Komponisten

Luther, Martin (1482/83–1546)

* 10. November 1483 (oder 1482) in Eisleben, † 18. Februar 1546 in Eisleben

Der Theologe und Kirchenreformator Martin Luther verbrachte den größten Teil seines Lebens auf dem Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalts. Im Rahmen der internationalen Luther-Dekade (2008–2017) machte das Land mit verschiedenen Aktionen wie dem „Lutherweg“ und der touristischen Website www.luther-erleben.de auf sein wohl berühmtestes Landeskind aufmerksam. Martin Luther gilt aber nicht nur als Erneuerer auf religiösem und politischem Gebiet, sondern hatte als Schöpfer zahlreicher Kirchenlieder auch maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung des deutschsprachigen Gemeindegesangs und der Kirchenmusik allgemein.

Martin Luther – Porträt von Lucas Cranach d. Ä. (1525)

Biografie

Martin Luther wurde im Jahr 1483 (oder 1482) in Eisleben als Sohn des aus Möhra bei Eisenach stammenden Hans Luther (es gibt mehrere Varianten des Namens, so z. B. auch Luder oder Lutter) und seiner Frau Margarethe geboren. In den 1480er-Jahren brachte es der Vater als selbstständiger Hüttenmeister im nahen Mansfeld, wo der junge Martin aufwuchs, zu bescheidenem Wohlstand. Luthers Geburtshaus in Eisleben wurde bereits Ende des 17. Jahrhunderts nach einem Brand neu errichtet und diente von da an als Luther-Gedenkstätte und Armenschule. Heute gehört es mit weiteren Lutherstätten in Eisleben und Wittenberg zum UNESCO Weltkulturerbe und beherbergt nach umfassender Sanierung und Erweiterung ein Museum.

Luthers Elternhaus in Mansfeld

 

Martin Luther besuchte bis 1496 oder 1497 die Mansfelder Stadtschule und wechselte dann für ein Jahr an die Domschule nach Magdeburg. Danach schickten ihn die Eltern nach Eisenach an die Pfarrschule St. Georgen, wo er seine Lateinkenntnisse perfektionierte, bevor er 1501 an der Universität Erfurt ein Studium der „Septem artes liberales“ begann, das er 1505 mit dem „Magister artium“ abschloss.

Martin Luthers weiterer Lebenslauf ist vielfach dokumentiert: Kurz nach seinem Wechsel an die Juristenfakultät in Erfurt führte ihn das bekannte „Erweckungserlebnis“ während eines Gewitters nahe dem heute zu Erfurt gehörenden Dorf Stotternheim als Mönch ins Erfurter Augustinerkloster.

Doch schon 1508 kam er ins heutige Sachsen-Anhalt zurück, als er auf Anregung des Generalvikars seines Ordens, Johann von Staupitz, in Wittenberg ein Theologiestudium aufnahm. Nach einer kurzen Rückkehr nach Erfurt und einer Rom-Reise, die für Luther ein Schlüsselerlebnis darstellte, wurde ab September 1511 Wittenberg zum Mittelpunkt seines Lebens und Wirkens. Hier wurde er zum „Doctor theologiae“ promoviert und übernahm später eine Professur für Bibelauslegung an der Wittenberger Universität. Ebenso entwickelte er hier sein theologisches Gerüst von der Gerechtigkeit eines gnädigen Gottes, das sich gegen die gängige Praxis des Ablasshandels in der römisch-katholischen Kirche wandte und schließlich in den berühmten 95 Thesen, die er an die Tür der Wittenberger Schlosskirche genagelt haben soll, und letztendlich in der Reformation gipfelte.

Martin Luther, der stets mit seiner Heimat eng verbunden blieb, starb 1546 durch einen Zufall wieder in seiner Geburtsstadt Eisleben, wo er sich trotz eines Herzleidens auf einer Reise zwecks Streitschlichtung zweier zerstrittener Landesherren befand.

Lange Zeit herrschte Verwirrung über Luthers Sterbeort: Im heute zum Weltkulturerbe gehörenden „Sterbehaus“ am Andreaskirchplatz wurde und wird seit dem 18. Jahrhundert des Todes von Martin Luther gedacht. Gestorben ist er aber in einem Ende des 17. Jahrhunderts abgebrannten Gebäude am Markt, an dessen Stelle das heutige Hotel „Graf von Mansfeld“ steht.

