Komponisten

Werckmeister, Andreas (1645–1706)

* 30. November 1645 in Benneckenstein, † 26. Oktober 1706 in Halberstadt 

Andreas Werckmeister war eine umfassend gebildete Persönlichkeit, ein gesuchter Orgelfachmann, ein bedeutender Musiktheoretiker, Komponist und großer Sohn des Harzes, bekannt mit dem Vetter von J. S. Bach, Johann Gottfried Walther, und befreundet mit dem berühmten Orgelbauer Arp Schnitger sowie mit dem Großmeister der norddeutschen Orgelmusik, Dietrich Buxtehude. Sein Werdegang und seine Schriften legen Zeugnis ab von dem hohen Bildungsniveau der Höheren Schulen in Nordhausen und Quedlinburg, die er besuchte, denn ein Universitätsstudium hat er nie absolviert.

Die zweite Benneckensteiner Kirche, erbaut 1642, in welcher Andreas Werckmeister getauft worden ist

Biografie

Sein Großvater Viktor Werckmeister war seit 1626 Pfarrherr in Benneckenstein und erbaute die alte Pfarre 1656 nach der totalen Zerstörung des Orts im Dreißigjährigen Krieg. Sein Vater war der Bürger, Brauer und Ackermann Joachim Werckmeister, zugleich Gerichtsschöppe in Benneckenstein.

Die alte Pfarre von 1656

 

Andreas Werckmeister besuchte bis 1657 die Knabenschule in Benneckenstein. Nach einem zweijährigen Aufenthalt (1658 bis 1660) bei seinem Onkel Christian Werckmeister, Organist in Bennungen (Goldene Aue), zu musikalischen Unterweisungen und Anleitungen im Orgelspiel war er von 1660 bis 1661 Schüler der Lateinschule in Nordhausen. Weitere Ausbildung erhielt er bei seinem Onkel Heinrich Victor Werckmeister, Hofkantor und Gymnasiallehrer in Quedlinburg, von 1662 bis 1663. Dort besuchte er auch das Gymnasium.

Seine erste Organisten- und Schullehrerstelle hatte Werckmeister von 1664 bis 1673 in Hasselfelde inne. 1674 wurde er Organist und Stadtschreiber in Elbingerode, bis er 1675 nach einem eindrucksvollen Vorspiel auf der Orgel, das höchste Bewunderung und Anerkennung fand, zum Hoforganisten an der Stiftskirche St. Servatius in Quedlinburg berufen wurde. Zusätzlich wurde er 1677 Organist an St. Wiperti,

Von 1696 bis1706 war Werckmeister Magister und Organist an der Ratskirche St. Martini in Halberstadt und wurde zudem zum Königlich-Preußischen Inspektor aller 34 Orgeln im Fürstentum Halberstadt ernannt.

Quedlinburg zur Werckmeister-Zeit (Kupferstich von M. Merian 1647)

Musikhistorische Bedeutung / Werke

1. als Komponist

Werckmeisters kompositorisches Werk ist nur fragmentarisch erhalten. Von größeren Sammlungen sind nur die Titel bekannt. Erhalten haben sich vier Orgelkompositionen unterschiedlicher Qualität, eine Kantate zum Epiphaniasfest Wo ist der neugeborene König der Juden? sowie unter dem Titel Musikalische Privatlust Violinstücke mit Generalbass.

Seine „Nachtwächter-Canzona“ (Cantzona di Nachtwächter, s. Klangbeispiel unten) beginnt mit einer kraftvollen Einleitung, dann ertönt das „Horn“ des Nachwächters, gefolgt von stark rhythmisierten Akkorden, welche die Bedeutung dieses Rufs unterstreichen. Es folgen vier leise gespielte Canzonen (Fugen) über das Lied Hört, ihr Herrn und lasst euch sagen, immer wieder unterbrochen durch den Nachtwächterruf (vgl. Kern 2008).

2. als Orgelfachmann

Als Orgelsachverständiger war Werckmeister hochgeschätzt und nahm an mehr als 30 Orgelabnahmen teil. So gehörte er auch zu den Prüfenden der Orgel von Arp Schnitger in der Johanniskirche zu Magdeburg (1695) und legte ein Gutachten über den Zustand der berühmten Orgel des Halberstädter Orgelbauers David Beck von 1596 in der Schlosskapelle zu Gröningen vor (Organum Gruningense revidivum, Quedlinburg/Aschersleben 1705). Nach seinen Angaben und für eigene Verwendung hat er zehn Orgeln anfertigen lassen. Zwei davon hat er nach Deesdorf bei Gröningen und Sargstedt bei Halberstadt verkauft und dort eigenhändig aufgebaut.

