Musikleben

Anhaltische Philharmonie Dessau

Anhaltische Philharmonie Dessau

 

Die Anhaltische Philharmonie ist ein Sinfonieorchester aus Dessau, dessen Spielstätte das Anhaltische Theater Dessau ist. Mit circa 85 Musikern und 78,5 ausgewiesenen Planstellen ist dieses B-Orchester einer der größten Klangkörper in Sachsen-Anhalt und in der Lage, das sinfonische Repertoire vom Barock bis in die Gegenwart erklingen zu lassen. Im Jahr 2016 feierte das Orchester sein 250-jähriges Bestehen. Seit 1992 trägt es den Namen „Anhaltische Philharmonie“ und wird seit 2016 von Generalmusikdirektor (GMD) Markus L. Frank dirigiert.

Markus L. Frank, Generalmusikdirektor und Chefdirigent der Anhaltischen Philharmonie

 

Von der Fürstlichen Hofkapelle zur Anhaltischen Philharmonie – so betitelten die Autoren der Jubiläumsfestschrift die Geschichte des Orchesters in Dessau. „Fürstlich“ bezieht sich dabei zunächst auf den Fürsten Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau (17401817), auch einfach „Fürst Franz“ oder „Vater Franz“ genannt. Unter seiner Regentschaft entwickelte sich Dessau zu einem Musikzentrum, das sich für Zeitzeugen in die Liste großer Namen wie Berlin, Dresden und Weimar einreihte. Diese Entwicklung mutet umso erstaunlicher an vor dem Hintergrund, dass zuvor die einzigen Musiker am Anhaltinischen Hof zwei Trompeter und ein Pauker zu Repräsentationszwecken sowie ein Lautenist zur Unterweisung der fürstlichen Kinder waren. Daraus geht hervor, dass zu Zeiten Bachs in Köthen und Faschs in Zerbst Dessau musikalisch völlig unbedeutend war. Doch der aufklärerische und den Künsten zugetane Fürst Franz sorgte für zahlreiche Veränderungen in der anhaltinischen Residenzstadt. So erfolgte neben der Gestaltung des Wörlitzer Gartenreichs eben auch die Gründung einer Fürstlichen Hofkapelle (1766), zu deren erstem „Fürstlich Anhalt-Dessauischem Musikdirektor“ Friedrich Wilhelm Rust im Jahr 1775 ernannt wurde und die zunächst ein Streichquartett, zwei Hörner, zwei Flöten und ein Fagott umfasste.

Um 1775 wurde in Dessau das „Gesellschaftliche Theater“ gegründet, ein Liebhabertheater, das schnell eine überregional anerkannte Qualität erreichte. Die Hofkapelle, die nun schon mindestens 15 Musiker umfasste, entwickelte sich zum Opernorchester weiter. Seit dieser ersten Zusammenarbeit ist die Geschichte des Orchesters untrennbar mit dem Dessauer Theater verwoben. Die Zeit nach Rust war zunächst geprägt vom langjährigen Theaterdirektor Friedrich Wilhelm Bossann, dem ersten Intendanten Karl August Freiherr von Lichtenstein, Musikdirektor Conrad Jacobi sowie von der Eröffnung des ersten Dessauer Theatergebäudes 1798, damals das drittgrößte deutschlandweit. Eine auf 26 professionelle Musiker angewachsene  Hofkapelle sowie ein neu gegründeter Opernchor erweiterten die Möglichkeiten des Dessauer Theaters und trugen ihren Teil dazu bei, dass sich die Stadt im Zeitraum von 1794 bis 1810 mit 130 Aufführungen von acht Opern Wolfgang Amadeus Mozarts zu einem Zentrum der Mozart-Pflege entwickelte.

Im Rahmen der Napoleonischen Kriege kam es zur zeitweiligen Schließung des Dessauer Theaters. Unter ihrem Leiter Friedrich Schneider erlebte die Hofkapelle dann ab 1821 einen neuen großen Aufschwung. Es kam zu einer Erweiterung auf 41 Musiker, der Einweihung eines eigenen Konzertsaales im Theater sowie der Begründung der Elbmusikfeste. Des Weiteren gab es Gastspiele von Niccolò Paganini und Franz Liszt sowie die Aufführung gewichtiger Werke wie Ludwig van Beethovens Eroica, seiner Oper Fidelio oder Carl Maria von Webers Freischütz. Dieser großartigen, durch die Unterstützung des kulturliebenden Fürsten (ab 1807 Herzogs) Friedrich ermöglichten Entwicklung taten auch der Tod Friedrich Schneiders und die Zerstörung des Theaters durch eine Brandkatastrophe im Jahr 1855 keinen Abbruch. Vielmehr erlangte Dessau unter den Musikdirektoren Eduard Thiele und später August Klughardt überregionale Berühmtheit als „Bayreuth des Nordens“, da Richard Wagners Bühnenwerke hier sämtlich aufgeführt wurden. Der Komponist selbst besuchte Dessau, seine Frau Cosima inszenierte nach seinem Tod hier und einige Musiker der mittlerweile 57 Mitglieder zählenden Hofkapelle waren als Wagner-Experten bereits für die ersten Bayreuther Festspiele 1876 „eingekauft“ worden.

