Komponisten

Nietzsche, Friedrich Wilhelm (1844–1900)

* 15. Oktober 1844 in Röcken, † 25. August 1900 in Weimar

Friedrich Nietzsche 1882, Fotografie von Gustav Adolph Schultze

Biografie

Als Sohn eines Pfarrers wurde Friedrich Wilhelm Nietzsche 1844 in Röcken im heutigen Burgenlandkreis geboren. Seine Familie musste nach dem Tod des Vaters 1849 das Pfarrhaus verlassen und zog nach Naumburg. Von 1858 bis 1864 besuchte er das Gymnasium in Schulpforta und begann nach der Schule 1864 ein Studium der Theologie (vermutlich der Mutter zuliebe), der klassischen Philologie und der Philosophie in Bonn und später in Leipzig. An der Universität Basel erhielt er mit 24 Jahren eine Professur für klassische Philologie.

Schulpforta – Altes Schulhaus

 

Im Jahr 1868 lernte Nietzsche Richard Wagner in Leipzig kennen. Zwischen 1869 und 1872 entwickelte sich eine enge Freundschaft zu Richard und Cosima Wagner. Die letzte Begegnung mit Wagner fand 1876 statt. Eine progressive Nervenkrankheit brachte Nietzsche 1879 dazu, seine Professur in Basel aufzugeben. Die Universität gewährte ihm jedoch eine Pension, von der er in den folgenden Jahren als freier Schriftsteller und Philosoph reisen und leben konnte. In den 1880er-Jahren lebte Nietzsche an verschiedenen Orten und in dieser Zeit entstanden seine wichtigsten philosophischen Werke.

Am 3. Januar 1889 erlitt Friedrich Nietzsche einen geistigen Zusammenbruch, woraufhin er in verschiedenen psychiatrischen Kliniken behandelt wurde. Später wurde er zunächst von seiner Mutter und ab 1897 von seiner Schwester Elisabeth in Weimar bis zu seinem Tod im Jahr 1900 gepflegt.

Grabstätte des Philosophen Friedrich Nietzsche und seiner Familie in Röcken

Musikhistorische Bedeutung

Friedrich Nietzsche war auf dem Gebiet der Komposition ein Autodidakt. Er spielte schon im frühen Kindesalter Klavier und wurde für sein improvisiertes Spiel in seinem Bekanntenkreis geschätzt. Kompositionen verfasste er meist aus persönlicher Motivation als Geschenk oder Zeichen der Würdigung anderer künstlerischer Werke. So war seine Manfred Meditation von 1872 eine solche Hommage an ein Gedicht des britischen Dichtes Lord Byron. Nach einer vernichtenden Kritik des Dirigenten Hans von Bülow, dem Nietzsche die Manfred-Meditation zur Beurteilung vorgelegt hatte, gab er das Komponieren weitestgehend auf, nicht ohne das Urteil Bülows (s. Zitat unten) mit einer gewissen Selbstironie vorher seinem musikalischen Umfeld mitgeteilt zu haben.

„Es handele sich um ,das Extremste von phantastischer Extravaganz’, das ,Unerquicklichste und Antimusikalischste’, was ihm seit langem zu Gesicht gekommen sei. Ob das Ganze ein Scherz sei, eine musikalische Parodie auf die ‚Zukunftsmusik’? Habe er mit Bewußtsein allen Regeln der Tonverbindung, der höheren Syntax wie der gewöhnlichen Rechtschreibung, Hohn gesprochen? Sein musikalisches Fieberprodukt sei in der Welt der Musik das gleiche wie ein Verbrechen in der moralischen Welt, die Muse der Musik, Euterpe, sei genotzüchtigt worden. Wenn er ihm einen guten Rat geben solle für den Fall, daß er ,die Aberration ins Componiergebiet’ wirklich ernst gemeint habe, dann möge er Vokalmusik komponieren, da könne das Wort ,auf dem wilden Tonmeere’ das Steuer führen. So sei seine Musik noch ,entsetzlicher’, als er es selbst meine: nämlich in höchstem Maße schädlich für ihn selbst. Immerhin sei in dem ,musikalischen Fieberprodukte’ bei aller Verirrung ein distinguierter Geist zu spüren, und in gewissem Sinne sei er selbst, mit der Aufführung des Tristan, indirekt daran schuldig, ,einen so hohen und erleuchteten Geist wie den Ihrigen, verehrter Herr Professor, in so bedauerliche Klavierkrämpfe gestürzt zu haben.’ “ (Werner Ross, Der ängstliche Adler, S. 321 f.)

