Instrumente

Treutmann (Orgelbauer-Dynastie in Magdeburg)

Christoph Treutmann (err. 1673/74–10.6.1757) ist der Begründer einer bedeutenden Orgelbauer-Dynastie, die über drei Generationen in Mitteldeutschland in vielen Dörfern und Landstädten zwischen 1712 und 1806 zahlreiche neue Orgelwerke aufgestellt hat (Pape/Hackel 2015). Alle drei aufeinander folgenden Generationen hießen Christoph Treutmann (I–III). Die Werkstatt befand sich in Magdeburg und entwickelte sich im Laufe des 18. Jahrhunderts zur bedeutendsten in der Stadt.

Altkolorierter Kupferstich von Magdeburg um 1740 von Werner, Gläßer und Engelbrecht

 

Es wird angenommen, dass Christoph Treutmann I aus Schlesien oder der Oberlausitz stammt (Hobohm 2008, S. 47). Geburtsort und -jahr konnten bisher nicht ermittelt werden. Nach eigenem Bekunden war er Schüler des berühmten norddeutschen Orgelbauers Arp Schnitger, wie aus seinem Bittgesuch an den preußischen König Friedrich Wilhelm I. (1688–1740) um ein privilegium privativum als Orgelbauer für das Herzogtum Magdeburg hervorgeht. Er schreibt, er habe seine „Profession redlich erlernet, u. bey denen berühmten Schnittgern von Hamburg viele Jahre gearbeitet“ (Stadtarchiv Magdeburg). Aus seinen Angaben lässt sich ein Zeitraum von etwa 1693–1710 erschließen. Eine Lehrzeit von Christian Treutmann I bei Heinrich Herbst dem Jüngeren, wie sie in einigen Quellen angegeben wird (so auch bei Dückering/Gottwald 1974), ist nicht eindeutig nachweisbar und wird auch von Treutmann selbst in seinem Bittgesuch nicht erwähnt. Ein Portrait von ihm ist nicht bekannt, aber mehrfach haben sich Kontrakte und Quittungen in seiner klaren Handschrift erhalten.

Disposition für die Orgel in St. Katharinen, Egeln, aus dem handschriftlichen Anschlag von Treutmann, um 1728 (LASA Sig. A 4m, Nr. 120)

 

Schriftzug von Christoph Treutmann I in den Balg-Falten eines Keilbalgs von der ehe-maligen Orgel in der Katharinenkirche Egeln

 

Zunächst trat Treutmann im Jahr 1700 durch die Erneuerung der Domorgel in Braunschweig und 1710 durch eine Reparatur und Erweiterung der 1637 von Gottfried Fritzsche (1578–1638) erbauten Orgel in der Dreieinigkeitskirche zu Allermöhe/Hamburg hervor. Bei der Abnahme der letzteren Arbeit am 6. September 1710 bescheinigte Vincent Lübeck (1654–1740), Organist an der Nicolaikirche in Hamburg, dem Orgelbauer: „Die in dem Werke befindlichen Stimmen oder Register, wovon 2 Neue als Posaun 16-fuß und Octav 4-fuß, sind sehr wohl intoniret und sprechen sehr frisch an… die ins Pedal neue verfertigte Windlade ist von guten Eichen Holtz, und was zu selbiger mehr gehöret, mit sonderbahrem Fleiß und Sorgfalt gemachet.” (Staatsarchiv Hamburg: 514-1 Dreieinigkeitskirche in Allermöhe II 2, S. 6) Beide Aufträge sind ihm wohl von Schnitger übertragen worden.

Um 1710 ließ sich Christoph Treutmann I in Magdeburg nieder, erwarb 1717 das Bürgerrecht und kaufte 1718 für 2000 Taler das im Brausewinkel gelegene Wohn- und Brauhaus „Zum güldenen Lamm“, Storchstr. 17, mit Garten und Brunnen. Die St.-Jacobi-Gemeinde wählte ihn im Jahre 1725 zu ihrem Administrator. Treutmann starb am 10. Juni 1757 in Magdeburg im 84. Lebensjahr. Im Kirchenbuch von St. Jacobi wird er als „ältester Kirchenvater“ bezeichnet (vgl. Dückering/Gottwald 1974, S. 14).

Werke

(Im Folgenden beziehen sich bei den genannten Orgeln die zusätzlich zur Jahreszahl gemachten Zahlenangaben auf die Registerzahl in arabischen und die Anzahl der Manuale in römischen Ziffern.)

