Komponisten

Kirchhoff, Gottfried (1685–1746)

* 15.09.1685 in Mühlbeck, † 21.01.1746 in Halle

Gottfried Kirchhoff war Organist und Director musices an der Marktkirche zu Halle. Seine Kompositionen und sein Orgelspiel waren zu seiner Zeit hoch angesehen und bis an den preußischen Königshof gefragt.

Halle mit der Marienkirche (Marktkirche „Unser Lieben Frauen“) im 17. Jahrhundert

Biografie

Gottfried Kirchhoff wurde am 15. September 1685 in Mühlbeck bei Bitterfeld als Sohn des Bauern Martin Kirchhoff geboren und entstammt einer weit verzweigten Stadtpfeiferfamilie. Der Pfarrer des Ortes, Johann Gotthilf Günther, entdeckte schon früh seine Begabung und Kirchhoff wurde vermutlich auf dessen Empfehlung im Alter von acht Jahren an das lutherische Gymnasium in Halle geschickt. Auch hier muss seine Begabung aufgefallen sein, denn er wurde vom Organisten und Director musices der Marktkirche in Halle, Friedrich Wilhelm Zachow, an der Orgel und in Komposition ausgebildet. Dabei hatte er auch Kontakt zum gleichaltrigen Georg Friedrich Händel, ebenfalls ein Schüler Zachows.

Kirchhoffs nächste wichtige Lebensstation war 1709 seine Anstellung als Kapellmeister beim Herzog von Holstein-Glücksburg im Alter von 24 Jahren. Dort komponierte er zum privaten Vergnügen des Herzogs, der selbst musizierte, unter anderem 12 Violinsonaten. Doch lagen Kirchhoffs Präferenzen eher in der geistlichen Orgelmusik. So nahm er 1711 die Organistenstelle an St. Benedikt in Quedlinburg an. Dort widmete er sich aller Wahrscheinlichkeit nach auch der wohltemperierten Stimmung und den musiktheoretischen Schriften Andreas Werckmeisters, die ihn zu seinem Lehrwerk L’ A.B.C. Musical für ein Tasteninstrument (s. u.) anregten.

Nach dem Tod seines Lehrers Friedrich Wilhelm Zachow im August 1712 bewarb sich Kirchhoff auf dessen Stelle. Mitbewerber waren neben Johann Sebastian Bach auch der an der Leipziger Neukirche tätige Melchior Hoffmann und Valentin Bartholomäus Hausmann aus Schafstädt. Da der bereits in das Amt gewählte Johann Sebastian Bach seine Bewerbung auf Grund eines zu geringen Gehaltes zurückgezogen hatte und auch Hoffmann das Angebot ablehnte, trat Kirchhoff am 13. Juli 1714 offiziell die Stelle des Organisten und Director musices an der Marienkirche zu Halle an. Damit übernahm er auch gleichzeitig die Leitung des Stadtsingechores zu Halle.

In Kirchhoffs Anfangszeit in Halle fällt die Neuerrichtung der großen Marienorgel durch den Halberstädter Orgelbauer Christoph Cuntius (auch Cunzius). Anlässlich des Festgottesdiensts zur Orgelweihe im Mai 1716 brachte er zwei eigens dafür komponierte Solokantaten zur Aufführung. Ein weiterer Karrierehöhepunkt folgte im nächsten Jahr mit der Zweihundertjahrfeier zur Reformation, für welche Kirchhoff zwei Kantaten schrieb.

In seiner Amtszeit erarbeitete er sich nicht nur an der Marktkirche einen guten Ruf als Komponist und Organist, sondern komponierte auch für Festakte der Universität und des preußischen Königshofes. So ist in den „Wöchentlichen hallischen Anzeigen 1733“ zu lesen, dass bei der damaligen Universitätsfeier ein „schönes Konzert unter der composition des berühmten Herrn Kirchhoffs aufgeführt“ worden war (zit. n. Grohs/Kreth 2004, S. 19). Kirchhoff hatte das Amt des Director musices bis zu seinem Tod am 21. Januar 1746 inne.

Sein Schwiegersohn veranlasste den Verkauf des Nachlasses, wodurch dieser weit verstreut wurde und in Teilen verloren ging. Gustav Fridericus Kirchhoff, der als einziger Sohn den Vater überlebte, bereiste Europa als bekannter Harfenvirtuose und Komponist von Harfenmusik.

Musikhistorische Bedeutung

Gottfried Kirchhoffs Kompositionsstil lässt Einflüsse seines Vorgängers Friedrich Wilhelm Zachow erkennen. Von seinen Kantaten sind größtenteils nur die Texte erhalten. In ihrer formalen Anlage  entsprechen sie dem Neumeister’schen Prinzip eines Wechsels von Arien, Rezitativen und Chorälen, u. a. mit einer Verknüpfung von Accompagnato-Rezitativen und Chorälen, wie man sie auch bei Zachow antrifft. Seine Choralbearbeitungen für die Orgel wurden wegen ihrer kontrapunktischen Gewandtheit im Stile Zachows bei den Zeitgenossen sehr geschätzt. Sich aus der Vorimitation entwickelnde freie Melismen und Figurierungen mit einer melodisch geprägten Oberstimme finden sich ebenso wie der Cantus firmus im Pedal nach der Art Pachelbels (vgl. Eberl-Ruf 2016).

