Komponist*innen

Ochs, Gerd (1903–1977)

* 27. September 1903 in Roßla/Harz, † 19. Dezember 1977

Gerd Ochs beim Theorbenspiel im Jahr 1953

Biografie

Der 1903 in Roßla/Harz gebürtige Kantorensohn Gerd Ochs schloss nach seiner Schulzeit bis zum Jahr 1923 eine Ausbildung zum Volksschullehrer am Lehrerseminar in Weißenfels an und studierte danach bis 1926 am Konservatorium Leipzig. Ein Jahr später erlangte er an der Hochschule für Kirchen- und Schulmusik Berlin-Charlottenburg das Staatsexamen.

Schon während seiner Studienzeit betätigte sich Gerd Ochs als Kantor und Organist in Weißenfels und war von 1924 bis 1928 Leiter der dortigen Singschule sowie des Volkschores. Als Anhänger der damaligen Jugendbewegung organisierte er 1924 gemeinsam mit Walter Hensel die erste deutsche Singwoche in den Saalehäusern. Danach unterrichtete er bis 1934 als akademischer Musiklehrer am Müller-Lyzeum und Oberlyzeum in Düsseldorf, anschießend an der Torschule in Halle, wo er gleichzeitig als Musikfachberater für die halleschen Schulen tätig war.

Nach Krieg und Kriegsgefangenschaft in Frankreich kehrte Gerd Ochs nach Weißenfels zurück und war dort ab 1948 wieder Chorleiter des Volkschores Weißenfels und des dortigen Schubert-Männerchores. Er lehrte in Halle, zunächst an der damaligen Hochschule für Musik sowie an der Hochschule für Kirchenmusik und am Konservatorium, ab 1951 an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, an der er bereits ein Jahr zuvor die „Capella academica halensis“ gegründet hatte, ein Instrumentalensemble, das sich mittels nachgebauter historischer Instrumente vorrangig der Musik der Renaissance und des Frühbarock widmete und in vielen Konzerten im In- und Ausland auftrat. Auch als Interpret Händel‘scher Werke und von Barockmusik wirkte Gerd Ochs mit seiner Theorbe bei Konzerten und Rundfunkproduktionen im Orchester des Landestheaters Halle und im Berliner Rundfunk-Sinfonieorchester mit. Er war Herausgeber und Bearbeiter zahlreicher Kompositionen der Musikgeschichte und erlangte insbesondere mit dem von ihm herausgegebenen Musizierbuch für das instrumentale Zusammenspiel in Schule, Jugend und Haus besondere Bekanntheit. Zahlreiche Lieder, Chöre, Tänze und instrumentale Kammermusiken, aber auch Hörspiel- und Filmmusiken, Kantaten und Oratorien sowie größere Instrumentalwerke geben Zeugnis von seiner immensen eigenen kompositorischen Tätigkeit.

Ausgezeichnet wurde Gerd Ochs u. a. mit dem Kunstpreis der Stadt Halle in Gold, der Erinnerungsmedaille der halleschen Universität in Bronze, der Ehrennadel des Kulturbundes und der Ehrennadel des VKM (Verband der Komponisten und Musikwissenschaftler der DDR) als Gründungsmitglied.

Musikhistorische Bedeutung

Der Komponist und Herausgeber

Aus Pressestimmen geht die Bedeutung von Gerd Ochs als Komponist und Herausgeber hervor, dazu schreibt Reiner Gebauer in seiner Würdigung zum 70. Geburtstag: „Immerhin hat er drei mehrfach mit großem Erfolg aufgeführte Oratorien geschrieben, dazu Film- und Hörspielmusiken, eine Fülle von Chor- und Orchesterwerken, Liedern, Kammermusik, Blockflöten- und Lautenliteratur, Bearbeitungen von Werken vorklassischer und klassischer Meister für den haus- und schulmusikalischen Gebrauch, aus dem etwa das fast zwanzigmal aufgelegte ‚Musizierbuch‘ und das ‚Neue Musizierbuch‘ nicht mehr wegzudenken sind. Gerd Ochs schreibt und bearbeitet aus der Praxis heraus. So entstand auch ein bereits in 9. Auflage erschienener Band mit Volkskinderliedern und Singspieltänzen, ‚Das goldene Tor‘, aus der Arbeit mit Kindern im Kindergarten.“ (Gebauer 1973)