Nietzsches Musik ist über die Jahre in Vergessenheit geraten. Sein philosophisches Werk hingegen inspirierte um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert zahlreiche Komponisten zu eigenen Kompositionen. Beispiele sind Also sprach Zarathustra (1896) von Richard Strauss und Oh Mensch! Gib acht! aus dem 4. Satz der 3. Sinfonie (1896) von Gustav Mahler in Anlehnung an Nietzsches Schrift. Berichtet wird darin von einem fiktiven Denker, der den Namen des persischen Religionsgründers Zarathustra trägt und Visionen entwickelt von einem idealisierten Helden, dem „Übermenschen“.

Von besonderer Bedeutung sind Nietzsches musikphilosophische Anschauungen und Auseinandersetzungen mit Richard Wagner, in dessen musikalischem Drama er die Wiedergeburt der griechischen Tragödie und des Mythos sah. Schon in seiner Erstlingsschrift Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik (1872) stellte er die beiden Kunstprinzipien des Apollinischen (des Maßvollen) und des Dionysischen (des Rauschhaften) einander gegenüber und sah diese in der griechischen Tragödie ursprünglich vereinigt. Deren Wiedergeburt könne nur „ ,aus dem Geiste der Musik‘ erfolgen und durch eine erneute Herstellung des Gleichgewichts zwischen Apollinischem und Dionysischem“ (Frischmann 2004/2016). Auch in den Folgejahren sollten Richard Wagners Musik und Person in Nietzsches Schriften kritisch und produktiv reflektiert werden.

Werke

Friedrich Nietzsche komponierte kleinere Stücke für Klavier, einige Lieder und eine symphonische Dichtung. Darüber hinaus haben sich von ihm Skizzen und Fragmente zu einigen Kompositionen erhalten. Insgesamt sind etwa 100 Stücke von ihm überliefert, darunter die Manfred Meditation, der Hymnus auf die Freundschaft und der Hymnus an das Leben (nach einem Gedicht von Lou Andreas-Salomé, wurde von dem Komponisten Peter Gast zu einer Komposition für gemischten Chor und Orchester umgearbeitet, die 1887 unter Nietzsches Namen erschien).

Von musikphilosophischer Bedeutung sind seine Schriften Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik (Originalausgabe 1872, Digitalisat und Volltext im Deutschen Textarchiv), Also sprach Zarathustra (1883-1885), Der Fall Wagner (1888) sowie Nietzsche contra Wagner (1888) u. a.

Erstausgabe von 1887

Klangbeispiele

Manfred Meditation (1872) für Klavier zu vier Händen, gespielt von John Bell Young und Thomas Coote, und eine Version desselben Werkes mit dem Klavierduo Tena Manrique

Hymnus an das Leben mit Chor und Orchester (inkl. Wiedergabeliste zur Musik Nietzsches auf Youtube)

CD: Nietzsche – Complete Piano Music, eingespielt von Jeroen Van Veen

Also sprach Zarathustra, Sinfonische Dichtung von Richard Strauss, gespielt vom Gustav Mahler Jugend Orchester unter Jonathan Nott

Verschiedene Versionen des Anfangs von Also sprach Zarathustra zum Vergleich:

Berliner Philharmoniker, Dir. Gustavo Dudamel

2001: A Space Odyssey (1968)

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Literatur

Bärbel Frischmann/Tobias Janz, Art. „Nietzsche, Friedrich“, in: MGG Online, hrsg. von Laurenz Lütteken, Kassel, Stuttgart, New York: 2016ff., zuerst veröffentlicht 2004, online veröffentlicht 2016, https://mgg-online.com/article?id=mgg09478&v=1.0&rs=id-aa98ce27-8564-605d-490d-2a23200c2317.

Werner Ross, Der ängstliche Adler. Friedrich Nietzsches Leben, München 1990.

Dieter Schellong, „Die Kompositionen“, in: Nietzsche-Handbuch: Leben – Werk – Wirkung, hrsg. von Henning  Ottmann, Stuttgart/Weimar 2000, S. 179–181.

Helmut Walther, Nietzsche als Komponist, http://www.f-nietzsche.de/n_komp.htm.

Links

Nietzsche-Dokumentationszentrum in Naumburg

Friedrich-Nietzsche-Gedenkstätte in Röcken

Nietzsche und die Musik, umfangreiche Website über Friedrich Nietzsche als Komponist

Anregungen für den Unterricht

Besuch des Nietzsche-Hauses und des Nietzsche-Dokumentationszentrums in Naumburg. Die Landesschule Pforta ist seit 2018 die 39. Station der mitteldeutschen Straße der Musik. Friedrich Nietzsches Geburtshaus in Röcken ist bis heute das Pfarrhaus der dortigen Kirchengemeinde. Auf dem Kirchenareal befindet sich die Friedrich-Nietzsche-Gedenkstätte.

Materialien zum Download

Arbeitsblätter

Richard Strauss: „Also sprach Zarathustra“ (1896)

Komponisten in Sachsen-Anhalt

Simon Evans 2017

Der Beitrag entstand im Rahmen eines Seminars im Sommersemester 2017 an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.