Komponisten

Müller, August Eberhard (1767–1817)

* 13. Dezember 1767 in Northeim bei Göttingen, † 03. Dezember 1817 in Weimar

August Eberhard Müller, dargestellt von Friedrich August Brückner nach 1810

Biografie

August Eberhard Müller war sowohl Komponist, Organist, Pianist, Flötist als auch Musiklehrer. Er erhielt seinen ersten Unterricht im Klavier- und Orgelspiel von seinem Vater Matthäus Müller (ca. 1730–1814), der als Komponist und Organist an der Kirche St. Sixti in Northeim und seit ca. 1770 an St. Nikolai in Rinteln tätig war. Es wird berichtet, dass der Sohn „schon als achtjähriger Knabe den Vater als Orgelspieler unterstützte, und auch anderwärts auf Pianoforte und Orgel sich mit Beyfall hören liess“ (Rochlitz 1817, Sp. 886). Bei einem dieser Konzerte lernte ihn Johann Christoph Friedrich Bach, Kapellmeister in Bückeburg, kennen, der ihn über mehrere Jahre förderte und sowohl im Klavier- und Orgelspiel als auch in Harmonie- und Kompositionslehre unterrichtete. Während seiner Gymnasialzeit erlernte der junge Musiker auch autodidaktisch das Flötenspiel und trat in den folgenden Jahren überwiegend als Flötist mit Konzerten im norddeutschen Raum auf. Mit 19 Jahren begann er an der Universität Göttingen ein Jurastudium und zeigte großes Interesse an der Position des Universitäts-Organisten, die in der Regel durch einen Studierenden besetzt wurde. Doch nachdem er mehrmals abgelehnt worden war, kehrte er zu seinem Elternhaus zurück. Von dort aus tätigte er weitere Konzertreisen, vor allem im Raume Braunschweig.

1789 erhielt Müller seine erste Anstellung als Organist an der Kirche St. Ulrich in Magdeburg, nachdem der Amtsvorgänger Johann Georg Rabert verstorben war.  Bereits im Jahr zuvor hatte er dessen Tochter, die Sängerin und Pianistin Elisabeth Katharina Rabert, geheiratet. Müller wurde städtischer Musikdirektor und leitete ab 1792 die Logen- und Adelskonzerte in der Stadt. Dazu berichtet Friedrich Rochlitz in der „Allgemeinen Musikalischen Zeitung“ vom 24. Dezember 1817: „In Magdeburg war damals, besonders durch des verdienstvollen Rolle Einfluss, viel Liebe und Bildung für Musik. M. war dort herzlich willkommen, und das um so mehr, da er, als Concertdirector, die dortigen Musikfreunde zuerst mit den grossen Fortschritten näher bekannt machte, welche die Instrumentalmusik, vornämlich durch Haydn und Mozart, gethan hatte. Fast an jedem musikalischen Abende trat er, oder seine Gattin, mit einem Klavierconc. von Mozart auf, und man hörte sich an diesen köstlichen Werken nicht satt. Ohne eine vorzüglich gute, und vollständig ausgeführte Symphonie aber durfte auch nicht Einer dieser Abende hingehn; und oft gab man deren zwey.“ (Rochlitz 1817, Sp. 887)

Besondere Aufmerksamkeit als Orgel-, Klavier- und Flötenspieler erregte August Eberhard Müller auch im Winter 1792/93 bei seinem Aufenthalt in Berlin. Dort wurde er u. a. mit Friedrich Wilhelm Marpurg, Carl Friedrich Christian Fasch und Johann Friedrich Reichardt bekannt, auf dessen Empfehlung er nach Leipzig ging, wo er 1794 die Organistenstelle an der Kirche St. Nikolai übernahm, als Erster Flötist im Gewandhausorchester mitwirkte und einen Großteil seiner Werke komponierte.

1804 wurde Müller Nachfolger des Thomaskantors Johann Adam Hiller, dem er schon seit 1800 assistierte, gab jedoch dieses Amt bereits im Dezember 1809 nach heftigen Streitigkeiten wieder auf. Mit seiner im April 1810 erfolgten Ernennung zum Großherzoglichen Hofkapellmeister in Weimar übernahm er schließlich auch Lehraufgaben am Gymnasium sowie am Lehrerseminar und war als Musikdirektor der Stadtkirche tätig. Zu seinen berühmten Schülern als Klavierpädagoge zählten u. a. Großherzogin Maria Pavlovna, Friedrich Ernst Fesca, Friedrich Schneider und Friedrich Wilhelm Aghte.

