Komponisten

Calvisius, Sethus (1556–1615)

* 21.02.1556 in Gorsleben , † 24.11.1615 in Leipzig

Kupferstich von Melchior Haffner

Biografie

Sethus Calvisius, auch Kalwitz oder Seth, wurde am 21. Februar 1556 in Gorsleben (Thüringen) geboren. Aufgewachsen in bescheidenen Verhältnissen, sollte der Sohn eines Landarbeiters ursprünglich das Weberhandwerk erlernen, doch nach dreijährigem Schulbesuch (ab 1569) in Frankenhausen wechselte er 1572 nach Magdeburg, wo er innerhalb der folgenden sieben Jahre eine humanistische Bildung erhielt und als Kurrende-Schüler und Musiker seinen Unterhalt verdiente. Ungewiss ist jedoch, ob er in dieser Zeit auch vom Kantor Gallus Dressler unterrichtet wurde, der seit 1558 als Nachfolger Martin Agricolas an der Magdeburger Lateinschule lehrte.

1579 studierte Calvisius an der Universität Helmstedt, und 1580 setzte er seine Studien in Leipzig fort, wo er sich auch als Musiker einen Namen erwarb und 1581 eine Anstellung als Kantor an der Pauliner-Kirche erhielt. Ein Jahr später ging er auf Empfehlung einiger Leipziger Theologen, insbesondere von Nicolaus Selnecker, als Kantor und Lehrer für Hebräisch an die Fürstenschule Pforta, die heutige Landesschule in Schulpforte bei Naumburg (39. Station der mitteldeutschen Straße der Musik). Es wird berichtet, er habe dort den Motettengesang bei den gemeinsamen Mahlzeiten eingeführt und neben der Musik auch historische und chronologische Studien betrieben. 1594 folgte seine Anstellung als Kantor an der Thomasschule in Leipzig, wo er um 1605 auch kurzzeitig die Kirchenmusik an der Universitätskirche leitete. Aus der im Jahr 1595 geschlossenen Ehe mit Magdalena Jung gingen mehrere Kinder hervor. Die Quellen belegen, dass ihn sowohl seine Frau als auch eine Tochter und zwei Söhne überlebt haben.

„Die Fürstenschule Pforta“, Bild aus der Zeitschrift „Die Gartenlaube“, 1857

 

In Leipzig, wo Calvisius bis zu seinem Tod am 24. November 1615 tätig war, erwarb er sich nicht nur als Musiker und Musiktheoretiker, sondern auch als Astronom, Chronologe und Sprachwissenschaftler einen bedeutenden Ruf und erlangte auf dem Gebiet der Astronomie sogar höchste Anerkennung. Er pflegte zahlreiche musikalische und wissenschaftliche Kontakte, u. a. zu Johannes Kepler, Michael Praetorius und Christoph Neander. Informationen zur Biografie von Calvisius bietet die von Vincentius Schmuck verfasste Leichpredigt, Von der Musica (s. Link unten) aus dem Jahr 1615.

Leichpredigt/ Von der Musica, aus dem 16. Cap. des Ersten Buchs der Chronica, Autor: Vincentius Schmuck, Leipzig 1615

Musikhistorische Bedeutung

„Er war ein sehr gelahrter Mann, ein guter Chronologus und fürtrefflicher Musicus so wohl Theoreticus als Poeticus und Modulatorius, wie aus seinen Exercitationibus Musicis, der Melopoeia, und wohl=componirten Moteten zu sehen. Weil er gelebet, ist er nicht sonderlich aestimiret: allein, nach seinem Tode, ist er sehr hoch geachtet worden, und wird gewißlich seiner gedacht werden, weil die Welt wird stehen“. (Wolfgang Caspar Printz, Historische Beschreibung der edelen Sing- und Kling=Kunst, Dresden 1690, Kap. 12, § 10, zit. nach Braun/Adrio 2016)

Schon während seiner Zeit in Pforta verfasste Calvisius vierstimmige Schulgesänge, die 1594 erschienenen Hymni sacri, welche grundlegend sein sollten für das Florilegium selectissimarumeine erstmals im Jahr 1603 von dem dortigen Kantor Erhard Bodenschatz herausgegebene Sammlung italienischer, deutscher und franko-flämischer Motetten und Kantionalsätze, die aus der Praxis des Pfortaer Schulgesanges entstanden und bis Mitte des 18. Jahrhunderts in der protestantischen Kantoreipraxis in Gebrauch war (weitere Informationen zum Florilegium Portense hier).

