Komponisten

Schieferdecker, Johann Christian (1679–1732)

* 10. November 1679 in Teuchern bei Weißenfels, † 03. April 1732 in Lübeck

Biografie

Johann Christian Schieferdecker (auch Schiefferdecker) war ein bedeutender Organist und Komponist. Seine Musikalität hat er ohne Zweifel von seinem Vater Christian Wilhelm geerbt, der Kantor, Organist und Rektor in Teuchern war. Dieser war später auch am fürstlichen „Gymnasium illustre Augusteum“ in Weißenfels als Musikdirektor und Professor tätig. Aus seiner ersten Ehe mit Catharina Dorothea, die 1688 starb, gingen mindestens drei Kinder hervor, darunter auch Johann Christian, der zunächst in Teuchern aufwuchs und dort vermutlich von seinem Vater erste musikalische Unterweisungen erhielt.

Marktplatz mit Rathaus in Teuchern heute

 

Auch nachdem die Familie 1684 nach Weißenfels gezogen war, nahm die Musik im Leben des Schülers Johann Christian eine wichtige Rolle ein. Zu besonderen Anlässen wurden Abendmusiken von den Schülern und Studierenden des Gymnasiums aufgeführt, die unter der Leitung von Johann Christians Vater standen. Demnach war Weißenfels ein guter musikalischer Ausgangspunkt für den jungen Schieferdecker.

Kloster St. Claren in Weißenfels, in dessen Räumen das „Gymnasium illustre Augusteum“ seit 1664 untergebracht war

 

Nach der Schulzeit in Weißenfels besuchte Johann Christian zwischen 1692 und 1697 die Thomasschule zu Leipzig, an der die musikalische Unterweisung durch den damaligen Kantor Johann Schelle, der auch Reinhard Keiser und später Christoph Graupner sowie Johann David Heinichen unterrichtete, einen besonderen Stellenwert einnahm. Schelle verband in seinen Kompositionen biblische Texte mit Dichtungen, ein Verfahren, das auch Schieferdecker später anwenden sollte.

Die Thomasschule vor 1885

 

Nach dem Schulbesuch trat Schieferdecker ein Studium in Leipzig an. Dort beschäftigte er sich viel mit der Musik und begann, eigene Werke zu komponieren. So wurden seine ersten Opern Medea und Justinus in Leipzig noch während seines Studiums (um 1700) aufgeführt.

Zum Weißenfelser Fürstenhof unterhielt Schieferdecker damals wohl kaum Verbindungen, obgleich seine Familie weiterhin in Weißenfels lebte und sein Bruder Johann Christoph sogar Hofmusiker war. Belegt ist lediglich, dass er sich 1701 in Weißenfels aufhielt, da in diesem Jahr seine Oper Regnerus und Svandite dort uraufgeführt wurde, deren revidierte Fassung dann ein Jahr später unter dem Titel Der Königliche Printz Regerus in Hamburg auf die Bühne gebracht wurde.

Weißenfels, das heute zu Sachsen-Anhalt gehört, war von 1656 bis 1746 Residenzstadt des Herzogtums Sachsen-Weißenfels und einer der Mittelpunkte der frühdeutschen Operntradition. Auf dem Erbe hallischer musikdramatischer Aufführungen am Hofe Herzog Augusts basierend, gab es von 1680 bis 1736 verschiedene Formen dramatischer Inszenierungen – von der Oper bis zur in Szene gesetzten Tafelmusik – in deutscher Sprache. Wesentliches leisteten hierbei Johann Philipp Krieger und Johann Augustin  Kobelius, daneben auch Nicolaus Adam  Strungk und Johann Christian Schieferdecker, dessen Regnerus und Svandite allerdings seine einzige dort aufgeführte Oper bleiben sollte.