Seit 1812 litt Müller zunehmend unter gesundheitlichen Beeinträchtigungen und wurde Berichten zufolge von „Gicht und Wassersucht“ (Beer 2016) geplagt. Am 3. Dezember 1817 starb er an den Folgen seiner Krankheiten in Weimar. Unter großer Anteilnahme der Musikwelt wurde ihm von zahlreichen Persönlichkeiten die letzte Ehre erwiesen.

Musikhistorische Bedeutung

August Eberhard Müller war ein großer Verfechter und Verehrer der Komponisten der Wiener Klassik und der Werke Johann Sebastian Bachs und setzte sich im ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert für deren Schaffen und Verbreitung ihrer Werke ein. Mit regelmäßigen Aufführungen vor allem von Kantaten Bachs, Kompositionen von Haydn (Die Schöpfung 1801 in Leipzig), Mozart (zahlreiche Werke) und Beethoven (Fidelio 1816 in Weimar) gelang es ihm, Maßstäbe zu setzen für die Repertoire- und Kanonbildung im öffentlichen Konzertleben. Vor allem aber orientierte sich Müller an der Musik Mozarts. So kam es nicht selten vor, dass er in seinen Konzerten in Magdeburg Werke von Mozart aufführen ließ, so beispielsweise 1793 erstmals die Ouvertüre aus der Zauberflöte und 1798 das Requiem. Ebenso konnten in eigenen Kompositionen Müllers, so z. B. in seinem Klavierwerk, vielfach stilistische Einflüsse Mozarts nachgewiesen werden, während spätere Werke auch auf die Auseinandersetzung mit Beethoven schließen lassen und sogar auf Lisztsche Spieltechnik vorausweisen. Hervorzuheben sind auch Müllers kammermusikalischen Werke, vor allem mit Flöte, seine geistlichen Kompositionen wie auch Liedkompositionen, die als volkstümlich beschrieben werden (vgl. Reipsch 2002, Beer 2016).

Auch in pädagogischer Hinsicht hat Müller für die Nachwelt Bedeutung erlangt, indem er mit Elementarbüchern und Übungsstücken für Klavier bzw. Flöte die Systematisierung des Instrumentalunterrichts vorantrieb, so auch mit seinem 1796 in Leipzig erschienenen Lehrwerk Anweisung zum genauen Vortrage der Mozartschen Clavierconcerte. Neben seiner Wirksamkeit als Instrumentalist, Dirigent, Komponist und Musikpädagoge war Müller auch als führender Berater, Arrangeur und Korrektor für die Verlage Breitkopf & Härtel und Bureau de Musique in Leipzig tätig und sogar maßgeblich an den frühen Gesamtausgaben der Werke Bachs, Haydns und Mozarts beteiligt. Noch zu Lebzeiten wurde er von Musikerkollegen wie Beethoven, aber auch von anderen Künstlern wie Goethe hoch geschätzt.

Gegenwärtig werden häufiger seine Flötenkonzerte gespielt, auch finden seine Klavierschulen für Schüler Verwendung. Ebenfalls kommt es zu Aufführungen seiner geistlichen Chorwerke.

Flötenkonzert in G-Dur op. 6, Titelblatt

Werke

Zu den von August Eberhard Müller komponierten Werken, vornehmlich für Klavier und Flöte, zählen zahlreiche Sonaten, Konzerte, Variationen, Capricen, Sonatinen, Walzer u. a. sowie kammermusikalische Werke. Auch mehrere Kompositionen für Chor und Orchester, Lieder und Gesänge mit Klavierbegleitung, Orgelstücke und ein Bühnenwerk hat er geschaffen, ebenso Bearbeitungen von Werken Mozarts und Beethovens erstellt sowie einige Lehrwerke und Schriften herausgegeben.