Von seinem Geschick als Komponist zeugen ebenfalls seine Kantionalsätze von 1597, in denen, wie auch zuvor schon in den Schulgesängen, die Melodiestimme vom Tenor in den Sopran gelegt ist (Erläuterung zum Kantionalsatz hier).

Zu seinen musiktheoretischen Werken zählen u. a. das 1594 in erster Auflage in Leipzig erschienene Compendium musicae pro incipientibus conscriptum, eine musikalische Elementarlehre, sowie nachfolgend die Exercitationes musicae duae (Leipzig 1600), eine der ältesten Darstellungen zur Geschichte der Musiktheorie, und die Exercitationes musicae tertia (ebd. 1611), ein theoretisches Werk zu Fragen der Solmisation und Skalentheorie. Besondere Betonung erfuhr durch Calvisius u. a. die Erweiterung des bisherigen Hexachords, d. h. der sechsstufigen diatonischen Tonleiter (2 Ganztöne+Halbton+2 Ganztöne), zur siebentönigen Skala, wie sie bis heute in Gebrauch ist. Ebenso wie die genannten Schriften basiert die vorangegangene Melopoeia (1592) auf den Institutioni harmoniche des italienischen Theoretikers Gioseffo Zarlino, deren vier Bücher durch Calvisius in eigener Weise verarbeitet und verdichtet und damit den deutschen Musikern in fasslicher Form erschlossen wurden.

Mit seinem Opus chronologicum (Leipzig 1605), einem grundlegenden Werk zur Kalenderberechnung, gilt Calvisius auch als Begründer der modernen Chronologie.

Melopoeia sive melodiae condendae ratio …, Erfurt 1592

 

Werke

Zum vorwiegend pädagogisch ausgerichteten kompositorischen Schaffen von Calvisius zählen u. a. vierstimmige lateinische und deutsche Hymnen für die Schulkantorei in Pforta, ebenso Bicinien (zweistimmige Sätze) über lateinische Evangeliensprüche, darüber hinaus 22 musikalisch anspruchsvollere Tricinien (dreistimmige Sätze) sowie 43 vierstimmige Sätze, die der Komponist für die 1605 veröffentlichte Ausgabe des Beckerschen Psalters zur Verfügung stellte. Mit den 1597 erschienenen Kirchengesängen, einer Choralsammlung mit 115 vierstimmigen schlicht-akkordischen Sätzen, führte Calvisius im Anschluss an Lucas Osiander und das Dresdner Gesangbuch Rogier Michaels den Choralsatz mit der Melodie in der Oberstimme in Leipzig ein. Auch sechs-, acht- und zwölfstimmige Motetten im polyphonen Stil schuf der Komponist, deren Formgestaltung und Wortausdeutung bereits ein neues Klangideal verdeutlichen.

Erhaltene Kompositionen in Auswahl (nach Riemann Musiklexikon 2012)

  • Hymni sacri (1594)
  • Bicinia (1599 und erw. 1612)
  • Tricinia, Außerlesene teutsche Lieder (1603)
  • der 150. Psalm, 12st. (1615)
  • die Choralsammlung Harmonia cantionum ecclesiasticarum, Kirchengesenge und geistliche Lieder D. Lutheri und anderer frommer Christen … (1597 u. ö.)
  • Der Psalter Davids gesangweis vom Herrn D. Cornelio Beckern … (1605 u. ö.)
Hymnus aus “Harmonia cantionum ecclesiasticarum”

