Komponisten

Thiele, Rudolf Eduard (1812–1895)

* 21. November 1812 in Dessau, † 09. Januar 1895 in Dessau

Biografie

„Ich bezeuge laut, nie eine edlere und vollkommenere Gesamtleistung auf einem Theater erlebt zu haben, als diese Aufführung. … Herr von Normann [der Intendant] … bestimmte als sinniger Bühnenleiter seinen Kapellmeister (Ferd. Diedicke; d. V. …) zu einer musikalischen Leistung von solcher Korrektheit und Schönheit, wie ich sie nirgends sonst in einem Theater antraf. Dies aber geschah wie gesagt, in dem kleinen Dessau.“ (Äußerung Richard Wagners über die Arbeit von Eduard Thiele als Orchestererzieher in Dessau am Beispiel von Glucks Orpheus am 11. Dezember 1872, dem das Vorspiel zur Oper Die Meistersinger von Nürnberg vorangestellt war. In: Kapp, Julius (Hrsg.), Richard Wagner – Gesammelte Schriften, Band XIII, Hesse und Becker Verlag, Leipzig o. J., S. 147–148, zit. n. Grohs 2002, S. 150)

Als Sohn des Dessauer Kammermusikers Johann Friedrich Thiele und seiner Frau Fredericke Thiele wurde Rudolf Eduard Thiele am 21. November 1812 in Dessau geboren. Besonders Eduards Vater förderte die musikalische Bildung seines Sohnes. Dafür bekam Eduard Unterricht bei Friedrich Schneider und trat bereits im Alter von zwölf Jahren als Pianist am Dessauer Theater unter Schneiders Leitung auf. Des Weiteren erhielt er Klavier-, Orgel- und Musiktheorieunterricht an der Dessauer Musikschule. 1830, im Alter von 17 Jahren, führte die Hofkapelle eigene Kompositionen Thieles auf, welche mit großer Begeisterung vom damaligen Publikum angenommen wurden. Im selben Jahr begann er eine Studienreise nach Wien und Dresden, um sich musikalisch fortzubilden. Unter anderem stellte er seine Klaviersonaten op. 1 und dem Kirchenkomponisten Abbé Stadler (1748–1833) in Wien vor. Über seinen Aufenthalt in Dresden gibt es keine näheren Angaben.

Nach seiner Studienreise führte ihn sein Weg zurück nach Dessau, wo er am 1. Dezember 1832 auf Wunsch Schneiders zum Dessauer Musikdirektor ernannt wurde. Darüber hinaus übernahm er das Amt des Kapellmeisters der „Millerschen Theatergesellschaft“ in Dessau und Altenburg. Bereits zwei Jahre später (1834) trat er vorerst probeweise die Stelle des Herzoglichen Musikdirektors in Anhalt-Köthen an, für die er am 22. Juli 1835 endgültig vom Köthener Herzog Heinrich angestellt wurde. Parallel dazu leitete er die örtliche Singakademie.

Am 31. August 1837 heiratete er Dorothee Emilie Schulze (geboren 27. August 1816) in der Köthener St.-Agnus-Kirche. In diese Ehe brachte er eine Tochter mit, deren Mutter namentlich nicht bekannt ist. Für sie schrieb er ein eigenes Liederbuch, welches im Köthener Museum ausgestellt wird. Mit seiner Frau Emilie bekam er noch vier weitere Kinder.

Die heute noch bestehende „Musikschule Köthen Johann Sebastian Bach Landkreis Anhalt-Bitterfeld“ wurde unter Thiele am 13. Februar 1839 eröffnet. Im darauffolgenden Jahr stellte ihn die evangelische Gemeinde der St.-Agnus-Kirche Köthen als Kirchenmusiker an. Darüber hinaus übte er ab 1847 die Tätigkeit des Organisten der dortigen St.-Jakobs-Kirche aus. Am 31. März 1841 ernannte der Ort in sogar zum Bürgermeister von Köthen.

