Musikleben

Müller, Johann Ludwig Wilhelm – Dichter bekannter Lieder

* 07. Oktober 1794 in Dessau, † 30. September 1827 in Dessau

Wilhelm Müller, Stich von Johann Friedrich Schröter

Biografie

Johann Ludwig Wilhelm Müller wurde am 7. Oktober 1794 in Dessau geboren. Da seine weiteren fünf Geschwister früh verstarben, wurde er mit besonders großer Zuwendung erzogen. Im elften Lebensjahr verlor er zudem seine Mutter. Für seine philologischen und geschichtlichen Studien besuchte er ab 1812 die Universität Berlin. 1813 unterbrach er für etwa ein Jahr sein Studium, um als Freiwilliger das preußische Heer zu unterstützen. Nachdem er zurückgekehrt war, trat er der „Berlinischen Gesellschaft für deutsche Sprache“ bei. Im Rahmen der 1815 veröffentlichten „Bundesblüthen“ erschienen erste dichterische Werke von ihm.

Nach Beendigung seines Studiums im Jahr 1817 begab sich Wilhelm Müller im Auftrag der Berliner Akademie gemeinsam mit Baron Sebastian Albert von Sack auf eine wissenschaftliche Reise, die über Italien und Griechenland nach Ägypten führen sollte. Aufgrund verschiedener Interessen und Umstände trennten sich ihre Wege jedoch in Rom. Im Spätherbst 1818 kehrte Müller nach Dessau zurück, wo er die Arbeit als Gymnasiallehrer für Latein und Griechisch sowie als Assistent in der herzoglichen Bibliothek aufnahm, bevor ihm im Folgejahr die Position des Leiters der Bibliothek übertragen wurde.

1821 heiratete Wilhelm Müller die Tochter des damaligen Dessauer Regierungsrats, Adelheid von Basedow. Nachdem er 1824 zum Hofrat ernannt worden war, avancierte die herzogliche Bibliothek zum wissenschaftlichen Zentrum in Anhalt. Infolge einer Infektion an Keuchhusten begab sich Müller ab 1826 mehrmals auf Erholungsreisen, verstarb jedoch am 30. September 1827 an den Folgen eines Schlaganfalls in Dessau.

Musikhistorische Bedeutung

Über seine musikalischen Fähigkeiten äußerte sich Wilhelm Müller selbstkritisch. Er war zwar kein Komponist, wurde aber als deutscher Dichter von zahlreichen Komponisten hoch geschätzt. Forschungen belegen, dass Müller als einer der ersten Lyriker „jenen auf artifizielle Weise schlichten Volksliedton getroffen“ (Hinrichsen 2004/2016) habe. Nachgewiesen wurden 530 Kompositionen von 123 Müller-Gedichten durch 241 Komponisten. Seine Dichtungen wurden vertont u. a. durch Franz Schubert, Bernhard Klein, Heinrich Marschner, Otto Nicolai, Carl Friedrich Zöllner oder Friedrich Silcher und gingen zum großen Teil in das deutsche Volksliedrepertoire ein.

Zu seinen bekanntesten Werken zählen die beiden von Franz Schubert vertonten Gedichtzyklen Die schöne Müllerin (1824) und die Winterreise (1827). Besonders Das Wandern ist des Müllers Lust  aus dem Zyklus Die schöne Müllerin, allerdings nach einer Melodie von Carl Friedrich Zöllner, ist noch heute ein sehr populäres Volks- und Wanderlied. Ähnliche Beliebtheit erlangte Der Lindenbaum aus der Winterreise in der Volksliedfassung von Friedrich Silcher unter dem Titel Am Brunnen vor dem Tore.

