Musikleben

Naumburger Oper vorm Salztor

Als Ende des 16. Jahrhunderts der Triumphzug der Oper in Italien seinen Anfang nahm, ahnte sicher niemand, dass sich dieses Genre nicht nur jahrhundertelang halten, sondern auch bis zur heutigen Zeit in Form unterschiedlichster Inszenierungen weltweit für Furore sorgen würde.

Neben den ersten Zentren der frühen deutschen Oper wie Hamburg, Dresden und Leipzig waren nicht nur die großen Metropolen, sondern auch die kleineren Städte Mitteldeutschlands, hier insbesondere Naumburg, Weißenfels, Halle, Braunschweig, Wolfenbüttel und Gotha, von besonderer Bedeutung für die Opernentwicklung.

Ansicht von Naumburg aus dem Jahr 1718 mit Erwähnung der Peter-Pauls-Messe

Geschichte

Es scheint aus heutiger Sicht kaum vorstellbar, dass das kleine Naumburg an der Saale einst zu den wichtigen mitteldeutschen Handelszentren gehörte. Dennoch wurden dort im 18. Jahrhundert Messen veranstaltet, die denen der größeren Städte wie Leipzig in nichts nachstanden. Sie fanden in der Saalestadt zu drei wichtigen Ereignissen des Jahres statt: zu Neujahr, zu Ostern und am Tag der Apostel Peter und Paul (Peter-Pauls-Tag). Um zwischen den Handelsgeschäften für Unterhaltung zu sorgen und durch eine größere Attraktivität des Standortes die Kaufkraft zu steigern, wurden auf Veranlassung von Herzog Moritz Wilhelm zu Sachsen-Zeitz Anfang des 18. Jahrhunderts zur Peter-Pauls-Messe Opern aufgeführt.

Dass das 1702 (nach manchen Quellen 1701) in der Nähe des Salztores errichtete Naumburger Opernhaus weder Informationen zu Komponisten und Dichtern noch hinsichtlich eines festen Ensembles oder gar eines Spielplanes hinterließ, lässt Raum für Spekulationen. Naheliegend ist die Annahme, dass Musiker der zum Herzogtum gehörenden Zeitzer Hofkapelle oder, falls diese verhindert war, der bürgerlichen Oper in Leipzig oder der Weißenfelser Hofkapelle wie auch vorüberziehende Schauspielgruppen das Opernhaus in Naumburg bespielten. Die Auswahl der aufgeführten Opern war mit großer Wahrscheinlichkeit davon abhängig, welche Werke im nahen Umfeld wie in Weißenfels und Leipzig oder auch in Braunschweig-Wolfenbüttel und Hamburg gespielt wurden bzw. im Repertoire der Schauspielgruppen waren.

Die Förderung durch Herzog Moritz Wilhelm zu Sachsen-Zeitz, der mit dem Bau des Opernhauses in Naumburg wohl dem Leipziger Opernhaus Konkurrenz machen wollte, führte vermutlich dazu, dass die Werke in Naumburg oft von den Komponisten selbst dirigiert wurden oder diese die Leitung an befreundete Komponisten übergaben (beispielhaft dafür sind Johann Friedrich Fasch, Gottfried Heinrich Stölzel, Reinhard Keiser und Johann David Heinichen). Teilweise waren die Opern sogar eigens für die Saalestadt in Auftrag gegeben worden (u. a. Der glückliche Liebeswechsel oder Helena und Paris von Heinichen und Clomire von Fasch).

Sicher ist, dass ein Brand im Jahre 1716 der Ära des Naumburger Opernhauses vorm Salztor ein jähes Ende bereitete. Übrig bleibt die Frage, wo nach der Brandkatastrophe Opern in Naumburg zur Aufführung kamen, erklangen doch zwischen 1700 und 1720 knapp zwanzig verschiedene Opern in der Saalestadt (Alberts 2007, S. 179).

Trotz der Tatsache, dass in Naumburg gemessen an anderen Städten nur relativ wenige Opern aufgeführt wurden (und diese auch nur zur Messezeit), „gehört das Naumburger Opernhaus durchaus zum Kreis bedeutender Aufführungsstätten früher mitteldeutscher Barockopern“ (Alberts 2007, S. 180). Leider ist von dem Gebäude keine Abbildung erhalten.

Das Salztor in Naumburg im 18. Jahrhundert…

 

… und heute

 

Eines der beiden nach dem Abriss des alten Salztores im Jahr 1834 neu im Stile des Klassizismus entstandenen Salztorhäuser wird heute als Veranstaltungsraum und Ausstellungsfläche des Naumburger Theaters, des kleinsten Stadttheaters Deutschlands, genutzt.

Werke und Komponisten

Über vielem, was mit dem Naumburger Operngeschehen zusammenhängt, schwebt ein Fragezeichen. So herrscht bis heute eine große Verunsicherung darüber, ob gleichnamige Werke in Naumburg wirklich von denselben Komponisten stammten wie beispielsweise bei Aufführungen in den Städten Hamburg, Leipzig oder Weißenfels. Eine uneindeutige oder gar fehlende Zuordnung zu Komponisten weisen Titel wie zum Beispiel Orpheus und Euridice (1701), Jupiter und Callisto (1702) oder Das verwirrte Haus Jacob (1703 und 1708) auf. Ihnen gegenüber stehen Opern wie Der glückliche Liebeswechsel oder Helena und Paris (1710, Johann David Heinichen), Clomire (1711, Johann Friedrich Fasch) oder Valeria (1712, Gottfried Heinrich Stölzel), welche eindeutig einem Komponisten zugewiesen werden können.

Das Autograph von Der glückliche Liebeswechsel oder Helena und Paris von Heinichen wurde im verschollen geglaubten und 2001 aus Kiew nach Berlin zurückgebrachten Archiv der Berliner Sing-Akademie wiederentdeckt. Die Oper wurde im Rahmen einer konzertanten Aufführung der Berliner „Lautten Compagney“ 2012 im Auditorium Maximum der Fachhochschule Brandenburg nach über 300 Jahren erstmals wieder gespielt. Sie ist die einzige aus dem Naumburger Repertoire, die komplett erhalten ist.

Klangbeispiel

Der glückliche Liebeswechsel oder Paris und Helena (Lautten Compagney Berlin, Leitung: Wolfgang Katschner, CD-Hinweis mit Klangbeispiel)

Literatur

Susanne Alberts, „Das Naumburger Opernhaus zur Zeit Herzog Moritz Wilhelms zu Sachsen-Zeitz“, in: Musikkultur in Sachsen-Anhalt seit dem 16. Jahrhundert (= Beiträge zur Regional- und Landeskultur Sachsen-Anhalts, H. 42), Halle 2007, S. 176–183.

Links

Information zur Neuaufführung der Oper „Der glückliche Liebeswechsel oder Paris und Helena“ auf der Webseite der „Lautten Compagney“

Opera europa (europaweite digitale Opern-Plattform)

Justine Schammler 2017

Der Beitrag entstand im Rahmen eines Seminars im Sommersemester 2017 an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.