Spätestens ab 1702 war Schieferdecker in Hamburg an der Gänsemarkt-Oper, einem künstlerischen Zentrum fortschrittlichen Geistes, als Cembalist tätig, wo auch der ebenfalls aus Teuchern gebürtige Opernkomponist Reinhard Keiser zu dieser Zeit schon als bedeutende Persönlichkeit galt. Beide kannten sich bereits aus Teuchern, und es ist möglich, allerdings nicht überliefert, dass Schieferdecker von Keiser nach Hamburg geholt wurde oder zumindest auf dessen Empfehlung dorthin ging. Obgleich er an der Hamburger Oper weitere Opern schrieb und bearbeitete und durchaus auch Erfolge beim Publikum erzielte, war es ihm wohl nicht möglich, sich in damaliger Zeit neben den dort etablierten Opernkomponisten zu behaupten. Als im Sommer 1703 auch der junge Hallenser Georg Friedrich Händel zunächst als Violinist, später auch als Cembalist in das Hamburger Opernorchester eintrat, bedeutete dies für Schieferdecker weitere Konkurrenz. Ob die Aufführung der von Keiser vertonten Oper Almira 1704 am Weißenfelser Hof unter Mitwirkung von Schieferdecker oder Händel am Cembalo stattfand, der zu dieser Zeit ebenfalls mit der Komposition einer eigenen Almira-Version beschäftigt war, kann nicht eindeutig beantwortet werden.

Festdekoration in der Hamburger Oper am Gänsemarkt anlässlich des Geburtstags von Georg I. von Großbritannien 1727

 

1704 kam Schieferdecker nach Lübeck und ließ sich von Dietrich Buxtehude in der Orgelmusik unterrichten. Am 23. Juni 1707 wurde er vom Lübecker Stadtrat zum Nachfolger Buxtehudes ins Amt des Organisten und Werkmeisters (Orgelmacher) an der Kirche St. Marien zu Lübeck gewählt. Schieferdecker arbeitete ein Jahr zuvor bereits als Substitut und vertrat in dieser Position seinen Amtsvorgänger. Im selben Jahr noch (am 18. August 1707) erwarb er das Bürgerrecht und heiratete am 5. September seine Frau Anna Margaretha, eine Tochter Buxtehudes, die bereits zwei Jahre später starb. Diese Heirat allerdings war wohl eher „Zwang als Drang“, denn Schieferdecker war vermutlich an einer Hochzeit nicht wirklich interessiert. Doch die Verbindung und damit erreichte finanzielle Absicherung der Tochter des Vorgängers war eine Art Bedingung, um das Amt des Werkmeisters zu erhalten. Auch sein Schwiegervater Buxtehude hatte eine Tochter seines Amtsvorgängers Franz Tunder geheiratet, um in die gewünschte Position zu gelangen. So scheint es, als wäre dies eine übliche Praxis gewesen. Schieferdecker und Anna Margaretha Buxtehude hatten eine gemeinsame Tochter, Johanna Sophie.

Recherchestand 2019, Quelle: Carsten Gießler, Teucherns Historia 2019, S. 17

Musikhistorische Bedeutung / Werke

Johann Christian Schieferdecker löste ganz der Tradition entsprechend 1707 seinen Vorgänger Buxtehude ab und komponierte von da an bis 1729 alljährlich seine 5-teiligen Abendmusiken.

„Häusliche Musikszene“ von Johannes Voorhout, 1674. Vermutlich Buxtehude an der Viola da gamba

 