Werke in Auswahl (nach Reipsch 2002)

  • Geistliche Kantaten; Te Deum; 112. Psalm
  • Flötenkonzerte; Klavierkonzerte op. 1 u. op. 21
  • Klaviersonaten; Caprices für Klavier; Klaviervariationen
  • 12 Lieder, 1796
  • Sammlung von Orgelstücken, 1798
  • Flötenduette
  • Grande Sonate B-Dur für Kl., Vl. und Vc. op.17, 1800
  • Grande Sonate C-Dur für Kl. und Fl. op. 38, ca. 1814
  • Theme favorit de W. A. Mozart varié, 1801
  • Der Polterabend. Singspiel, 1813/14
  • Grande fantaisie für Flöte und Orchester op. 19, ca. 1818

Lehrwerke

  • Anweisung zum genauen Vortrage der Mozartschen Clavier-Concerte, 1796
  • Kleines Elementarbuch für Klavierspieler, ca. 1807
  • Klavier- und Fortepianoschule, 1808
  • Elementarbuch für Flötenspieler, ca. 1815
  • Cadenzen zu den 8 vorzüglichsten Clavier-Concerten von W. A. Mozart

Klangbeispiele

Concerto for Flute No. 1 in G-Dur op. 6, Tatjana Ruhland (Flöte), Südwestdeutsches Kammerorchester Pforzheim

Concerto for Flute No. 3 in D-Dur op. 10, Tatjana Ruhland (Flöte), Südwestdeutsches Kammerorchester Pforzheim

Grand Sonata for Flute und Piano in C-Dur op. 38, Francesca Pagnini (Flöte), Paolo Bidoli (Klavier)

Sonate A-Dur op. 7, 1

CD-Einspielung:
August Eberhard Müller: Flötenkonzerte Nr.1 G-Dur op.6; Nr.3 D-Dur op.10; Nr.10 G-Dur op.30, Tatjana Ruhland (Flöte), Südwestdeutsches Kammerorchester Pforzheim, Timo Handschuh (bei jpc, mit Klangbeispielen)

Das Booklet zur CD enthält ausführliche Informationen zu August Eberhard Müller und seinem Werk.

Noten

Notenmaterial mit Werken von August Eberhard Müller zum kostenlosen Download gibt es in der Petrucci Music Library/IMSLP hier.

Augst Eberhard Müllers Klaviersonate f-Moll bei A. Kühnel, Bureau de Musique, n. d.(ca.1813)

Literatur

Axel Beer, Art. „Müller, August Eberhard“, in: MGG Online, hrsg. von Laurenz Lütteken, Kassel, Stuttgart, New York 2016ff., zuerst veröffentlicht 2004, online veröffentlicht 2016, https://www.mgg-online.com/mgg/stable/55465.

Ralph-J. Reipsch, Art. „Müller, August Eberhard (Eberhart)“, in: Magdeburger Biografisches Lexikon, online veröffentlicht 2002, http://www15.ovgu.de/mbl/Biografien/1309.htm, zuletzt abgerufen am 15.09.2020.

Eitner, Robert, „Müller, August Eberhard”, in: Allgemeine Deutsche Biographie 22 (1885), S. 515–517 [Online-Version], URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117573507.html#adbcontent.

Ernst Ludwig Gerber, Art. „Müller, August Eberhard“, in: Neues historisch-biographisches Lexikon der Tonkünstler, 3. Teil, Leipzig 1813, Sp. 502–506.

Carl Gräbner, Art. „August Eberhard Müller“, in: Die Großherzogliche Haupt- und Residenzstadt Weimar, nach ihrer Geschichte und ihren gegenwärtigen gesammten Verhältnissen dargestellt, Erfurt 1830, S. 185 f.

Michael Märker, „Müller, August Eberhard”, in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 348–349 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117573507.html#ndbcontent.

Friedrich Rochlitz, Art. „August Eberhard Müller“, in: Allgemeine Musikalische Zeitung, Nr. 52, Leipzig, 24. Dezember 1817, Sp. 885–890.

Links

August Eberhard Müller, Große Pianoforte-Schule, Bayerische StaatsBibliothek digital

August Eberhard Müllers Klaviersonate B-Dur bei Edition HH

Südwestdeutsches Kammerorchester will mit Flötenkonzerten an CD-Erfolg anknüpfen (PZ-news.de)

CD-Besprechung der Einspielung der Flötenkonzerte mit Tatjana Ruhland

Materialien zum Download

Arbeitsblatt (PDF):

Komponisten in Sachsen-Anhalt (Schüler-Arbeitsblatt im Word-Format für Lehrer*innen auf dem Landesbildungsserver)

Lars Nöldner / CK  2020

Der Beitrag entstand im Rahmen eines Seminars im Sommersemester 2020 an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.