hierbei schien es sich um eine Art des Jodelns gehandelt zu haben, ohne dass Reichardt den Begriff selbst verwandte.

Die Folkloregruppe Sülzhayn beim Jodlerwettstreit in Altenbrak 2008

Regionale musikalische Tradition

Dass auch im Harz gejodelt wird, ist weitestgehend unbekannt. Dennoch ist bereits in den 1930er-Jahren mit der Gründung von Heimat- und Volkstumsgruppen eine regionale Kultur des Jodelns im Harz nachweisbar. Einen großen Anteil daran hatte der bereits im Jahr 1886 gegründete Harzklub e. V., der sich dem Wandern und der Pflege regionaler Bräuche im Harz verschrieben hatte und der mit zahlreichen Zweiggruppen heute noch besteht. Einer der Wegbereiter des harztypischen Jodelns war der Ilsenburger Karl von Hoff, ein Nagelschmied von Beruf, von dem die früheste Schallplatten-Aufnahme mit Harzer Jodelliedern (Köhlerlied und Mein Harzerland, wie bist du schön) aus dem Jahr 1931 erhalten ist.

Hervorgegangen aus Signalrufen der Köhler und Fuhrleute, manifestierte sich das Jodeln im Harz sowohl als freies Jodeln als auch in Form von Jodlern in Heimatliedern. Nachdem Jodeln zur Zeit des Dritten Reiches in den Dienst eines nationalsozialistischen „Volkstums“ gestellt worden war, konnte sich nach 1945 die Tradition als kunstvolle musikalische Fertigkeit sowohl in den Harzer Regionen der DDR als auch der BRD weiter erhalten. Im Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalts etablierte sich das Jodeln als „Volkskunst“ mit neuen Liedern. Verkörpert wurde es hier vor allen Dingen durch die Gruppe „Harzer Folkloristen“, die durch Schallplatteneinspielungen, Fernsehauftritte und Konzertreisen überregional bekannt wurde. Ausdruck einer intensiven Traditionspflege sind u. a. die Jodlerwettstreite auf der Waldbühne in Altenbrak (ein Pendant dazu gibt es im niedersächsischen Clausthal-Zellerfeld und im thüringischen Hesserode), die seit 1952 bis heute jährlich am ersten Sonntag im September stattfinden. In einem ersten Teil am Vormittag treten Kinder ab 8 Jahren in verschiedenen Altersgruppen gegeneinander an. Der Nachmittag ist dann den Erwachsenen vorbehalten.

Bei Jodlerwettstreiten werden sowohl das freie Jodeln auf Silbe als auch Lieder mit Jodlern präsentiert und bewertet. Trotz einer Vielfalt an regionalen Gesangs- und Jodelstilen innerhalb des Harzes hat sich der Harzer Roller, „das sich sehr rasch wiederholende und möglichst lang durchgehaltene Umschlagen der Stimme bei gleichbleibendem Intervall“ (Schrammek 2005, S. 47), als eine für den Harz typische Form des freien Jodelns ausgebildet. Harzer Jodellieder zeichnen sich durch textliche Heimatverbundenheit und musikalische Einfachheit und Eingängigkeit aus.

In der jährlich vom Zentrum HarzKultur in der Trägerschaft des Landesheimatbundes Sachsen-Anhalt e. V. veranstalteten Folklore-Werkstatt in Wernigerode werden auch Kurse im Jodeln angeboten. Angesprochen sind alle an traditioneller Harzer Musik Interessierten, Übungsleiter sowie Familien, Kinder und Jugendliche.

Der langjährige Sieger der Harzer Jodlerwettstreite, Andreas Knopf, betreibt Pension & Restaurant „Zum Harzer Jodlermeister“ in Altenbrak, wo regelmäßig Veranstaltungen mit regionalen Musikern und Chören stattfinden.