Während gerade Kirchhoffs Kirchenkompositionen bisweilen womöglich sogar überschätzt wurden bis hin zu einem Vergleich mit denen Johann Sebastian Bachs, „halten seine Klavierstücke und Violinsonaten durchaus einem hohen künstlerischen Maßstab stand“ (ebd.).

Die Musikschule „Gottfried Kirchhoff“ in Bitterfeld-Wolfen liegt nur wenige Kilometer vom Geburtsort des Komponisten (Mühlbeck) entfernt und hat es sich zum Ziel gesetzt, das musikalische Werk ihres Namenspatrons lebendig zu erhalten und regelmäßig Kompositionen Kirchhoffs aufzuführen.

Die Taufkirche Gottfried Kirchhoffs in seinem Geburtsort Mühlbeck heute

Werke

Von Gottfried Kirchhoff sind Kirchenkantaten, Orgel- und Klavierwerke sowie Violinsonaten überliefert.

Kirchhoffs Lehrbuch L‘ A.B.C. Musical ist ein lange Zeit verschollen geglaubtes Klavierwerk, das laut zahlreicher historischer Quellen 24 Präludien und Fugen über alle Dur- und Moll-Tonarten enthalten soll und damit an Bachs Wohltemperiertes Klavier erinnert. Das einzige erhaltene Exemplar des Werkes wurde in der wissenschaftlichen Musikbibliothek in Sankt Petersburg in den 2000er-Jahren wiederentdeckt. Es enthält allerdings nur Stücke in 16 Tonarten (vgl. den Artikel in der Zeitschrift „The Organ“ von 2009, Link unten). Dabei handelt es sich um Schulstücke für Anfänger, welche an ihnen neben der Form der Fuge zugleich das Generalbassspiel erlernen sollten.

Im von Walter Serauky 1948 herausgegebenen Hallischen Klavierbüchlein finden sich zwei Werke von Gottfried Kirchhoff, eine Klaviersonate in E-Dur und eine Suite in g-Moll.

Die Nr. 10 von Kirchhoffs Violinsonaten fand Eingang in das (fälschlicherweise?, vgl. Eberl-Ruf 2016) Leopold Mozart zugeschriebene Notenbuch für Wolfgang.

Das Hallische Klavierbüchlein von 1948

Klangbeispiele

Praeludium und Fuge in c-Moll

Allemande aus der Suite in g-Moll

Noten

Allemande aus der Suite g-Moll (zum kostenlosen Download, Petrucci Music Library, vgl. Klangbeispiel)

Notenausgaben bei alle-noten.de 

Literatur

Gernot Maria Grohs und Klaus Kreth, Gottfried Kirchhoff 16851746 Komponist und Organist. Ein Mühlbecker kreuzt die Wege von Georg Friedrich Händel und Johann Sebastian Bach, Dessau 2004.

Kathrin Eberl-Ruf, Walter Serauky, Art. „Halle“, in: MGG online, hrsg. von Laurenz Lütteken, Kassel, Stuttgart, New York: 2016ff., veröffentlicht 2017-03-16, online unter: www.mgg-online.com/mgg/stable/48562.

Kathrin Eberl-Ruf, Art. „Kirchhoff, Gottfried“, in: MGG online, hrsg. von Laurenz Lütteken, Kassel, Stuttgart, New York: 2016ff., zuerst veröffentlicht 2003, online veröffentlicht 2016, online unter: www.mgg-online.com/mgg/stable/28149.

Philipp Spitta, „Kirchhoff, Gottfried“ in: Allgemeine Deutsche Biographie 16 (1882), S. 11–12, online unter: www.deutsche-biographie.de/pnd129393436.html#adbcontent

Cornelia Toaspern, Lebenslauf Gottfried Kirchhoff, Musikschule Gottfried Kirchhoff, Bitterfeld-Wolfen 2016, online unter: www.musikschule-bitterfeld.de

Links

Musikschule Gottfried Kirchhoff in Bitterfeld-Wolfen

1714: Gottfried Kirchhoff (1685–1746) statt Johann Sebastian Bach, Gottfried Kirchhoff auf der Website des Fördervereins des Stadtsingechores zu Halle

L’ A.B.C. Musical by Gottfried Kirchhoff: a work thought to be lost, Artikel von Maxim Serebrennikov in der Zeitschrift “The Organ” 2009 Nr. 350

Anregungen für den Unterricht

Nehmen Sie Kontakt mit der Musikschule Gottfried Kirchhoff in Bitterfeld-Wolfen auf und besuchen Sie mit den Schüler*innen eines der Konzerte mit Werken des Namenspatrons. Mehrere im Handel verfügbare Notenausgaben von gut spielbaren Stücken Kirchhoffs (s. o.) machen auch Aufführungen im schulischen Rahmen möglich.

Materialien zum Download

Arbeitsblatt

Komponisten in Sachsen-Anhalt

Alexander Schettler 2018

Der Beitrag entstand im Rahmen eines Seminars im Sommersemester 2018 an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.