Das goldene Tor. Die schönsten Volkskinderlieder und Singspieltänze für Haus, Kindergarten, Hort und Schule, ausgew., textlich u. musikalisch bearb. und hrsg. von Gerd Ochs, Halle

 

Als bekanntestes unter den Musikbüchern von Gerd Ochs gilt wohl bis heute das Musizierbuch für das instrumentale Zusammenspiel in Schule, Jugend und Haus, welches mit etwa 80.000 Exemplaren eine enorme Auflagenzahl erreicht hat. Die im Vorwort zur ersten Auflage von 1952 beschriebenen Ziele und Intentionen geben Auskunft über die enthaltenen Unterrichtsbeispiele aus Renaissance, Barock und Klassik, darunter zahlreiche Tanz- und Suitensätze, kleine Fugen und Märsche etc. von u. a. Lasso, Sweelinck, Peuerl, Purcell, Bach, Pergolesi, Telemann, Kirnberger und den sog. „Klassikern“, die der Herausgeber für Ad-Libitum-Besetzungen für Schulen und Musikschulen bearbeitet und somit einem breiten Adressatenkreis erschlossen hat.

Musizierbuch für das instrumentale Zusammenspiel in Schule, Jugend und Haus, bearb. und hrsg. von Gerd Ochs, Halle (Saale): Mitteldeutscher Verlag [1952]

 

1966 folgte Das neue Musizierbuch für instrumentales Zusammenspiel in Schulen, Musiziergruppen und in der Hausmusik, das dem großen Bedarf nach weiterem Material über die Klassik hinaus bis zur Gegenwart sowie nach Ausweitung der Dreistimmigkeit bis zur Fünfstimmigkeit gerecht zu werden versuchte.

Das neue Musizierbuch für instrumentales Zusammenspiel in Schulen, Musiziergruppen und in der Hausmusik, bearb. und hrsg. von Gerd Ochs, Leipzig: Hofmeister [1966]

 

In besonderem Maße widmete sich Gerd Ochs auch der Bearbeitung und Herausgabe Händel‘scher Kompositionen in Einzelausgaben, so zahlreicher kammermusikalischer Werke, die er für bestimmte instrumentale Besetzungen einrichtete und somit einen wertvollen Beitrag zur Händel-Renaissance seiner Zeit leistete.

 

Der Musikpädagoge

Die Breite der musikpädagogischen Tätigkeiten von Gerd Ochs spiegelt sich in seinen Aktivitäten als Lehrer und Hochschullehrer, als Dirigent, Chor- und Ensembleleiter wie auch als Herausgeber wider. Seit 1934 war er in Halle als Studienrat und städtischer Musikfachberater tätig und veranlasste, dass in allen Schulen der Stadt instrumentaler Gruppenunterricht erteilt wurde, was die Arbeit der Schulorchester besonders beförderte. Von 1935 an initiierte er im Zusammenhang mit den damaligen Händel-Ehrungen in der Stadt Halle erste „Händelfeste der hallischen Schulen“ (vgl. Herrmann 1961).

Von seiner künstlerischen und wissenschaftlichen Vielseitigkeit zeugt ebenso seine spätere universitäre Lehr- und Dozententätigkeit auf den Gebieten der Musikgeschichte, Musiktheorie, Chorerziehung, in Partiturspiel und Schulpraktischem Instrumentalspiel (u. a. Gitarre, Flöte). Gewürdigt wird Gerd Ochs als Lektor im Fach Musiktheorie an der Abteilung Musikerziehung, später des Fachbereiches für Musikwissenschaft der Martin-Luther-Universität, der auch kompositorisch tätig ist, ebenso als Leiter des Spielkreises für alte Musik (vgl. dazu Kleinig 1963).

Der Musiker und Interpret

„Gerd Ochs war mit Leib und Seele Musiker und konzertierte im In- und Ausland, ob als Theorbist bei Aufführungen und Einspielungen Händelscher Werke mit dem Orchester des Landestheaters Halle und dem Berliner Rundfunk-Sinfonieorchester, als Chorleiter des Franz-Schubert-Chores und des Volkschores Weißenfels oder als Initiator und Instrumentalist der ‚Capella academica halensis‘, seines namhaften Instrumentalensembles, das sich der Pflege alter Musik auf historischen Instrumenten, wie Gamben, Fideln, Zinken, Barocklauten, Theorben und dem Portativ, widmete.“ (Klein 2003)

Der Hausmusikkreis Gerd Ochs, aus dem 1950 die „Capella academica halensis“ hervortrat, widmete sich mittels nachgebauter historischer Instrumente, hier der Instrumente der Gambenfamilie, der Musik der Renaissance und des Frühbarock.

