Komponisten

Louis Ferdinand, Prinz von Preußen (1772–1806)

 * 18. November 1772 auf Schloss Friedrichsfelde bei Berlin, † 10. Oktober 1806 bei Saalfeld/Saale

Porträt des Prinzen Louis Ferdinand von Jean-Laurent Mosnier (1799)

Biografisches

Der 1772 als Friedrich Ludwig Christian von Preußen geborene und Louis Ferdinand genannte Prinz (Namenszusatz nach seinem Vater Ferdinand von Preußen), fünftes Kind des jüngsten Bruders von Friedrich dem Großen und seiner Ehefrau Anna Elisabeth Luise von Brandenburg-Schwedt, war eine der schillerndsten Persönlichkeiten des preußischen Adels. Er war schön, geistreich, belesen, musikalisch gebildet, ein brillanter Klaviervirtuose und Improvisator, dazu als hochrangiger Militärangehöriger mutig und verwegen in Gefahrensituationen. Er hielt sich nicht an die Konventionen seines Standes, landete immer wieder in der Schuldenfalle und liebte Frauen und Zerstreuungen  jeglicher Art. So ging bereits zu seinen Lebzeiten eine Faszination von ihm aus, die nach seinem frühen Tod auf dem Schlachtfeld gegen die Truppen Napoleons im Jahr 1806 auch den teils glorifizierenden Umgang der Nachwelt mit ihm bestimmte.

Nach mehreren Kriegseinsätzen, u. a. in Frankreich, war Louis Ferdinand ab 1795 Oberbefehlshaber eines in Magdeburg stationierten Regiments und brachte es bis zum Generalleutnant. Nachdem er sich unerlaubt für einen längeren Aufenthalt in Altona und Hamburg von seinem Regiment entfernt hatte, ließ ihn König Friedrich Wilhelm III. im Jahr 1800 quasi nach Magdeburg „zwangseskortieren“. Nach dem Tod seines im brandenburgischen Rheinsberg residierenden Onkels Prinz Heinrich von Preußen, zu dem er eine enge Beziehung pflegte und der ihn stets unterstützte, folgte er diesem 1802 als Magdeburger Dompropst nach. Dies brachte ihm jährlich 24 500 Taler und somit ein stabiles Einkommen ein. Im Jahr 1803 erwarb Louis Ferdinand zunächst die Unterburg, ein Jahr später auch die Oberburg in Wettin im heutigen Saalekreis, den einstigen Stammsitz des Adelsgeschlechts der Wettiner. Damit wurde er dort Gutsherr und Großgrundbesitzer.

Louis Ferdinand soll sich zusammen mit seiner Geliebten, der Bürgerstochter Henriette Fromme, mehrmals im Wettiner Gasthof zum „Goldenen Löwen“ aufgehalten haben, als die Unterburg renoviert wurde. Dieses Haus  ist noch heute als „Mätressenhaus“ bekannt. Auch Umgang mit einem Wettiner Bürgermädchen soll er dort gepflegt haben. Prinz Louis Ferdinand hatte mehrere uneheliche Kinder, darunter zwei mit Henriette Fromme.

Burg Wettin 2019

Musikhistorische Bedeutung

Louis Ferdinand war nicht nur Pianist, sondern auch Komponist. Als solcher hinterließ er ein musikalisches Werk, das über reine Liebhaberkompositionen weit hinausging und  beispielsweise von Robert Schumann, Ludwig van Beethoven und Franz Liszt geschätzt wurde. Er war gern gesehener Gast in den damals angesagten Berliner Salons, insbesondere in dem bürgerlichen Haus von Rahel Levin, der späteren Rahel Varnhagen von Ense, und hatte Umgang mit zahlreichen literarischen und philosophischen Größen seiner Zeit.

Über seinen musikalischen Werdegang gibt es nur wenige gesicherte Informationen. Zwar unterhielt sein Vater zeitweise eine kleine Hofkapelle, doch mögliche musikalische  Unterweisungen des Prinzen bei Mitgliedern dieser Kapelle bleiben im Bereich der Spekulation. Durch seine Tante Anna Amalia von Preußen, die selbst Komponistin war, lernte Louis Ferdinand zwar vermutlich die Musik Johann Sebastian Bachs und seiner Schüler kennen, doch für Musikunterricht bei ihr selbst oder deren Hofmusiker Johann Philipp Kirnberger gibt es ebenfalls keine Nachweise. Beide hingen einer rückwärtsgewandten Musikästhetik nach Bach’schem Vorbild an, die zu dieser Zeit bereits als antiquiert galt. Die Prinzessin muss jedoch vom Klavierspiel ihres Neffen sehr überzeugt gewesen sein, da sie ihn ihre eigenen Werke vortragen ließ. Louis Ferdinands Fuge g-Moll op. 7 für Klavier, die als einzige ihrer Art aus seinem kompositorischen Werk heraussticht, kann „als eine Reminiszenz an Prinzessin Anna Amalia von Preußen gesehen werden“ (Debuch 2004, S. 64), obgleich er deren musikästhetische Ansichten nicht teilte.