Seit 1673 hatte Dietrich Buxtehude in Lübeck die sogenannten „Abendmusiken“ veranstaltet, die wiederum sein Schwiegervater Franz Tunder begründet hatte.1669 wurden infolgedessen Seitenemporen an der Kirche angebracht, um mit der Orgel zusammen musizieren zu können. Diese Musik war so erfolgreich, dass sogar Johann Sebastian Bach 1705 rund 465 km Fußmarsch von Arnstadt nach Lübeck zurücklegte, nur um sein Vorbild Buxtehude zu treffen und seine Orgelkunst zu studieren, aber auch, um sich die „Lübecker Abendmusiken“ anzuhören. Diese Abendmusik birgt eine lange Tradition. Im 17. Jahrhundert begann sie als Orgelmusik, später erweiterte sich das Instrumentarium. Als Buxtehude Organist war und die Tradition übernahm, verlegte er die Abendmusik in die Zeit des Kirchenjahrwechsels (= Advent), sodass die Musik einen leicht adventlichen, weihnachtlichen Klang bot. Buxtehudes Nachfolger haben bis 1810 diese Tradition beibehalten. Auch Schieferdeckers Nachfolger Johann Paul Kunzen setzte sie fort, weshalb Lübeck bis heute als bedeutende Musikstadt gilt. Im 19. Jahrhundert führte Karl Lichtwark wieder Orgelmusik mit Vokal- und Instrumentalbeiträgen ein. Heute werden sie unter dem Marienorganisten Johannes Unger zum Wechsel des Kirchenjahres mit neuer und alter Musik in verschiedensten Besetzungen fortgeführt. Alle 23 Abendmusiken Schieferdeckers sind verloren gegangen.

Die wohl wichtigsten bis heute erhaltenen Werke von Schieferdecker sind die „Geistlichen Konzerte“, darunter beispielsweise Auf, auf, mein Herz, Sinn und Gemüte oder Weicht, ihr schwartzen Trauerwolken, die für Bass, zwei Violinen, Viola da gamba und Cembalo arrangiert wurden.

Ein weiteres heißt In te Domine speravi, welches für Gesang (Tenor), Violine und Basso continuo konzipiert wurde (Notenbeispiel s. u., vollständige Fassung als PDF unter „Noten“ zum Download). Bei diesem Stück handelt es sich um ein „Geistliches Konzert“ als gattungsgeschichtlicher Vorläufer der geistlichen Kantate im 17. Jahrhundert. Die Besetzung ähnelt der einer Triosonate, bei der jedoch nicht zwei gleichrangige Instrumentalstimmen über einem Generalbass erklingen, sondern nur eine Instrumentalstimme (Violine) und eine Gesangsstimme (Tenor). Dabei ist der alte, polyphone Stil (beispielsweise der Motette) meist übernommen worden. Das ist z. B. an Imitationen zwischen den Stimmen zu erkennen (vgl. Takt 7–9 in der Partitur). Genauso finden sich oftmals Stimmführungen, bei denen sich Terzen auf- und abwärts bewegen, während der Generalbass auf Viertelnoten eine Art Grundschlag vermittelt (vgl. Takt 11–13 in der Partitur). Dabei wechseln sich Vokal- und Instrumentalpassagen ab.

In te domine speravi – Johann Christian Schieferdecker (1713)

 

Die wichtigsten Werke werden im Folgenden zusammengefasst (nach Mutschelknauss 2016):

  1. Vokalmusik:
  • Heilig ist der Herr Zebaoth für gem. Ch., Str. und B.c.
  • 2 Hochzeitsarien für T und Instr.: Keuscher Flammen Liebes Feuer; Glück zu Euren Hochzeits-Kertzen, Lübeck 1707
  • Kyrie und Gloria für gem. Ch., Str. und B.c.
  • In te Domine speravi für T, V. und B.c.
  • 3 Kantaten für B-B.c.: Auf auf mein Herz für B, 2 V. und B.c., Weicht ihr schwarzen Trauer-Wolken für B, 2 V. und B.c., Triumph, Triumph, Belial ist nun erleget für B, 2 V., Va. und B.c.
  • 23 Abendmusiken (verloren)
  • Geistliche Cantaten nach Ordnung der Sonn- und Fessttäglichen Evangelien (verloren)
  1. Bühnenwerke (Opern, Fundorte der erhaltenen Textbücher):
  • Justinus, Lpz. 1700 und 1703; rev. Fassung als Der Von dem Ackers-Pflug zu den Thron Erhabene Käyser Justinus
  • Medea, Lpz. 1700
  • Regnerus und Svanvite, Weißenfels 1701; rev. Fassung als Der Königliche Printz Regnerus, Hbg. 1702
  • Der Siegreiche König der Gothen Alaricus, Hbg. 1702
  • Victor Hertzog der Normannen, Hbg. 1702 (mit Joh. Mattheson und G. Bronner; nur 1. Akt von Schieferdecker)
  1. Instrumentalmusik
  • XII Mus. Concerte, bestehend aus auserlesenen Ouv. Nebst einigen schönen Suiten und Sonaten für 3 V., 3 Ob., Bass und B.c., Hbg. 1713
  • Meine Seele erhebet den Herren für Orgel