Der „Krug zum grünen Kranze“, historische Gaststätte an der Saale

 

Von regionalem Bezug ist Müllers Text zum Lied Im Krug zum grünen Kranze, das infolge einer Begebenheit in der gleichnamigen Gaststätte im heutigen halleschen Stadtteil Kröllwitz entstanden sein soll. Nach einer alten Überlieferung, die der Heimatforscher Otto Schröter in einer Novelle verarbeitete, musste Müller im Jahr 1821 in der schon damals existierenden Gaststätte auf seinen zukünftigen Schwager Carl Adolph von Basedow warten, der in Halle Medizin studierte. Das Gedicht schrieb Müller wohl in Erinnerung an diese Begebenheit, allerdings unter dem Titel Brüderschaft. Es erschien erstmalig in seinen Sieben und siebzig Gedichten aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten, Erstes Bändchen, 1821. Eine erste Vertonung von Franz Kugler aus dem Jahr 1830 blieb weitestgehend unbekannt. Im Liederbuch für deutsche Künstler von 1833 wies Kugler dann dem Müller’schen Text die volkstümliche Melodie von Ich stand auf hohem Berge zu, nach der das Lied noch heute gesungen wird. Im Krug zum grünen Kranze ging schon früh ins allgemeine Volks- und Studentenliedgut ein und findet sich in zahlreichen Liederbüchern. Ausführliches zum Lied, das beispielsweise auch im Allgemeinen deutschen Kommersbuch steht, findet sich hier.

Von 1997 bis 2013 verlieh das Land Sachsen-Anhalt alle drei Jahre den Wilhelm-Müller-Preis für Literatur.

Werke

Wilhelm Müller ist bekannt für seine Gedichtzyklen. Überliefert sind aber auch zahlreiche weitere Dichtungen, Epigramme, Lieder, Griechenlieder und vermischte Schriften sowie Arbeiten, mit denen er als Übersetzer, Herausgeber und Bearbeiter in Erscheinung trat.

Bedeutende Werke von ihm sind:

Sieben und siebzig Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten, Erstes Bändchen, 1821 (enthält u. a. Die schöne Müllerin)

Sieben und siebzig Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten, Zweites Bändchen, 1824 (enthält u. a. die Winterreise)

Lyrische Reisen und epigrammatische Spaziergänge, 1827 (enthält u. a. Muscheln von der Insel Rügen mit dem Gedicht Vineta)

Klangbeispiele

Im Krug zum grünen Kranze (Peter Schreier 1986)

Die schöne Müllerin (Christian Gerhaher)

Das Wandern ist des Müllers Lust (Regensburger Domspatzen)

Der Lindenbaum (Interpretation der Sängerin Bobo auf dem Album Lieder von Liebe und Tod von 2007 mit Sebastian Herzfeld)

Gute Nacht aus Winterreise op. 89D 911 von Franz Schubert (Dietrich Fischer-Dieskau und Daniel Barenboim)

Vineta  von Johannes Brahms aus Drei Gesänge op. 42 Nr. 2 (RIAS Kammerchor & Marcus Creed)

Literatur

Otto Hachtmann, „Wilhelm Müller“, in: Mitteldeutsche Lebensbilder, Band 2: Lebensbilder des 19. Jahrhunderts, Magdeburg 1927.

Hans-Joachim Hinrichsen, Art.“ Müller, Wilhelm“, in: MGG Online, hrsg. von Laurenz Lütteken, Kassel, Stuttgart, New York: 2016ff., zuerst veröffentlicht 2004, online veröffentlicht 2016, https://mgg-online.com/article?id=mgg09265&v=1.0&rs=id-4e775fdc-176f-373a-e5ee-dcfb2fa60dd9.

Norbert Michels (Hrsg.), Wilhelm Müller, eine Lebensreise, Weimar 1994.

Links

Internationale Wilhelm-Müller-Gesellschaft e. V.

Wilhelm Müller im Projekt Gutenberg-DE

Wilhelm-Müller-Preis

Jägers Lust (Lieder Archiv)

Materialien zum Download

Arbeitsblatt

Wilhelm Müller – Jägers Lust

Powerpoint-Präsentationen

“Das Wandern” von Wilhelm Müller in den Vertonungen von Franz Schubert (Kunstlied) und Carl Friedrich Zöllner (Volkslied),  Autorin: Johanna Schernikau

„Der Lindenbaum“ von Wilhelm Müller, Analyse und Vergleich der Vertonungen von Franz Schubert und Friedrich Silcher, Autor: Konrad Pfeiffer

Sebastian Preylowski 2017, letzte Aktualisierung Februar 2019

Der Beitrag entstand im Rahmen eines Seminars im Sommersemester 2017 an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.