 

Musiktheoretische Schriften

  • Melopoeia sive melodiae condendae ratio … (Erfurt 1592, Magdeburg 2/1630)
  • Compendium musicae pro incipientibus conscriptum (Lpz. 1594, 3/1612 unter dem TitelMusicae artis praecepta nova et facilima)
  • Exercitationes musicae duae (Lpz. 1600, Nachdr. Hildesheim 1973)
  • Exercitatio musica tertia (Lpz. 1609, 2/1611; Nachdr. Hildesheim 1973)

Klangbeispiele

Unser Leben währet siebnzig Jahr (Vocalconsort Leipzig, Ensemble Noema Leipzig, Gesine Adler – Sopran)

In dulci jubilo (Vocalconsort Leipzig, Ensemble Noema Leipzig, Gesine Adler – Sopran)

Mitten wir im Leben sind (Vocalconsort Leipzig, Gregor Meyer)

Exsultate iusti in Domino (Dresdner Kreuzchor, Ausschnitt aus der Sendung „Musica –Glocken und Chor“ bei NDR Kultur am 22.08.2015)

Freut euch und jubiliert (Civitas Lipsiarum – Musik aus Alt-Leipzig)

CDs:

Sethus Calvisius (1556-1615): Geistliche Werke – „Freut euch und jubilieret“ (Vocalconsort Leipzig, Ensemble Noema Leipzig, Gregor Meyer)

Motetten & Hymnen aus dem Florilegium Portense (Anfang des 17. Jahrhunderts) (Vocal Concert Dresden, Cappella Sagittariana Dresden, Ltg.: Peter Kopp)

Noten

Calvisius in der Petrucci Music Library

Noten von Sethus Calvisius bei „Notenlager“ (zum Kaufen)

Literatur

Hermann Beck, „Calvisius, Sethus“,in: Neue Deutsche Biographie 3(1957), S. 100 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11643290X.html#ndbcontent.

Werner Braun/Adam Adrio, Art. „Calvisius, Sethus”, in: MGG Online, hrsg. von Laurenz Lütteken, Kassel, Stuttgart, New York: 2016ff., zuerst veröffentlicht 2000, online veröffentlicht 2016, https://www.mgg-online.com/mgg/stable/15298.

Arrey von Dommer, Art. „Calvisius, Sethus“, in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 3 (1876), S. 716–717, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Calvisius,_Sethus&oldid=2486132(Version vom 19. September 2018, 21:23 Uhr UTC).

Riemann Musiklexikon, Aktualisierte Neuauflage in fünf Bänden, hrsg. von Wolfgang Ruf in Verbindung mit Annette van Dyck-Hemming, 13. Aufl., Mainz 2012, Bd. 1, Art. Calvisius, Sethus, S. 326–327.

Vincenz Schmuck, „Leichpredigt“ [gehalten am 27. November 1615], Text in Auszügen in: Monatshefte für Musikgeschichte 3 (1871), S. 14 f.

Gesine Schröder (Hrsg.), Tempus Musicae – Tempus Mundi. Untersuchungen zu Seth Calvisius(= Studien zur Geschichte der Musiktheorie, Bd. 4), Hildesheim 2008.

Erich Valentin/SL, Art. “Magdeburg”, in: MGG Online, hrsg. von Laurenz Lütteken, Kassel, Stuttgart, New York: 2016ff., zuerst veröffentlicht 1996, online veröffentlicht 2016, https://www.mgg-online.com/mgg/stable/15311.

Links

Die „Leichpredigt“ von Sethus Calvisius (digitalisiert von der SLUB Dresden)

Florilegium Portense

Informationen zum Kantionalsatz

Calvisiusstraße in Leipzig (Leipzig-Lexikon)

Materialien zum Download

Arbeitsblatt

Komponisten in Sachsen-Anhalt

Benjamin Gommert / CK 2018

Der Beitrag entstand im Rahmen eines Seminars im Sommersemester 2018 an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.