Werckmeisters Schriften zur Orgel sind von besonderer Bedeutung für das ausgehende 17. und beginnende 18. Jahrhundert, insbesondere seine Ausführungen zur musikalischen Temperatur/Stimmung (Musikalische Temperatur, Frankfurt 1691; Hypomnemata Musica, Quedlinburg 1697, Musikalische Paradoxal-Discourse, Quedlinburg 1707). Zu seiner Zeit konnte man auf Tasteninstrumenten nur Werke mit Tonarten von wenigen Vorzeichen spielen, sonst klang es „verstimmt“. Seine Ideen für eine temperierte Stimmung waren zwar zu der Zeit nicht mehr originell, da es z. B. in Italien und Frankreich bereits frühere Ansätze in dieser Richtung gab (vgl. Bayreuther 2016), aber im deutschen Raum wurden seine Vorschläge wegweisend für die heute gebräuchliche gleichstufige/gleichschwebende Stimmung in der Musik, die das Musizieren in allen Dur- und Molltonarten ermöglicht. Zwar sind alle Intervalle nur annähernd rein, doch das Zusammenspiel der Instrumente mit festen Tonhöhen mit anderen harmonisch rein intonierenden Instrumenten, wie z. B. Violine oder Flöte, war nun praktikabel.

Andreas Werckmeister, “Musicalische Temperatur” 1691, Titelseite

 

Werckmeister legte in seiner Schrift Musicalische Temperatur sechs verschiedene Temperierungsmodelle vor, die es ermöglichen sollten, das sogenannte pythagoreische Komma auszugleichen, die Diskrepanz, die beim Übereinanderschichten von akustisch reinen Quinten gegenüber reinen Oktaven auftritt und so ein Schließen des Quintenzirkels verhindert. „Werckmeisters Einstellung zur gleichstufigen Temperatur ist nicht ganz eindeutig zu bestimmen. Die Stimmung fehlt in der Monochordteilung der Abhandlung Musicalische Temperatur (1691), wird hier nur beiläufig erwähnt. Dies begründet Werckmeister später (1707, S. 112) mit der Unfähigkeit des Kupferstechers, eine exakte gleichmäßige Teilung des Kommas auszuführen.“ (Vgl. Auhagen 2016)  Zwar befürwortet er in seiner letzten Schrift Musicalische Paradoxal-Discourse von 1707 die gleichschwebende Stimmung mit Einteilung des Quintenzirkels in 12 gleiche Intervalle/Quinten, die alle um 1/12-tel von der reinen Quinte abweichen, aber auch das nicht ohne Einschränkung (zur gleichschwebend temperierten Stimmung s. Link unten).

Es ist anzunehmen, dass J. S. Bach von seinem Vetter J. G. Walther davon Kenntnis erhielt und zu seiner Sammlung von Präludien und Fugen für ein Tasteninstrument Das Wohltemperierte Klavier (1722; BWV 846–893) angeregt worden ist. Werckmeisters Schrift Orgel-Probe von 1681 diente Generationen von Sachverständigen bei der Abnahme von neuen Orgelbauten (Erweiterte und verbesserte Orgel-Probe, Quedlinburg 1698).

3. als Musiktheoretiker

Werckmeisters musiktheoretische Werke zeugen von einer tiefen Sachkenntnis auf dem Gebiet der Musik, Mathematik, Theologie und Philosophie. Die wichtigsten Veröffentlichungen neben den oben genannten sind:

  • Musicae Mathematicae Hodegus curiosus, Frankfurt/Leipzig 1687
  • Die nothwendigsten Anmerckungen und Regeln wie der Bassus continuus oder General-Baß wol könne tractiret werden, Aschersleben 1698
  • Harmonologia musica…, Frankfurt/Main, Leipzig1700

Die letzteren beiden Schriften sind Kompositionslehren zur Ausführung des Bassfundaments, über Fugen, Kanon und Kontrapunkt. In ihnen setzt er sich empirisch auch mit den Entwicklungen der Musik in seiner Zeit auseinander.

 

Siegel von Andreas Werckmeister: Das innere Wappen von Werckmeisters Siegel, welches von einem Fischblasenmuster umrahmt wird, zeigt einen gespreizten Zirkel sowie die Zahlen 4, 5 und 6. Der Zirkel steht für seine Vorstellung von universeller Harmonie, bezogen auf den Quintenzirkel. Die Zahlen stellen nach dem Prinzip der Saitenteilung als 4., 5. und 6. Ton in der Naturtonreihe den Dur-Dreiklang dar.