Musikhistorische Bedeutung

Bereits zu Schulzeiten betätigte sich Martin Luther musikalisch. Als Kurrendesänger in Eisenach zog er mit seinen Mitschülern durch die Straßen und sang gegen Bezahlung zu festlichen Anlässen. Er wurde zu einem guten Sänger und Lautenspieler und maß zeit seines Lebens der Musik im theologischen wie im pädagogischen Zusammenhang große Bedeutung zu. In seinen berühmten Tischreden heißt es, die Musica sei „eine Gabe und Geschenke Gottes, nicht ein Menschen-Geschenk“ (D. Martin Luthers Werke, kritische Gesamtausgabe, Weimar, Tischreden, zit. n. Schünemann 1931, S. 80.). Sie vertreibe „den Teufel und machet die Leut fröhlich“ (ebd).

Luther hatte die Musik bereits in seiner Eisenacher Schulzeit und später im Rahmen der „Septem artes liberales“ in Erfurt bestens studiert. Dabei maß er der praktischen Musikausübung stets eine größere Bedeutung zu als der im Mittelalter vorherrschenden Musiktheorie.

Die Jugend in Musik auszubilden gehörte zu Luthers wichtigen Anliegen, versprach er sich davon doch nicht nur einen musikalischen Mehrwert, sondern gleichermaßen bessere Menschen. „Darüber vergehen die Zornanwandlungen, die Begierden, der Hochmut. Ich gebe der Musik den ersten Platz nach der Theologie.“ (Quelle: Martin Luthers Abhandlung Peri tes musikes von 1530, zit. n. Ehrenforth 2005, S. 209). In einem flammenden Aufruf schrieb er 1524 An die Ratsherren aller Städte deutschen Landes, dass sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen: „Nun muss das junge Volk hüpfen und springen oder jedenfalls etwas zu tun haben, woran es Vergnügen hat […]. Wenn ich Kinder hätte und es könnte, müssten sie mir nicht nur die Sprachen und Geschichtserzählungen hören, sondern auch singen und die Musik samt der ganzen Mathematik lernen.“ (Zit. n. Ehrenforth 2005, S. 213)

Gleichzeitig erkannte er bereits die therapeutische Wirkung von Musik. Luther, den der Nürnberger Poet Hans Sachs in einem Lobgedicht von 1523 als die „Wittenberger Nachtigall“ bezeichnete, hob in diesem Zusammenhang besonders das Singen hervor:„Singen ist eine feine edle kunst vnd exercitium. Es hatt nichts zu thun mit der welt; […]. So sorget, der singet, nicht vor vill; er schlecht alle sorg aus vnd ist gutter ding.“ (Zit. n. Schünemann 1931, S. 80)

Von Lehrern, aber auch von Pfarrern erwartete Luther daher besondere Fähigkeiten im Singen. In den Tischreden heißt es: „Ein schulmeister muß singen können, sonst sehe ich ihn nicht an.“ (Zit. n. Stalmann 2004, Sp. 650)

Luther im Kreise seiner Familie musizierend (Gustav Spangenberg, circa 1875)

 

Bereits 1521/22 im Exil auf der Wartburg hatte Martin Luther das Neue Testament ins Deutsche übersetzt. Sein großes Verdienst für den weiteren Verlauf der Musikgeschichte ist die Einführung des deutschsprachigen Gemeindegesangs in den Gottesdienst der damaligen Zeit, fand dort doch bis dahin das Singen in lateinischer Sprache statt und war weitestgehend den Geistlichen vorbehalten. In Ermangelung geeigneter deutscher Kirchenlieder für die singende Gemeinde wurde Luther zum Liedtexter und -komponist und gilt als „Erfinder“ des deutschen Psalmliedes. „Das Singen wurde zum Markenzeichen der Reformation“ (Helmig 2016) und diente sowohl der „Verinnerlichung von Glaubenstexten“ (ebd.) als auch der Verbreitung der Gedanken der Reformation im Sinne von Protestliedern, die auch auf der Straße gesungen wurden.

Somit ist die Reformation zu einer ersten großen Liedbewegung der Neuzeit geworden. Die schnelle Ausbreitung der Lehre Luthers wäre ohne die Verbreitung des evangelischen Chorals in weiten Schichten des Volkes nicht denkbar gewesen (vgl. Ehrenforth 2005, S. 223).

