Komponisten

Zachow, Friedrich Wilhelm (get. 1663–1712)

getauft 14. November 1663 in Leipzig, † 07. August 1712 in Halle

Friedrich Wilhelm Zachow, auch Zachau, war ein hallescher Organist und Director musices der Marktkirche in Halle. Durch seinen berühmtesten Schüler, Georg Friedrich Händel, ist Zachows Name über die Jahrhunderte nie ganz in Vergessenheit geraten.

Gedenktafel u. a. für den Komponisten Friedrich Wilhelm Zachow an der Südseite der Marktkirche Unser Lieben Frauen in Halle (Saale)

Biografie

Als Sohn des Leipziger Kunstgeigers Heinrich Zachow aus dessen zweiter Ehe wurde der junge Zachow am 14. November 1663 in Leipzig getauft. Auch von Seiten seiner Mutter Elisabeth (geb. Maune), der Tochter eines halleschen Stadtpfeifers, war er mit vielen Musikern der Gegend verwandt. Über seine Jugendzeit in Leipzig und Eilenburg (ab 1676) und seine musikalische Ausbildung sind nur wenige gesicherte Fakten überliefert. Neben dem Vater, der ihn im Spiel der Orgel und Stadtpfeiferinstrumente, wie Trompete, Zink, Diskant, Querpfeife, Dulcian, Quartposaune, Kornett und Fagott, ausbildete, zählte auch der Nikolai- und spätere Thomaskantor Johann Schelle zu seinen Lehrern.

Am 11. August 1684, im Alter von nur 20 Jahren, wurde Friedrich Wilhelm Zachow als Nachfolger des verstorbenen Samuel Ebart in das angesehene Amt des Organisten der Marienkirche in Halle gewählt, das auch die Tätigkeit als Director musices beinhaltete. In dieser Funktion war er nicht nur für den Organistendienst verantwortlich, sondern leitete auch die Figuralmusik an hohen kirchlichen Festtagen und an jedem dritten Sonntag. Dafür unterstanden ihm der Chorus musicus aus Schülern des lutherischen Gymnasiums und Choristen der drei Stadtkirchen wie auch alle Stadtpfeifer und Kunstgeiger, die sonst primär für weltliche Feste musizierten.

Aus der Ehe mit Maria Dorothea Anschütz, die am 24. Oktober 1693 geschlossen wurde, gingen fünf Kinder hervor, von denen allerdings nur zwei das Erwachsenenalter erreichten. An den Namen der Paten und dem Zachow zugebilligten Einkommen lässt sich der hohe soziale und gesellschaftliche Status der Familie erkennen (Thomas 1966, S. 114, 118). Nach 28 Dienstjahren in Halle verstarb Zachow ganz plötzlich im Alter von 49 Jahren am 7. August 1712. Nachdem Johann Sebastian Bach seine Nachfolge aus finanziellen Gründen abgelehnt hatte, trat Zachows Schüler Gottfried Kirchhoff 1714 seine Nachfolge an.

Halle mit der Marienkirche (Marktkirche „Unser Lieben Frauen“) im 17. Jahrhundert