Von Magdeburg aus stellte Christoph Treutmann I zahlreiche Orgelwerke im mitteldeutschen Raum auf, so beispielsweise 1716 in der Klosterkirche zu Barby (16/II, Abriss 1886), in Gardelegen (St. Marien, 1723, 25/II, zerstört 1945 und St. Nikolai, 1727, 32/III, umgebaut erhalten) oder 1737 im Kloster Marienstuhl vor Egeln (1737, 24/II). Seine Orgel (12/I), 1742 für St. Georg zu Calvörde gebaut, erfuhr zahlreiche Veränderungen, die letztlich in einen totalen Umbau (Neubau) mündeten (vgl. e. hammer orgelbau). In Klein-Rodensleben ist die einmanualige Orgel von 1748 abgebaut und eingelagert. Die beiden Orgeln in Egeln (Kloster Marienstuhl, 24/II und Katharinenkirche, 8/I) sind verloren. Von ersterer ist das eindrucksvolle barocke Gehäuse erhalten, von letzterer sind eine eigenhändige Zeichnung und der Prospekt bekannt (vgl. Wille 2015).

Ehem. Klosterkirche Marienstuhl, Egeln: Prospekt der einstigen Treutmann-Orgel auf der Nonnenempore

 

Bisher sind 20 Neubauten und 12 Reparaturen/Orgelerweiterungen nachgewiesen, zweifellos waren es weitaus mehr (Kitschke, unveröffentlicht). Doch nur wenige haben sich unverändert erhalten. In Sachsen-Anhalt erklingt seit 2008 wieder die Fritzsche-Treutmann-Orgel (22/II) in St. Levin zu Harbke (Festschrift 2008, s. u. Literatur). Ursprünglich von Gottfried Fritzsche im Jahr 1622 gebaut, erfuhr die Orgel 1728 durch Christoph Treutmann I unter Verwendung des Pfeifenbestands von Fritzsche mit Ergänzung durch eigene Pfeifen und Register einen grundlegenden Umbau. Dieser historische Bestand wurde umfassend restauriert, wobei die Balganlage mit zwei originalen Keilbälgen von der ehemaligen Treutmann-Orgel von St. Katharinen (Egeln) rekonstruiert wurde.

Prospektzeichnung von Treutmann I für die Orgel in St. Katharinen, Egeln (LASA Sig. A 4m, Nr. 120)

 

Katharinenkirche, Egeln: Prospekt der ehemaligen Treutmann-Orgel

 

Treutmanns größtes, fast unverändert erhaltenes Orgelwerk steht in Kloster Grauhof bei Goslar (42/III) und wurde zwischen 1734 und 1737 aufgestellt. Bei der Konstruktion der Windladen und der Zungenstimmen in Grauhof ist Treutmanns Anlehnung an die Bauweise seines Lehrmeisters Schnitger zu erkennen. Auch in der Klanggestaltung sind norddeutsche Einflüsse zu finden. Das Werk gilt als eine der wichtigsten „Bach-Orgeln“ (vgl. Vogel 1998, S. 7).

Der Orgelbauer hat eine leistungsfähige Werkstatt geführt, denn zeitgleich entstand seine Orgel für Kloster Marienstuhl vor Egeln. Er verfügte über ein großes Lager von getrocknetem Eichenholz und war wirtschaftlich so gestellt, dass er auftragsunabhängig Klaviaturen und einzelne Register auf Vorrat fertigen konnte (vgl. Behrens 1986).

Erwähnenswert, weil interessant, ist schließlich noch Treutmanns enge Beziehung zu dem Magdeburger Orgelbauer Matthias Hartmann (1680–1738). Wahrscheinlich ist die 1712 in St. Jakobi zu Wanzleben errichtete Orgel (35/III) eine gemeinschaftliche Arbeit, denn beide führen sie in ihrem Werkverzeichnis auf. Ihre Bekanntschaft geht auf eine gemeinsame Tätigkeit in der Schnitger-Werkstatt zurück, wo Hartmann von 1706–1710 nachweisbar ist (vgl. Fock 1974, S. 210 u. 279). Auch gehörten beide 1727 dem Kirchen-Collegium von St. Jacobi in Magdeburg an (vgl. Calvisius 1727, S. 340).