 

Die Familie Werckmeister hat im 17. Jh. über drei Organisten-Generationen mit Christian in Bennungen und Benneckenstein, mit Heinrich Victor an verschiedenen Kirchen in Quedlinburg, mit Andreas in Hasselfelde, Elbingerode, Quedlinburg und Halberstadt sowie mit seinen Söhnen Johann Bartholomäus in Quedlinburg und Johann Andreas in Halberstadt in einem eng begrenzten territorialen Raum die Kirchenmusik geprägt. Dies berechtigt von einer Werckmeister-Dynastie zu sprechen, deren herausragender Vertreter Andreas Werckmeister gewesen ist. Sein Geburtsort hat ihm 1995 ein Denkmal gesetzt.

Die Stadt Halberstadt vergibt regelmäßig anlässlich der Orchesterwerkstatt junger Komponisten den Andreas-Werckmeister-Preis. Außerdem ist dort eine Straße nach ihm benannt.

Werckmeister-Denkmal in Benneckenstein: Die von angedeuteten Orgelpfeifen umstellten Kunstgusstafeln enthalten persönliche Daten, wichtige Etappen seines Lebens und eine bildliche Darstellung seines musiktheoretischen Wirkens.

Klangbeispiele

Andreas Werckmeister, Präludium G-Dur, gespielt von Ulrike Kern, Goslar

Andreas Werckmeister, Nachtwächter-Canzona, gespielt von Ulrike Kern, Goslar

Wohltemperierte Stimmungen I – Andreas Werckmeister (Lehrklaenge.de, mit Klangbeispielen zu verschiedenen Werckmeister-Stimmungen)

Literatur

Auhagen, Wolfgang, Art. „Stimmung und Temperatur, LITERATUR“, in: MGG Online, hrsg. von Laurenz Lütteken, Kassel, Stuttgart, New York 2016ff., zuerst veröffentlicht 1998, online veröffentlicht 2016, https://www.mgg-online.com/mgg/stable/373289.

Bayreuther, Rainer, Art. „Werckmeister, Andreas, AUSGABEN“, in: MGG Online, hrsg. von Laurenz Lütteken, Kassel, Stuttgart, New York 2016ff., zuerst veröffentlicht 2007, online veröffentlicht 2016, https://www.mgg-online.com/mgg/stable/57538.

Klaus Beckmann, Arp Schnitger und das Netzwerk Wohltemperierung, in: Ars Organi 2016 (64. Jg.), H. 4, S. 215–222.

Ursula Herrmann, Andreas Werckmeister (1645-1706), Inaugural-Dissertation, Halle/Saale 1959, Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt (Halle), Sign.: Halle, Phil. Diss., 1951.

Ulrike Kern, Die Reubke-Orgel in der St. Laurentius-Kirche in Benneckenstein/Harz – Eine Dokumentation, 2008, Begleitheft S. 14.

Uwe Pape, Wolfram Hackel (Hrsg.), Artikel „Werckmeister“, in: Lexikon norddeutscher Orgelbauer. Bd. 3: Sachsen-Anhalt und Umgebung, Berlin 2015, S. 632.

Thom Eitelfriedrich, Frieder Zschoch, Bericht über das Werckmeister-Kolloqium aus Anlass des 340. Geburtstags von Andreas Werckmeister am 30. November 1985, in: Studien zur Aufführungspraxis und Interpretation von Musik des 18. Jahrhunderts, Heft 30, Michaelstein/Blankenburg 1986.

Lutz Wille, Soli Deo Gloria – Gott allein zur Ehre, zum 350. Geburtstag von Andreas Werckmeister, in: Unser Harz 1995, S. 203–206.

Lutz Wille, Die Organisten-, Kantoren- und Pastorenfamilie Werckmeister aus Benneckenstein, in: Harz-Zeitschrift 2011, S. 167–197.

Links

Was ist eine gleichschwebend temperierte Stimmung? (Erklärvideo)

Werckmeisters Schriften in der Petrucci Music Library/IMSLP zum kostenlosen Download

Andreas-Werckmeister-Straße in Halberstadt

Das Werckmeister-Denkmal (harzlife)

Materialien zum Download

Arbeitsblatt (PDF):

Komponisten in Sachsen-Anhalt (Schüler-Arbeitsblatt im Word-Format für Lehrer*innen auf dem Landesbildungsserver)

Lutz Wille / SM 2020