Erste Kompositionen des Prinzen entstanden vermutlich im Winter 1799/1800, möglicherweise auch schon früher. Nach einer kreativen Pause, in der lediglich 1803 das als Opus 1 veröffentlichte Quintett c-Moll entstand, folgte ab 1804 mit der Aufnahme des böhmischen Komponisten und Klaviervirtuosen  Johann Ladislaus Dussek in Louis Ferdinands Begleittross (Entourage) eine zweite Schaffensperiode. So kommt Dussek, bei dem Louis Ferdinand wohl schon im Jahr 1800 in Hamburg für kurze Zeit Kompositionsunterricht erhalten hatte und der ihm von 1804 an als Lehrer, Kammermusikpartner, Gesellschafter und nicht zuletzt Herausgeber seiner Werke bis zu seinem Lebensende zur Seite stand, eine entscheidende Rolle im kompositorischen Schaffen des Prinzen zu.

Louis Ferdinand, Andante mit Variationen op. 4, Ausgabe: Breitkopf & Härtel n. d. (ca. 1915)

 

Eine musikgeschichtliche Einordnung der Kompositionen Louis Ferdinands ist schwierig. Zum geflügelten Wort wurde die Einschätzung Robert Schumanns, der den Prinzen als „Romantiker der klassischen Periode“ bezeichnete (vgl. Debuch 2004, S. 47). Tatsächlich weisen seine Kompositionen klassische und frühromantische Merkmale in Form und Harmonik auf. Romantische Charakteristika wie „der subjektive Ausdruck in den langsamen Einleitungen der op.  8, 10 und 12, abrupte Tongeschlechtswechsel, ausgreifende Modulationen und rhapsodisch ausgeführte Sonatensätze“ (Henzel 2016) stehen dabei auf der Basis einer klassizistischen Grundhaltung aller Kompositionen im Sinne der „Berliner Klassik der friderizianischen Epoche“ (ebd.).

Mit Ludwig van Beethoven traf Prinz Louis Ferdinand zweimal zusammen, das erste Mal im Juni 1796 in Berlin. Der nur zwei Jahre ältere Beethoven bescheinigte dem Prinzen, den er auch Klavier spielen hörte, „er spiele gar nicht königlich oder prinzlich, sondern wie ein tüchtiger Klavierspieler“ (zit. n. Debuch 2004, S. 160). Dieses Lob sollte von da an in keiner Biografie des musikalischen Prinzen fehlen. Die zweite Begegnung erfolgte im September 1804 in Wien. Kurz danach widmete Beethoven dem Prinzen sein Klavierkonzert Nr. 3 c-Moll. Auch der Untertitel von Beethovens 3. Sinfonie, der „Eroica“, könnte im Andenken an den kurz vor der Herausgabe der Orchesterstimmen im Jahr 1806 gefallenen Prinzen entstanden sein: „Heroische Sinfonie, komponiert, um die Erinnerung an einen großen Mann zu feiern“. Motive aus Kompositionen Beethovens fanden Eingang in einige der frühen Werke Louis Ferdinands.

Seinem Stand entsprechend schrieb Louis Ferdinand ausschließlich Kammermusik mit dominierendem Klavier. Dies war die Musik des Adels und des Bürgertums seiner Zeit, vorwiegend für den Hausgebrauch bestimmt. „Zum anderen zeigt sich in der Vorliebe des Prinzen für das Rondo und die Variation, worum das kompositorische Denken des Virtuosen kreiste: um den Ausgleich von Virtuosität und Kantabilität sowie von harmonischer Expressivität und melodischer Eingängigkeit.“ (Henzel 2016)

Eine zeitgenössische Rezension in der „Allgemeinen Musikalischen Zeitung“ bescheinigt bereits Louis Ferdinands erstem veröffentlichtem Werk, dem Quintett c-Moll op. 1, nicht nur, dass es „viele jetzige Komponisten von Profession, die diese Gattung bearbeiten, überflügelt: sondern es gehört auch offenbar unter die besten Arbeiten, welche vorzügliche Meister in dieser Gattung geliefert haben“ (zit. n. Debuch 2004, S. 105).

Franz Liszt setzte Louis Ferdinand mit seiner Elegie über Themen des Prinzen Louis Ferdinand von Preußen (1842) unter Verwendung von Motiven aus dessen Quartett f-Moll op. 6 ein Denkmal, ebenso wie Robert Schumann mit seinen Variationen über ein Thema von Prinz Louis Ferdinand von Preußen für Klavier zu vier Händen über das Rondothema aus dem Quartett f-Moll op. 6. Theodor Fontane verfasste im Jahr 1857 ein Gedicht über das Leben des Prinzen (s. hier). Im Jahr 1927 entstand ein Stummfilm über ihn mit Hans Stüve in der Hauptrolle.