Die „Capella academica halensis“ anlässlich eines Konzertes im Kursaal in Bad Lauchstädt; v. l.: Gerd Ochs, Ekkehard Ochs, Norgard Wartenberg, Inge Schneider, Dr. Ursula Hermann

 

Als Lautenist begleitete Gerd Ochs seine Kolleg*innen, die Gesangssolist*innen Ulrike Taube (Sopran) und Wolf Reinhold (Tenor).

Gerd Ochs mit Ulrike Taube und Wolf Reinhold

 

Über die gelungene Aufführung der Händel-Oper Poros HWV 28 in Hamburg unter Mitwirkung von Gerd Ochs heißt es in einem Bericht der Bildzeitung vom 17. September 1956: „War das ein Tönen, Klingen und melodisches Musizieren, als am Wochenende in der Hamburgischen Staatsoper Georg Friedrich Händels Oper ‚Poro‘ aufgeführt wurde. Denn das Ensemble des Landestheaters Sachsen-Anhalt […] hatte alten Originalen nachgebildete Instrumente mitgebracht. Da wurde auf der tragbaren Kleinorgel ‚Portativ‘ präludiert, da bildeten die Händel-Klampfen eine besonders wirkungsvolle Klanggruppe.“ (Bildzeitung, Hamburg, 17.09.1956)

Gerd Ochs führte in den legendären halleschen Händel-Opern-Aufführungen in den 1950er- und 60er-Jahren, die unter Leitung von GMD Horst-Tanu Margraf standen, den Theorbenchor mit bis zu sechs Theorbisten an, die damals das Händelfestspielorchester verstärkten. Bei den Instrumenten handelte es sich um Nachbauten ihrer historischen Vorbilder, d. h. jener klangvollen Saiteninstrumente, die in der Musik der Barockzeit zur Ausführung des Generalbasses dienten und in der Gegenwart zu einer Rekonstruktion des Klangbildes der Händel-Zeit beitrugen. Belegen lassen sich auch etliche weitere Aufführungen unter Mitwirkung von Gerd Ochs im In- und Ausland, u. a. 1955 bei Händels Ezio in Nürnberg, 1956 bei Bachs h-Moll-Messe, Händels Messias sowie Mozarts c-Moll-Messe in Polen, 1957 bei Händels Oratorium Jephta in Perrugia (Italien), schließlich 1969 in Polen bei einem Renaissancemusikfestival zusammen mit der „Capella academica halensis“ und den „Hallenser Madrigalisten“.

Der Theorbenchor unter Leitung von Gerd Ochs (links), der in den 1950er- und 60er- Jahren das Händelfestspielorchester bei den Aufführungen der Händel-Opern verstärkte.

 

Anlässlich des 100. Geburtstages von Gerd Ochs würdigt Karin Zauft in den „Händel-Hausmitteilungen“ den „genius loci der Hallenser“ als „unermüdlichen Pädagogen“ und „begeisterten Musiker, dem ein praktischer Anlass, die Dringlichkeit eines bevorstehenden Konzertes oder auch die pure Freude, ein neu entdecktes Werk wieder zum Erklingen zu bringen, genügten, um seine und die musikalischen Kräfte seiner Mitstreiter und Schüler zu mobilisieren“ (Zauft 2003, S. 33). Weiter heißt es über die Bedeutung des Musikers für das hallesche Musikleben: „In der Einzigartigkeit aber, über den praktischen und spielerischen Umgang mit Musik nicht nur ein vielschichtiges Publikum begeistert, sondern Musikgeschichte verlebendigt  zu haben, in dieser Einzigartigkeit war Gerd Ochs eine Schlüsselfigur in der halleschen Musikgeschichte und innerhalb der Händelrenaissance.“ (Zauft 2003, S. 35)

Werke (Auswahl)

Der Nachlass von Gerd Ochs wird im Archiv der Bibliothek des Händel-Hauses Halle aufbewahrt und kann dort eingesehen werden. Darüber hinaus steht ein Katalog der gedruckten Musikalien zur Verfügung.