Noch heute finden sich zahlreiche Lieder Luthers im Evangelischen Gesangbuch (EG) und sind lebendiger Teil der gottesdienstlichen Musizierpraxis. Luthers Kirchenchoräle beeinflussten zahlreiche Komponisten nach ihm und fanden Eingang in ihre Werke. „Ohne Martin Luthers Musikverständnis hätte es – zumindest in dieser Weise – keinen Heinrich Schütz, keinen Johann Sebastian Bach, keine Posaunenchöre, keine Chorbewegung, keinen professionellen Kirchenmusikerberuf und nicht einmal christliche Popmusik gegeben.“ (Helmig 2016)

Werke

Martin Luther schrieb nach neuestem Stand nachweislich 37 Kirchenliedtexte (vgl. Korth 2017, S. 11) und vermutlich zu einigen davon auch die Melodien. Darunter sind umgedichtete und vertonte Psalmen (Psalmlieder), ins Deutsche übertragene altkirchliche Hymnen, biblische Erzähllieder und geistliche Kinderlieder. Die Hauptthemen sind das Kirchenjahr, der Katechismus sowie die dichterische Zusammenfassung reformatorischer Theologie (Nun freut euch, lieben Christen g’mein).

Erstmals erschienen vier Lieder von Martin Luther 1523/24 im Achtliederbuch, der ersten reformatorischen Liedersammlung, darunter das bekannte Aus tiefer Not schrei ich zu dir nach Psalm 130 (EG 299).

Luthers „Nun freut euch, lieben Christen g’mein“ (1523) im Achtliederbuch

 

1524 wurden in Wittenberg zahlreiche Luther-Lieder in Johann Walters Geystliches Gesangk Buchleyn (mit einem Vorwort von Martin Luther) aufgenommen, mehrstimmig gesetzt für den Gebrauch in Schulkantoreien. Der Torgauer Musiker und Komponist Johann Walter war Luthers Freund und sein Berater in musikalischen Fragen. Zusammen arbeiteten sie intensiv an der Neuordnung des evangelischen Gottesdienstes sowie des schulischen Musikunterrichts. Die Musikausbildung an der Torgauer Schule mit Johann Walter als Schulkantor wurde zum Vorbild einer evangelischen, gottesdienstlich orientierten Schulmusik.

Luthers sicherlich bekanntestes Lied, Ein feste Burg ist unser Gott (nach Psalm 46, EG 362), stammt aus dem Jahr 1529 und wurde von Heinrich Heine als „Marseillaise der Reformation“ bezeichnet (die Marseillaise ist die französische Nationalhymne). Zu diesem Lied veröffentlichte der in Magdeburg wirkende Musiktheoretiker, Musikpädagoge und Komponist Martin Agricola im Jahr 1544 einen vierstimmigen Satz.

„Ein feste Burg“ in Johann Spangenbergs Gesangbuch, Magdeburg 1545

 

Ebenfalls zu den populärsten Liedern von Martin Luther zählt das 1535 als Kinderlied erstmals veröffentlichte Weihnachtslied Vom Himmel hoch, da komm ich her nach einer weltlichen Vorlage (Ich kumm aus fremden Landen her, als „Kränzellied“ oder Rätsellied bei abendlichen Tanzvergnügungen gesungenes Spielmannslied), das Luther möglicherweise für seine Kinder gedichtet hatte. In der Luther zugeschriebenen und heute gebräuchlicheren Melodie von 1539 wird die Bewegung der Engel vom Himmel zur Erde vom höchsten Ton zu Beginn bis zur darunter liegenden Oktave als Schlusston ausgedeutet (beide Melodien unter EG 24 und 25). Diese und weitere Editionen des Liedes finden sich hier.

„Vom Himmel hoch, da komm ich her“, Druck von 1567

 

Weitere Kirchenlieder von Martin Luther im Evangelischen Gesangbuch sind u. a. Nun komm, der Heiden Heiland (1524, EG 4)), Christ lag in Todesbanden (1524, EG 101) und Verleih uns Frieden gnädiglich (1529, EG 421).

Von Martin Luther stammen ebenfalls eine Deutsche Messe (1526), eine deutsche Litanei (1529, EG 192), ein deutsches Te Deum (1529, EG 191) und die ihm bisweilen zugeschriebene Motette über Psalm 118.17, Non moriar sed vivam et narrabo opera (Ich werde nicht sterben, ich werde leben und die Taten des Herrn verkünden).

Klangbeispiele

Ein feste Burg ist unser Gott, Capella Fidicinia (Leipzig), Hans Grüß

Aus tiefer Not schrei ich zu dir

LUTHER 500 – Eyn geystlich Gesangk Buchleyn – Johann Walter & Martin Luther, verschiedene Lieder, szenisch dargestellt: Paula Bär (Sopran), Hans Meijer (Laute), Hein Hof (Orgel und Virginal)

Non moriar, sed vivam (Lancaster Theological Seminary)

Johann Sebastian Bach, Chor Nr.1 aus der Kantate BWV 80 „Ein feste Burg ist unser Gott“, Gächinger Kantorei, Bach-Collegium Stuttgart unter der Leitung von Helmuth Rilling

 

Das 12. Wittenberger Renaissance Musikfestival im Jahr 2017 widmete sich unter dem Motto „Vater der Lieder – Martin Luther und die Musik“ dem Reformator.