In politischer Hinsicht bekannte sich Thiele 1847/48 öffentlich zu den Idealen der Demokraten. Junge Männer trafen sich regelmäßig um 1840 im Ratskeller von Köthen, um über Liberalismus und Demokratie zu sprechen. Diese Zusammenkünfte nannte man auch „Kellerpolka“, woraufhin Thiele 1847 eine gleichnamige Polka komponierte.

Eduard Thiele zeichnete sich vor allem aber durch sein Wirken am Dessauer Theater aus.

Dessauer Theater (1820)

 

Seine Tätigkeit begann mit dem Brand des Erdmannsdorff’schen Theaters in Dessau am 7. März 1855. Trotz der starken Schäden konnte das Gebäude innerhalb von eineinhalb Jahren wieder aufgebaut werden. Als ehemaliger Schüler Friedrich Schneiders übernahm Eduard Thiele in diesem schicksalhaften Jahr die Leitung des Orchesters als Kapellmeister am Dessauer Theater (bis 1882) und prägte in den darauffolgenden Jahren das Dessauer Musikleben. Unter der Führung Thieles wurde das Theater 1856 wieder eröffnet. Durch eine neu eingebaute moderne Gasbeleuchtung wurde es zu einem der modernsten Theater Europas.

Dessauer Theater von innen (1920)

 

Dessau im Einfluss Richard Wagners

Thieles Wirken in Dessau ist jedoch vor allem durch die Aufführung der Werke Richard Wagners von Bedeutung. In Anlehnung an die Bayreuther Wagner-Festspiele trug Dessau deshalb auch den Namen „Bayreuth des Nordens“. Zusätzlich zu seiner Kapellmeistertätigkeit übernahm Thiele ab dem 13. Oktober 1856 die Stelle des Musikalischen Leiters der Dessauer Singakademie.

1857 kam es im Dessauer Theater unter Eduard Thiele zur Aufführung zweier sehr gegensätzlicher Werke: der Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach – in Zusammenarbeit mit der Dessauer Singakademie – und der Oper Tannhäuser und der Sängerkrieg auf der Wartburg von Richard Wagner. Dieser Gegensatz brachte sowohl sein Interesse für bedeutende Werke vergangener Zeiten als auch für Werke zeitgenössischer Musik zum Ausdruck. Mit dem Tannhäuser begann eine jahrzehntelange Tradition der Aufführung von Wagner-Opern in Dessau, welche insbesondere Ende der 1860er-Jahre einen Höhepunkt erreichte:

  • 21.04.1867: 1. Aufführung Lohengrin
  • 29./30.01.1869 (je nach Quellenlage verschiedene Angaben): 1. Aufführung Die Meistersinger von Nürnberg
  • 16.11.1869: 1. Aufführung Der fliegende Holländer

Vor allem Die Meistersinger von Nürnberg verschafften Dessau den großen Durchbruch. Nach der Uraufführung am 21. Juni 1868 in München war Dessau der dritte Ort, an dem diese Oper gespielt wurde. Nachdem Wagner davon erfuhr, dass das Dessauer Theater seine Opern inszenierte, setzte er sich mit diesem in Verbindung. Im Herbst 1872 reiste er durch mehrere deutsche Städte, um für die Bayreuther Festspiele zu werben. So machte er auch in Dessau halt und sah sich am 11. Dezember 1872 Christoph Glucks Oper Orpheus und Eurydike an. Zu Ehren seines Besuchs erklang als Überraschung das Vorspiel der Meistersinger von Nürnberg mit dem entsprechenden Bühnenbild der Schlussszene, welches Glucks Orpheus vorangestellt wurde. Beeindruckt von den Dessauer Musikern stellte Wagner zwölf bzw. dreizehn (je nach Quellenlage verschiedene Angaben) Musiker im Bayreuther-Festspiel-Ensemble an.

Zu seinem 50. Kapellmeisterjubiläum am 1. Dezember 1882 verkündete Thiele seinen Eintritt in den Ruhestand. Daraufhin wurde sein Schüler August Friedrich Martin Klughardt sein Nachfolger.