Musikhistorische Bedeutung

Zu Lebzeiten hatte Zachow als Director musices von allen Kantoren und Organisten der Stadt Halle die größte musikalische Bedeutung. Nach der Verlegung des herzoglichen Hofes von Halle nach Weißenfels (1680) und der Einbindung der Stadt in das Kurfürstentum Brandenburg war er hauptverantwortlich für die Neuorganisierung des halleschen Musiklebens. Neueren musikwissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge gilt Zachow als „einer der profiliertesten und eigenständigsten mitteldeutschen Komponisten der Generation vor J. S. Bach“ (zit. n. Wolfgang Ruf 2016). Sein Kantatenstil zeichnet sich durch besondere Vielfalt aus und dokumentiert die Entwicklung der Gattung „… vom älteren, latent gegliederten Solokonzert auf Bibelworte mit oder ohne angefügtem Choral (Kirchenlied) über die Kombination Concerto(Bibelprosa)-Aria (freies strophisches Gedicht) und andere Formen bis hin zur vielsätzigen gemischten madrigalischen Kantate neuester Art mit Recitativo secco oder accompagnato, Da-capo-Arie, Eingangs- und Schlußchor und Choral“ (ebd.). Somit gilt Zachow sogar als einer der ersten Musiker in Mitteldeutschland, die den von Erdmann Neumeister um 1700 an der italienischen Oper und Kammerkantate orientierten Wandel der Kantatenkomposition musikalisch ausgeführt haben. Kompositorisch-satztechnische Kriterien wie Klangpracht, Dramatik und bildhafte Textausdeutung belegen zudem stilistische Nähe zu seinen Musikerkollegen Johann Philipp Krieger in Weißenfels, Johann Theile in Merseburg und Johann Kuhnau in Leipzig. Auch die ebenfalls nur rudimentär erhaltene Musik für Tasteninstrumente ist durch die mitteldeutsche Tradition geprägt.

 

Präludium und Fuge C-Dur, aus: Denkmäler deutscher Tonkunst, hrsg. von Max Seiffert, Erste Folge, Bd. 21-22, Leipzig: Breitkopf und Härtel 1905

 

Lehrtätigkeit

Durch die spätere Bekanntheit seiner Schüler fand Zachows Lehrtätigkeit, die ihm als zusätzliche Einnahmequelle diente, oftmals größere Beachtung als sein musikalisches Schaffen. Er gab nicht nur seine angesehene Kontrapunkttechnik weiter, sondern konnte zum Unterrichten auch auf seine umfassende Sammlung italienischer sowie nord- und mitteldeutscher Kompositionen zurückgreifen. Zu seinen bedeutendsten Schülern zählten:

Gottfried Kirchhoff, der zunächst als Kapellmeister und Organist in Quedlinburg tätig war, dann aber 1714 Zachows Nachfolge als Organist an der Marktkirche antrat.

Johann Gotthilf Ziegler, der 1710 bei Zachow lernte und später auch bei Johann Sebastian Bach in Weimar Unterricht nahm. Wie sein Lehrer stammte auch Ziegler aus einer Musikerfamilie. Nach Beendigung seiner Ausbildung wurde die hallesche Ulrichskirche zu seiner Hauptwirkungsstätte, an der er bis zu seinem Tod als Organist und Musikdirektor tätig war.

Johann Gotthilf Krieger, der Sohn des berühmten Johann Philipp Krieger, der vier Jahre in Halle wirkte und nach dem Tod seines Vaters im Jahr 1725 die Stelle des Kapellmeisters in Weißenfels antrat (Stadnitschenko 2015).

Georg Friedrich Händel, der um 1692 Zachows Schüler wurde und von ihm im Orgel- und Cembalospiel, möglicherweise auch im Violinspiel sowie in der Komposition, insbesondere im Kontrapunkt und in der Beherrschung damals aktueller Kompositionsstile, unterrichtet wurde.

Wenngleich direkte kompositorische Bezüge Händels zur Musik seines Lehrers nur gelegentlich anklingen, waren Zachows Unterweisungen wohl von besonderer Nachhaltigkeit. Zeitlebens äußerte sich Händel über seinen Lehrer ausschließlich mit lobenden Worten und ließ seiner Witwe in finanziellen Schwierigkeiten mehrmals Geld zukommen.

Werke

Zachows kompositorisches Schaffen, von dem nur ein Bruchteil überliefert ist, umfasst vor allem Instrumentalwerke sowie zahlreiche geistliche Vokalwerke, von denen die Titel von mehr als einhundert deutschsprachigen Kantaten nachweisbar sind, ebenso drei lateinische Kantaten, eine lateinische Kurzmesse und je drei weitere Messen und Kyriesätze u. a., jedoch lediglich 34 Kantaten in Partituren oder Stimmen in Abschriften als erhalten gelten (vgl. Wolfgang Ruf 2016).