Erstausgabe des Klaviertrios op. 3 bei Breitkopf & Härtel 1806

Werke

Eine Chronologie der Kompositionen Louis Ferdinands ist bisher nicht eindeutig bestimmbar, kann aber anhand zeitgenössischer Quellen annäherungsweise erschlossen werden (vgl. Debuch 2004, S. 215–222). Insgesamt 13 Werke wurden veröffentlicht, die meisten davon bei Breitkopf & Härtel in Leipzig. Die Veröffentlichung der Opera 1–6 veranlasste Louis Ferdinand noch selbst, indem er Johann Ladislaus Dussek damit beauftragte, sich um die Drucklegung zu kümmern. Dieser durfte dafür die Verlagshonorare behalten (vgl. ebd., S. 139). Nach dem Tod des Prinzen erschienen auf Betreiben Dusseks weitere Kompositionen im Druck (detailliertes Werkverzeichnis bei ebd., S. 263–270):

Opus 1 Quintett c-Moll für  Klavier, 2 Violinen, Viola, Violoncello (entstanden wahrscheinlich 1802/03)

Opus 2 Trio As-Dur für Klavier, Violine, Violoncello (entstanden vor dem Herbst 1804)

Opus 3 Trio Es-Dur für Klavier, Violine, Violoncello (entstanden vor dem Herbst 1804, möglicherweise bereits im Winter 1799/1800)

Opus 4 Andante mit Variationen B-Dur für Klavier, Violine, Viola, Violoncello (Fertigstellung am 10. Januar 1806)

Opus 5 Quartett Es-Dur für Klavier, Violine, Viola, Violoncello (entstanden nach dem Herbst 1804, möglicherweise im Winter 1805/1806)

Opus 6 Quartett f-Moll für Klavier, Violine, Viola, Violoncello (entstanden vor dem Herbst 1804, möglicherweise im Frühjahr 1803)

Opus 7 Fuge g-Moll für Klavier (entstanden möglicherweise im Winter 1799/1800)

Opus 8 Nocturno F-Dur für Klavier, Flöte, Violine, Viola, Violoncello, 2 Hörner ad. lib. (Fertigstellung um den 26. Dezember 1804)

Opus 9. Rondo B-Dur für Klavier, 2 Violinen, Flöte, 2 Klarinetten, 2 Hörner, Viola, Violoncello, Bass (zeitliche Nachbarschaft zur Fuge op. 7, entstanden evtl. Winter 1799/1800)

Opus 10 Großes Trio Es-Dur für Klavier, Violine, Violoncello (entstanden Frühjahr/Sommer 1806)

Opus 11 Larghetto mit Variationen G-Dur für Klavier, Violine, Viola, Violoncello, Bass (Entstehungszeit unbekannt)

Opus 12 (Op. posth.) Oktett F-Dur für Klavier, 1 Klarinette, 2 Hörner, 2 Bratschen, 2 Violoncelli (Fertigstellung um den 26. Dezember 1804)

Opus 13 (Op. posth.) Rondo Es-Dur für Klavier, 2 Klarinetten, 2 Flöten, 2 Hörner, 2 Fagotte, 2 Violinen, Viola, Violoncello, Bass (entstanden wahrscheinlich im Winter 1799/1800)

Ohne Opusnummer Marsch B-Dur (Besetzung unbekannt, Transkription für Klavier, Entstehungszeit unbekannt)

(nach Debuch 2004)

Noten

Sämtliche Werke Louis Ferdinands stehen in der Petrucci Music Library / IMSLP zum kostenlosen Noten-Download zur Verfügung

Klangbeispiele

Louis Ferdinand von Preußen – Quartett f-Moll op. 6, Horst Göbel (Klavier), Joachim Quartett

Louis Ferdinand von Preußen – Rondo Es-Dur op. 13, Filharmonia Pomorska, Takao Ukigaya, Horst Göbel

CD-Einspielung (5 CDs):

Louis Ferdinand Prinz von Preussen: Das Gesamtwerk (mit Hörbeispielen)

Literatur

Tobias Debuch, Prinz Louis Ferdinand von Preußen (1772–1806) als Musiker im soziokulturellen Umfeld seiner Zeit, Berlin 2004

Christoph Henzel, Art. „Louis Ferdinand, Prinz von Preußen“, in: MGG Online, hrsg. von Laurenz Lütteken, Kassel, Stuttgart, New York 2016ff., zuerst veröffentlicht 2004, online veröffentlicht 2016, https://www.mgg-online.com/mgg/stable/48254

Links

210. Todestag: Prinz Louis Ferdinand agierte als Lebemann und Komponist in Wettin, Mitteldeutsche Zeitung vom 08.07.2016

Geschichte Wettins – Unter Prinz Louis-Ferdinand

Louis Ferdinand – Prinz, Komponist, Lebemann und Kriegsheld, Lernzeit.de

Materialien zum Download

Arbeitsblatt (PDF):

Komponistenpersönlichkeiten in Sachsen-Anhalt (Schüler-Arbeitsblatt im Word-Format für Lehrer*innen auf dem Landesbildungsserver)

SM 2021