Musikhistorische Bedeutung

Eduard Thiele übernahm zeit seines Lebens Tätigkeiten als Dirigent, Komponist, Pianist, Organist, Pädagoge und Musikfestorganisator, insbesondere in Dessau und Köthen. Besonders zeichnet ihn seine Position als Kapellmeister in Dessau von 1855 bis 1882 aus. Von den durchschnittlich 118 Vorstellungen pro Jahr waren ungefähr 64 Opern, die seit dem Jahr 1868 bis zu seinem Ruhestand 1882 am Theater aufgeführt wurden. Thiele baute ein vielfältiges und nachhaltiges Repertoire für die Dessauer auf und richtete dabei seine größte Aufmerksamkeit auf die Opernpflege.

Aufgrund seiner zahlreichen Tätigkeiten wurden ihm verschiedene Auszeichnungen zuteil:

  • Verdienstorden für Kunst und Wissenschaft
  • Ritterkreuz I. Klasse des Großherzoglich-Badischen Ordens vom Zähringer Löwen
  • Goldenes Verdienstkreuz des Großherzoglich Mecklenburgischen Hausordens der Wendischen Krone
  • Verdienstkreuz des Herzoglich Sachsen-Ernestinischen Hausordens
  • Fürstlich Schwarzburgisches Ehrenkreuz

In aktuellen Musiklexika lässt sich verhältnismäßig wenig über Eduard Thiele finden. Er gehört eher zu den Komponisten, die im Laufe der Jahre in Vergessenheit geraten sind, da er unter anderem keinen Wert auf den Druck seiner Werke legte. Durch Brände des Theaterarchivs im Verlauf des Zweiten Weltkriegs ging ein weiterer Teil seiner Kompositionen verloren. Trotzdem lassen sich mehr als 270 Werke von ihm finden, die im Köthener Museum aufbewahrt werden.

Werke

Thieles kompositorische Arbeit umfasst ein vielseitiges Repertoire an Sinfonien, Orgelwerken, Liedern, Motetten, Psalmen, Solokonzerten, Melodramen, Kammermusik, Ouvertüren und Schauspielmusik. Einige dieser erhaltenen Werke sind sehr beschädigt und müssen restauriert werden.

Präludium und Fuge in a-Moll, Titelblatt, Manuskript, n.d.(ca.1880)

 

Werkübersicht

Noten

Präludium und Fuge in a-Moll, komplettes Manuskript zum Download

Literatur

Christian Antz (Hrsg.), Christoph Neef (Text), Musikland Sachsen-Anhalt. Eine musikalische Reise durch Sachsen-Anhalt (= Kulturreisen in Sachsen-Anhalt, Bd. 4), Dößel (Saalekreis) 2005, S. 17–24.

Gernot Maria Grohs, „Der vergessene Dirigent und Komponist Rudolf Eduard Thiele (1812–1895)“, in: Mitteilungen des Vereins für Anhaltische Landeskunde, Heft 11, Köthen 2002, S.140–154.

Karl-Heinz Köhler/Lutz Buchmann/Ronald Müller, Von der Fürstlichen Hofkapelle zur Anhaltischen Philharmonie – 250 Jahre Orchester in Dessau, hrsg. vom Anhaltischen Theater Dessau, Jonitzer Verlag, Dessau 2016. S. 42–60.

Links

Briefwechsel von Eduard Thiele

Beitragsliste der „Mitteilungen des Vereins für Anhaltische Landeskunde“ Heft 11 (Köthen 2002)

Familienname Thiele – Auflistung

Materialien zum Download

Arbeitsblätter

Steckbrief zu „Rudolf Eduard Thiele“ (Lückentext, Lösungsblatt für Lehrer*innen auf dem Landesbildungsserver)

Komponisten in Sachsen-Anhalt

Amelie Warnecke  2019

Der Beitrag entstand im Rahmen eines Seminars im Sommersemester 2018 an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.