Sabine Berndt (Wanderfreunde Wienrode) und Andreas Knopf (Trachtengruppe Altenbrak) beim Jodlerwettstreit 2008 in Altenbrak

 

Jodeln allgemein erlebt gegenwärtig eine Renaissance. So gibt es im Salzburger Land einen „Jodelwanderweg“, auf dem Wanderer auch Jodelunterricht bekommen. Jodel-Workshops finden sich nicht nur im ländlichen Raum, sondern ebenso im großstädtischen Berlin. Es geht dabei nicht immer um Heimatverbundenheit und Traditionen, sondern oft einfach nur um Spaßhaben und Loslassenkönnen durch freudvollen Umgang mit der eigenen Stimme, um ein „Erleben der Resonanzräume des Körpers“ (Blog der halleschen Musikethnologin und Jodelexpertin Helen Hahmann) oder einfach um ein „Öffnen der Seele“ (Video zum Jodelwanderweg, s. Link unten) durch Jodeln.

Für alle, die Jodeln von zu Hause aus lernen möchten, gibt es einen Online-Jodelkurs mit Jodeldiplom.

Auch in die Pop- und Rockmusik hat das Jodeln Einzug gehalten. Beim Eurovision Song Contest (ESC) 2017 in Kiew erreichte das rumänische Duo namens Ilinca feat. Alex Florea mit dem Jodel-Rap Yodel It! einen beachtlichen 7. Platz.

Klangbeispiele

Freier Jodler (Lieschen Herfurth auf der CD zu Schrammek 2005, historische Aufnahme aus dem Jahr 1959)

In dem schönen Monat Mai (altes Köhlerlied, interpretiert von Karl Ungewitter auf der CD zu Schrammek 2005, historische Aufnahme aus dem Jahr 1959)

Harzer Naturjodler (Jodlerin aus der Folkloregruppe Sülzhayn)

Ausschnitte vom 58. Jodlerwettstreit in Altenbrak 2010

Mitschnitt von der Folklore-Werkstatt 2013 des „Zentrums HarzKultur“ in Wernigerode (etwa ab Min. 17:15 Winterjodler und Grüße aus dem Harzerland)

Hier kann ein Harzer Jodler als Klingelton heruntergeladen werden.

CD: Es grüne die Tanne, es wachse das Erz… (100 Jahre Volksmusikpflege im Harz), kurze Hörbeispiele hier (darunter auch Mein Harzerland, wie bist du schön mit Karl von Hoff)

Literatur

Max Peter Baumann, Art. „Jodeln“, in: Die Geschichte in Musik und Gegenwart, 2., neubearbeitete Ausgabe, hrsg. von Ludwig Finscher, Sachteil, Bd. 4, Kassel u. a. 1996, Sp. 1488–1504.

Helen Hahmann, Wir singen nicht, wir sind die Jodler. Ethnologische Perspektiven auf das Jodeln im Harz, Münster 2018.

Kathrin Pöge-Alder, „Folklorewerkstatt in Wernigerode“, in: Sachsen-Anhalt Journal des Landesheimatbundes Sachsen-Anhalt e. V., 2-2017.

Johann Friedrich Reichardt, Vertraute Briefe. Geschrieben auf einer Reise nach Wien und den Österreichischen Staaten zu Ende des Jahres 1808 und zu Anfang 1809, Bd. 2, München 1915.

Winfried Schrammek, Über das Jodeln im Harz. Eine Studie zur musikalischen Volkskunde der Gegenwart, Zentrum HarzKultur/Landesheimatbund Sachsen-Anhalt e. V., Wernigerode 2005.

Links

Zentrum HarzKultur

Video zum Jodelwanderweg

„Die Jodelschule“ von Loriot in einer Version mit Jugendlichen

Anregungen für den Unterricht

Loriot nimmt in seinem Sketch Die Jodelschule (auch auf DVD) das Jodeln auf die Schippe, indem er ein „Jodeldiplom“ erfindet, das durch Deklamieren und Aufschreiben des „Textes“ beim Jodeln „erworben“ werden kann.

Welche typischen Aspekte des Jodelns werden in dem Sketch karikiert?

Handelt es sich in dem Lied Hulapalu des selbsternannten Volks-Rock’n’Rollers Andreas Gabalier um Jodeln?

Wie unterscheidet sich das Jodeln in der Pop- und Rockmusik von den in den Harzer Volksmusikgruppen tradierten Formen?

SM 2017