Vokalmusik:

Oratorien

Sonntagsfeier, Oratorium für vier Solostimmen, Chor und großes Orchester (1927)

Ewige Heimat, Oratorium für vier Solostimmen, Chor und großes Orchester (1934)

Stadt zwischen Kohle und Korn, Oratorium für Sopran, Chor und großes Orchester anlässlich der 600-Jahrfeier der Stadt Mücheln im Geiseltal (1950)

Kantaten

Männerchöre

Frauenchöre

Gemischte Chöre

Liederzyklen mit Orchester, u. a.

An der Ostsee, Liederzyklus für Bariton und großes Orchester (1929)

Vom wahren Leben, Liederzyklus für Bariton und großes Orchester (1941)

Mein Herz geht seine Wege, Liederzyklus für Tenor und Kammerorchester

Kammermusik / Instrumentalwerke:

Streichquartett d-Moll (1945)

Suite im alten Stil für Vl. 1, Vl. 2, Viola, Vc., Kb.

Streichtrio C-Dur (1945)

Romanze G-Dur für Violine und Klavier

Klangbeispiele

(Archivaufnahmen aus Privatbesitz)

Satz: „Ein feste Burg ist unser Gott” – Capella academica halensis

Gerd Ochs über die „Viersprünge” – Musik nach französischen originalen Volkstänzen

Historischer Tanz – Capella academica halensis

Chor „Reden Sie nicht weiter darüber; das Leben ist, wie es ist”

Die von Gerd Ochs geschaffene Vertonung des bekannten Textes von Joseph von Eichendorff „Da steht eine Burg überm Tale“ gilt als heimliche Hymne der Hallenser (vgl. Musikkoffer-Artikel zum Frühlingssingen an der Eichendorffbank) und wird auch vom Glockenspiel des Roten Turms dargeboten. Der 4-stimmige Satz von Gerd Ochs kann unter „Noten“ als PDF-Datei heruntergeladen werden (s. u.).

Glockenspiel im Roten Turm: „Da steht eine Burg überm Tale”

 

Da steht eine Burg überm Tale (kammerchor cantamus, Dorothea Köhler)

LP Eterna: „Sie seind ins Feld gezogen“. Lieder des Bauernkrieges, Capella Academica Halensis, Ltg. Gerd Ochs; Hallenser Madrigalisten, Ltg. Siegfried Bimberg.

LP -Cover „Sie seind ins Feld gezogen“

Noten

Da steht eine Burg überm Tale im vierstimmigen Satz von Gerd Ochs (PDF-Datei zum Download)

Literatur

Reiner Gebauer, Gerd Ochs zum 70. Geburtstag, in: „Der Neue Weg“ vom 27.09.1973.

Ursula Herrmann, Gerd Ochs – ein vielseitiger Musiker, in: LDZ (Liberal-Demokratische Zeitung) vom 26.05. 1961.

Ursula Herrmann, Zum Gedenken an Gerd Ochs, in: LDZ (Liberal-Demokratische Zeitung) vom 23.12. 1977.

Christine Klein, „Da steht eine Burg überm Tale“ – Gedenkkonzert anlässlich des 100. Geburtstages von Gerd Ochs am 16. Oktober 2003, in: Scientia Halensis 3/2003.

Karl Kleinig, Die Beziehungen des Instituts für Musikwissenschaft zur musikalischen Praxis, in: Wissenschaftliche Zeitschrift der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Sonderband 1963, S. 49–50.

Karin Zauft, Gerd Ochs zum 100. Geburtstag, in: Händel-Hausmitteilungen 3/2003, S. 28–36.

Verband der Komponisten und Musikwissenschaftler der DDR, Bezirksverband Halle/Magdeburg (Hrsg.), Interpreten, Komponisten, Musikerzieher, Musikwissenschaftler, Halle; Magdeburg 1980, S. 82–83.

Links

Musiktonträger und Noten von Gerd Ochs im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek / Musikarchiv:

DNB, Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

OPAC des Händel-Hauses Halle

Wichtige Informationen zum Artikel verdankt die Autorin der ehemaligen Schülerin von Gerd Ochs, Frau Dr. Karin Zauft.

CK 2023