Martin Luther und sein Leben wurden mehrfach zum Gegenstand von Theater-, Musical- und Opernproduktionen, so in Erfurt und Eisenach. Im Vorfeld des Reformationsjubiläums wurde am 31. Oktober 2015 in der Dortmunder Westfalenhalle das Pop-Oratorium Luther – Das Projekt der tausend Stimmen von Dieter Falk (Musik) und Michael Kunze (Text) uraufgeführt, das seither in vielen deutschen Städten zur Aufführung kam. Über 3000 Laiensänger stellen zusammen mit professionellen Musicalsängern den Reformator Martin Luther und dessen zeitenübergreifendes Gedankengebäude in den Mittelpunkt eines gewaltigen Klangevents, dessen Handlungsschwerpunkt auf dem Reichstag von Worms liegt, wo Luther 1521 zum Widerrufen seiner Thesen aufgefordert worden war.

Literatur

Karl Heinrich Ehrenforth, Geschichte der musikalischen Bildung. Eine Kultur-, Sozial und Ideengeschichte in 40 Stationen. Von den antiken Hochkulturen bis zur Gegenwart, Mainz 2005, S. 204–225.

Martin Geck, Luthers Lieder. Leuchttürme der Reformation, Hildesheim, Zürich, New York 2017.

Martina Helmig, Gesang wurde zur wirksamsten Waffe der Reformation, welt.de, veröffentlicht am 28.10.2016.

Hans-Otto Korth, „Lass uns leuchten des Lebens Wort“. Die Lieder Martin Luthers. Im Auftrag der Franckeschen Stiftungen anlässlich des Reformationsjubiläums 2017 vorgelegt und erläutert von Hans-Otto Korth. Mit einem Nachwort von Patrice Veit, Halle 2017.

Georg Schünemann, Geschichte der deutschen Schulmusik, Leipzig 1931.

Joachim Stalmann, Art. „Luther, Martin“, in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart, 2. neubearb. Ausgabe, hrsg. von Ludwig Finscher, Personenteil, Bd. 11, Kassel u. a. 2004, Sp. 636–654.

Links

Martin Luther – Die Reformation und die Musik (Radiosendung Deutschlandfunk 2012)

Weihnachten: Martin Luther, der Liedermacher (Zeitungsartikel 2013)

Website zum Reformationsjubiläum

Lutherstädte Eisleben & Mansfeld

Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt

Anregungen für den Unterricht

In Kooperation mit dem Religionsunterricht können ältere Schülerinnen und Schüler Lieder Martin Luthers im Evangelischen Gesangbuch heraussuchen und etwa unter folgenden Kriterien analysieren: Verortung im Kirchenjahr, Liedinhalt, Liedtyp (Psalmlied, übersetzte lateinische Hymne, Erzähllied etc.), Melodieführung, Wort-Ton-Verhältnis.

Das Kinder- und Familienmusical Martin Luther – Das Musical von Heiko Bräuning enthält sowohl Lieder zu verschiedenen Begebenheiten aus Luthers Leben als auch Originallieder des Reformators (Ein feste Burg, Vom Himmel hoch). Das Singen einzelner Lieder im Unterricht wie auch die Aufführung des gesamten Musicals im schulischen Rahmen (Aufführungsdauer etwa 70 Min.; inzwischen ist auch eine Kurzversion von 43 Min. erhältlich) machen Leben und Werk Martin Luthers aus der Sicht seiner Kinder erfahrbar, die den Vater am Abendbrottisch zum Erzählen auffordern.

Martin Luther als Kind des Mansfelder Landes entstammt einer im Bergbau tätigen Unternehmerfamilie. In diesem Zusammenhang lässt sich im Unterricht die Situation des Bergbaus in der Region im Spiegel des Mansfelder Bergmannsliedes thematisieren.

Ein Kindermusical Ich bin ein Mansfeldisch Kind von der Sangerhäuser Kirchenmusikdirektorin Martina Pohl (Musik) und dem Mansfelder Pfarrer im Ruhestand Wolfgang Heisig (Text) wurde zum Kreiskirchentag 2016 in Eisleben uraufgeführt und beschäftigt sich mit der Kindheit Martin Luthers.

Materialien zum Download

Arbeitsblatt

Komponisten in Sachsen-Anhalt

SM 2018