Komponisten

Ileborgh, Adam (15. Jh.)

Biografie

Adam Ileborgh lebte im 15. Jahrhundert in Stendal. Seine genauen Lebensdaten sind nicht bekannt. Er war vermutlich Franziskanermönch und zugleich Rektor an der Lateinschule in der zur damaligen Zeit blühenden Handels- und Hansestadt Stendal.

Das einzige Dokument, das Informationen über Ileborgh liefert, ist die Handschrift einer Orgeltabulatur aus dem Jahr 1448, die Ileborgh schrieb und herausgab. Ob er auch der Komponist der darin enthaltenen Orgelstücke ist, war lange nicht gesichert nachweisbar. Nach neueren Erkenntnissen „ist Ileborgh gewiß selbst der Schöpfer aller hier eingetragenen Sätze“ (Staehelin 2003, Sp. 620).

In der Inhaltsangabe der Handschrift bezeichnet sich Ileborgh als „frater“ und „rectoriatus in stendall“.

Musikhistorische Bedeutung

Ileborghs Handschrift gilt als die früheste reine Orgeltabulatur, die die Bindung an ein Vokalwerk aufgibt. Gleichzeitig ist sie der einzige Beleg für die norddeutsche Orgelkunst vor Beginn des 17. Jahrhunderts. Dieses Alleinstellungsmerkmal rückt das Dokument, das sich heute in Privatbesitz befindet, in den Fokus der Musikwissenschaft.

Inhalt der 7 Blätter sind fünf Präludien mit freier Oberstimme ohne Taktschema und drei als „Mensurae“ bezeichnete Stücke, die alle Bearbeitungen des damals populären Liedes Frowe al myn hoffen an dyr lyed (vermutlich eine Huldigung der Jungfrau Maria) darstellen. Diese Stücke mit Taktunterteilung würden heute den Taktarten 2/4, 3/4 und 6/4 entsprechen. Der Cantus firmus (die Liedmelodie) liegt in der tenoralen Unterstimme.

Vier der acht Sätze der Handschrift sind durchgängig dreistimmig mit gelegentlichen Akkordfüllungen bis hin zur Vier- und Fünfstimmigkeit. Damit stellen diese Stücke den ältesten erhaltenen dreistimmigen Orgelsatz und zugleich den frühesten Beleg für die Verwendung des Pedals bei der Orgel dar (z. T. zweistimmig als Doppelpedal).

Lange Zeit wurde ein falsches, zu großes Format der Blätter tradiert. Tatsächlich hat die Handschrift eine Größe von 14,3 cm mal 10, 8 cm, also Postkartenformat. Außerdem wurde auf Pergamentpapier geschrieben. Daher geht man heute davon aus, dass es sich um eine überreichungsfähige Widmungshandschrift handelt und nicht um ein Notenexemplar, aus dem musiziert werden konnte. Allerdings bleibt rätselhaft, wer der Adressat gewesen sein könnte. Die Schrift ist eher kalligrafisch und Eintragungsfehler wurden nicht korrigiert.

Die Musik selbst gilt, auch im Vergleich mit der Orgeltradition des süddeutschen Raumes, als wenig kunstvoll. Ihr einfacher, freier Duktus mit rhythmisch unregelmäßiger Melodik in der Oberstimme über ausgehaltenen Akkorden wie in den Präludien (Ileborgh selbst spricht in seiner Einleitung vom „modernus modus“) klingt für heutige Ohren recht „mittelalterlich“ und zeigt deutliche Nähe zur Improvisation.

Im Jahr 1998 war die Handschrift während einer internationalen Tagung in Stendal zu sehen.

 

Tabulatur-1
Anfang der handschriftlichen Orgeltabulatur des Adam Ileborgh von Stendal von 1448

 

Folgende Namenszuweisungen im heutigen Stendal erhalten die Erinnerung an den frühen Sohn der Stadt lebendig:

Musik- und Kunstschule Stendal „Adam-Ileborgh-Haus“

Adam-Ileborgh-Straße

Adam-Ileborgh-Chor

Werke

Orgeltabulatur von 1448

  1. Praeambulum in C et potest variari in d f g a
  2. Praeambulum bonum super C manualiter et variatur ad omnes
  3. Praeambulum bonum pedale seu manuale in d
  4. Praeambulum super d a f et g
  5. Aliud praeambulum super d manualiter et variatur super a g f et c
  6. Mensura trium notarum supra tenorem Frowe al myn hoffen an dyr lyed
  7. Mensura duorum notarum eiusdem tenoris
  8. Mensura sex notarum eiusdem tenoris

Klangbeispiele

Praeambulum bonum pedale seu manuale in d und Praeambulum super d a f et g

Mensura trium notarum supra tenorem Frowe al myn hoffen an dyr lyed

Literatur

Martin Staehelin, Art. „Ileborgh, Adam“, in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart, 2., neubearb. Ausgabe, hrsg. von Ludwig Finscher, Personenteil, Bd. 9, Kassel u. a. 2003, S. 619621.

Links

Musik- und Kunstschule Stendal „Adam-Ileborgh-Haus“

Adam-Ileborgh-Chor

Anregungen für den Unterricht

Tabulaturen sind eine Form der grafischen Notation mehrstimmiger Musik und wurden bereits früher als unser heutiges Notationssystem entwickelt. Beispielsweise als Gitarrentabulaturen sind sie z. T. heute noch gebräuchlich.

Orgeltabulaturen sehen je nach Region und Zeit ihrer Entstehung recht unterschiedlich aus. In der alten deutschen Orgeltabulatur, wie sie bei Ileborgh Verwendung findet, werden Noten auf Linien für die Oberstimme und Tonbuchstaben für die Unterstimmen kombiniert. Die Akkorde der Unterstimme werden bei Ileborgh nicht mit über-, sondern mit nebeneinander stehenden Buchstaben notiert.

Die neue deutsche Orgeltabulatur verwendet dagegen nur Tonbuchstaben und Zeichen.

Materialien zum Download

Arbeitsblätter

Tabulaturen als Notationsform (Lösungsblatt für Lehrer*innen auf dem Landesbildungsserver)

Komponisten in Sachsen-Anhalt

SM 2017