→ Alle weiteren Werke, besonders die Musik der Abendmusiken, sind in den Jahren bis heute verloren gegangen. Lediglich Textbücher sind erhalten. Somit ist das Wirken Schieferdeckers nur schwer einzuschätzen.

Klangbeispiele

In te Domine speravi, Jan Kobow, Simone Eckert, Hamburg Ratsmusik Ensemble

CD-Hinweis

Johann Christian Schieferdecker: Geistliche Konzerte, Klaus Mertens, Jan Kobow, Hamburger Ratsmusik, Simone Eckert (mit Klangbeispielen)

XII. Musicalische Concerte, bestehend aus etlichen Ouverturen und Suiten (No.3)

Noten

Schieferdecker in der Petrucci Library (IMSLP) (Auswahl an Werken als PDF zum Download)

In te Domine speravi in der Petrucci Library (als PDF zum Download in moderner Fassung)

Literatur

Torsten Fuchs, Art. „Weißenfels, I.: Entwicklung des Musiklebens bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, Höfische Musikpflege“, in: MGG Online, hrsg. von Laurenz Lütteken, Kassel, Stuttgart, New York 2016ff., zuerst veröffentlicht 1998, online veröffentlicht 2016. Verfügbar unter:  https://www.mgg-online.com/mgg/stable/58155 (Abrufdatum: 15.05.2020).

Carsten Gießler, „Johann Christian Schieferdecker – Komponist und Organist in Lübeck und seine Wurzeln in unserer Heimat“, in: Teucherns Historia 2019, S. 15–23.

Klaus-Peter Koch, „Keiser, Graupner, Grünewald und Schieferdecker (1995). Die Jahre 1706-1709“, in: Gedenkschrift für B. Baselt, hrsg. von Klaus Hortschansky und Konstanze Musketa, Kassel/Halle 1995 (= Schriften des Händel-Hauses in Halle 11), S. 413–422.

Eduard Mutschelknauss, Art. „Schieferdecker, Johann Christian“, in: MGG Online, hrsg. von Laurenz Lütteken, Kassel, Stuttgart, New York 2016ff., zuerst veröffentlicht 2005, online veröffentlicht 2016. Verfügbar unter: https://www.mgg-online.com/mgg/stable/16543 (Abrufdatum: 15.05.2020).

Links

Lebenslauf von Johann Christian Schieferdecker, klassika.info (Abrufdatum: 15.05.2020).

Dieterich Buxtehude, Website St. Marien zu Lübeck (Abrufdatum: 15.05.2020).

Lübecker Abendmusiken, Website St. Marien zu Lübeck (Abrufdatum: 15.05.2020).

Materialien zum Download

Arbeitsblätter

Johann Christian Schieferdecker – Leben und Werk, laut Fachlehrplan für Klassenstufen 10–12 geeignet (vgl. Kl. 10: „Musikkultur in Mitteldeutschland untersuchen“ und Kl. 11–12: „Geistliche Musik erschließen und verstehen“, Quelle: https://lisa.sachsen-anhalt.de/fileadmin/Bibliothek/Politik_und_Verwaltung/MK/LISA/Unterricht/Lehrplaene/Gym/FLP_Gym_Musik_LT.pdf); von den Anforderungen her auch in Kl. 7–9 möglich (Lösungsblatt für Lehrer*innen sowie die ODT-Datei des Schüler-Arbeitsblattes auf dem Landesbildungsserver)

In Te Domine Speravi (Text lateinisch und in deutscher Übersetzung)

Komponisten in Sachsen-Anhalt

Tobias Nordte 2020

Der Beitrag entstand im Rahmen eines Seminars im Sommersemester 2020 an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.