Zu den Instrumentalwerken zählen neben Kammermusik zahlreiche Kompositionen für Tasteninstrumente, darunter Gattungen und Formen in freiem und gebundenem Stil, Choralvorspiele und -fugen kleineren Formats, eine Choralfantasie, Partiten sowie Präludien und Fugen (s. Abb. oben) und eine Klaviersuite. Eine Auswahlausgabe von Kompositionen Zachows erschien im Jahr 1905 innerhalb der Denkmäler Deutscher Tonkunst, Erste Folge, Bd. 21 und 22, herausgegeben von der musikgeschichtlichen Kommission unter der Leitung von Dr. Freiherr von Liliencron beim Verlag Breitkopf und Härtel in Leipzig.

Deckblatt der Auswahlausgabe von Kompositionen Friedrich Wilhelm Zachows innerhalb der Denkmäler Deutscher Tonkunst, Erste Folge, Bd. 21-22, Leipzig: Breitkopf und Härtel 1905

Klangbeispiel

„Herr, wenn ich nur dich habe“, Kantate in a-Moll

Noten

Zachows frei verfügbare gesammelte Werke auf IMSLP

 

Erste Seite der Kantate „Herr, wenn ich nur dich habe“, aus: Denkmäler deutscher Tonkunst, hrsg. von Max Seiffert, Erste Folge, Bd. 21-22, Leipzig: Breitkopf und Härtel 1905

Literatur

Bürgerstiftung Halle (Hrsg.), Art. „Friedrich Wilhelm Zachow (16631712)“, online unter: www.buergerstiftung-halle.de/bildung-im-voruebergehen/zachow/, letzter Zugriff: 28.11.2018.

Kathrin Eberl-Ruf, „Zur Quellenüberlieferung der Kantaten Friedrich Wilhelm Zachows“, in: Händel-Jahrbuch, hrsg. von der Georg-Friedrich-Händel-Gesellschaft e. V., Internationale Vereinigung, Sitz Halle (Saale) in Verbindung mit der Stiftung Händel-Haus, Sitz Halle (Saale), Bd. 59, Kassel 2013, S. 27–49.

Wolfgang Ruf, Art. „Zachow, Friedrich Wilhelm, in: MGG Online, hrsg. von Laurenz Lütteken, Kassel, Stuttgart, New York: 2016ff., zuerst veröffentlicht 2007, online veröffentlicht 2016, https://www.mgg-online.com/mgg/stable/48067.

Max, Seiffert, Art. „Zachau, Friedrich Wilhelm“ in: Allgemeine Deutsche Biographie44 (1898), S. 657658, online unter: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118772147.html#adbcontent

Vladimir Michajlovič Stadničenko, Zachows Kantaten. Quellen – Stil – Kontext, Frankfurt am Main 2015.

Günter Thomas, Friedrich Wilhelm Zachow, Regensburg 1966.

Links

Stadtsingechor zu Halle (Zachow und Händel)

Zachowstraße in Halle (Bürgerstiftung)

 

Die Zachowstraße im Stadtbezirk Süd in Halle trägt seit 1930 den Namen des Komponisten.

Anregungen für den Unterricht

Mögliche Arbeitsaufgaben für die Oberstufe:

Hören Sie die geistliche Kantate von Friedrich Wilhelm Zachow Herr, wenn ich nur dich habe und verfolgen Sie die Interpretation mit dem verfügbaren Notenmaterial. Bestimmen Sie die Besetzung, den Ablauf und die musikalische Art und Weise der Ausdeutung des Textes. Zu welcher Zeit im Kirchenjahr könnte die Kantate aufgeführt werden?

Materialien zum Download

Powerpoint-Präsentation

Friedrich Wilhelm Zachow

Arbeitsblatt

Komponisten in Sachsen-Anhalt

Alexander Schettler 2018

Der Beitrag entstand im Rahmen eines Seminars im Sommersemester 2018 an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.