Unter der Leitung des Generalmusikdirektors Franz Mikorey ab 1902 unternahm das Orchester erste Gastspielreisen (u. a. nach Budapest und Bukarest). Da die Wagner-Pflege weiter betrieben wurde, waren zeitweise bis zu 70 Musiker am Dessauer Theater angestellt. Die Zahl schrumpfte allerdings wieder auf etwa 40 in Folge des zweiten großen Dessauer Theaterbrandes 1922. Unaufhörlich wurde weiter an verschiedenen provisorischen Stätten musiziert, das Repertoire um Paul Hindemith, Kurt Weill, Béla Bartók und Arnold Schönberg erweitert.

Zwischen 1935 und 1938 entstand unter nationalsozialistischer Führung der Theaterneubau am Kaiserplatz (heute Friedensplatz), der heute noch bespielt wird. Auch während der Weltkriege fand fast durchgehend Theater- und Konzertbetrieb statt.

Die ebenfalls kulturpolitisch schwierige DDR-Zeit war für das Dessauer Orchester vor allem von GMD Heinz Röttger geprägt. Unter ihm kamen My Fair Lady, Wozzeck sowie Porgy and Bess erstmals zur Aufführung. Hans-Jörg Leipold führte die Formation durch die Wendezeit und leitete 84 fest angestellte Orchestermusiker im Jahr 1990.

Von ihrer Umbenennung 1992 bis heute erlebte die Anhaltische Philharmonie unruhige Zeiten, konnte aber trotz finanzieller Kürzungen große Erfolge feiern, wie eine Konzertreise nach Japan unter GMD Golo Berg, die Installation eines „Scratch-Konzertes“ (Mitsingkonzertes) unter Ehrendirigent Antony Hermus sowie die Auszeichnung „Artist-in-Residence“ beim Kurt Weill Fest 2014.

Die Anhaltische Philharmonie auf der Bühne des Anhaltischen Theaters Dessau

 

Neben der Profession als Opernorchester spielt der Konzertbetrieb für die Anhaltische Philharmonie natürlich eine große Rolle. Seit Rusts Zeiten sind wöchentliche Sinfoniekonzerte in Dessau nachweisbar, die Reihe der Sinfoniekonzerte ist seit den Tagen der Hofkapelle nahezu lückenlos. In den letzten Jahren finden in jeder Spielzeit acht reguläre Sinfoniekonzerte ihre jeweils zweimalige Aufführung, ein Weihnachts- sowie ein Neujahrskonzert kommen hinzu. Darüber hinaus ist die Anhaltische Philharmonie mit den Scratch-Konzerten, bei denen sie mit zahlreichen Laien musiziert, den gemeinsamen Konzerten mit dem Orchester der Musikschule „Kurt Weill“, den Konzerten „an unerhörtem Ort“, bei denen zum Beispiel ehemalige Industriehallen bespielt werden, und vielen anderen Aktionen nicht aus dem Dessauer Stadtleben wegzudenken. Zum Saisonprogramm gehören auch die Mitwirkung beim IMPULS-Festival für Neue Musik in Sachsen-Anhalt und beim Kurt Weill Fest Dessau, die Kammerkonzerte im Georgium sowie die jährlich unter einem anderen Motto stehenden Jugendkonzerte in den drei Dessauer Gymnasien und in der Marienkirche.

Klangbeispiele

Anhaltische Philharmonie Dessau spielt Schubert und Klughardt

Im Rahmen des Kurt Weill Festes erklang am 03.03.2014 im Bauhaus Dessau die „Tweetfonie“. Dabei konnten Twitter-Nutzer ihre eigenen kurzen Kompositionen posten („tweeten“), die anschließend für großes Orchester instrumentiert und von der Anhaltischen Philharmonie ohne Probe uraufgeführt wurden:

Tweetfonie, Anhaltische Philharmonie unter Leitung von Antony Hermus

Literatur

Lutz Buchmann/Ronald Müller/Silvia Lehfeld/Kathleen Neubert, Art. „Dessau“,in: MGG Online, hrsg. von Laurenz Lütteken, Kassel, Stuttgart, New York: 2016ff., veröffentlicht 2016-04-25, https://www.mgg-online.com/mgg/stable/14219.

Günther Eisenhardt (Hrsg.), Musikstadt Dessau, Altenburg 2006.

Karl-Heinz Köhler/Lutz Buchmann/Ronald Müller, Von der Fürstlichen Hofkapelle zur Anhaltischen Philharmonie – 250 Jahre Orchester in Dessau, hrsg. vom Anhaltischen Theater Dessau, Jonitzer Verlag, Dessau 2016.

Hartmut Runge, Dessauer Theaterbilder – Zur 200-jährigen Geschichte des Theaters in Dessau, Anhaltische Verlagsgesellschaft, Dessau 1994.

Link

Anhaltische Philharmonie Dessau

Materialien zum Download

Arbeitsblatt

Anhaltische Philharmonie – Entwicklung des Sinfonieorchesters (Lösungsblatt für Lehrer*innen auf dem Landesbildungsserver)

Felix Neumann 2019

Der Beitrag entstand im Rahmen eines Seminars im Sommersemester 2018 an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.