Historischer Orgelprospekt (1712) der ehemaligen Barockorgel in der Stadtkirche zu Wanzleben, die als ein Gemeinschaftswerk von Matthias Hartmann und Christoph Treutmann angesehen wird

 

In seinen letzten Lebensjahren arbeitete sein Sohn Christoph II (ca. 1710–1781) in der Werkstatt mit, die er schließlich nach dem Tode des Vaters übernahm und noch laufende Orgelbauten zu Ende führte. Von 1769–1772 baute er die von Heinrich Compenius 1604/05 aufgestellte Orgel im Dom zu Magdeburg um. Fünf Neubauten sind von ihm bekannt. Christoph Treutmann III (* ca. 1755, † nach 1814), Sohn von Christoph Treutmann II, war Geselle bei dem Magdeburger Orgelbauer Georg Christian Rietz (ca. 1766–1809). Er führte die väterliche Werkstatt bis 1814 fort. Von ihm sind ebenfalls fünf Neubauten nachweisbar, darunter sein größtes Werk (27/II), das von 1790–1793 in Neuhaldensleben erbaut wurde.

Klangbeispiele

Fritzsche-Treutmann-Orgel  in der Schlosskirche St. Levin Harbke, Jean-Charles Ablitzer (Orgel)

Treutmann-Orgel Grauhof, James Johnstone (Orgel)

J. S. Bach: Fantasia et Fuga in c BWV 537, Orgel in der  Stiftskirche St. Georg in Grauhof bei Goslar, Pieter Dirksen (Orgel)

Literatur

Michael Behrens, „Zur Situation und Bedeutung der Magdeburger Orgelbauwerkstätten des 18. Jahrhunderts“, in: Das Magdeburger Musikleben im 18. Jahrhundert. Bericht über die Wissenschaftliche Konferenz am 9. März 1985 in Magdeburg (= Magdeburger Musikwissenschaftliche Konferenzen I, hrsg. vom Zentrum für Telemann-Pflege und –Forschung Magdeburg), Magdeburg 1986, S. 114–128.

Seth Heinrich Calvisius, Das zerstöhrete und wieder aufgerichtete Magdeburg, oder Die blutige belagerung und jäm̄erliche eroberung u. zerstöhrung der alten stadt Magdeburg, wie es von anfang des 1631, jahres bis zum ende desselbigen merckwürdig ergangen, etc. Seidels Wittwe und Scheidhauer, Magdeburg 1727, S. 340.

Heiko Dückering, Peter H. Gottwald, Die Treutmann-Orgel in Kloster Grauhof. Eine Monographie, Tutzing 1974, S. 10–16.

e. hammer hannover orgelbau, http://www.emil-hammer.de/de/referenzen/calvoerde.html, abgerufen am 14.7.21.

Ev. Kirchengemeinde Harbke/Kirchspiel Hötensleben (Hrsg.), Die Königin von St. Levin – Die Fritzsche-Treutmann-Orgel zu St. Levin in Harbke. Eine Festschrift, Oschersleben 2008.

Gustav Fock, Arp Schnitger und seine Schule, Kassel 1974, S. 210 u. 279.

Wolf Hobohm, „Drei große Orgelbauer und ihre Arbeiten in Harbke“, in: Die Königin von St. Levin – Die Fritzsche-Treutmann-Orgel zu St. Levin in Harbke. Eine Festschrift, Oschersleben 2008, S. 40–51.

Andreas Kitschke, Vorläufige Werkliste von Christoph Treutmann I, unveröffentlicht.

Uwe Pape, Wolfram Hackel, Lexikon norddeutscher Orgelbauer, Bd. 3 Sachsen-Anhalt und Umgebung, Berlin 2015, S. 577.

Stadtarchiv Magdeburg, Christoph Treutmanns, allhiesigen Bürgers u. Orgelbauers, Privilegium betreffen, Rep. A I, T 57, 1725, fol. 8 r/v.

Harald Vogel, Rund um Bach, Vol.2, Begleitheft zur CD, Organum, Best. Nr. OC-29702, S. 7.

Lutz Wille, Das Schicksal der Werke des Magdeburger Orgelbauers Christoph Treutmann (I) für das Kloster Marienstuhl vor Egeln, Ars Organi 2/2015, S. 71–79.

Links

Fritzsche-Treutmann-Orgel, Harbke

Treutmann-Orgel, Kloster Grauhof

Registrieranweisung von Christoph Treutmann für die Orgel in Harbke

Lutz Wille 2021