Instrumente

Arschleder als Musikinstrument

Das Hinterleder – im Harz „Arschleder“ genannt – ist ein Kleidungsstück, welches etwa seit der Mitte des 16. Jh. zum Habit des Bergmanns gehört. Es ist ein halbrund geschnittenes, schürzenartig nach hinten gebundenes Lederstück, das um den Kittel gegürtet wird und vor dem Durchwetzen des Hosenbodens und vor Kälte und Nässe beim Sitzen schützen soll. Es entwickelte sich zum Statussymbol des Bergmannsstandes und klassifizierte die einzelnen Gruppen nach ihrer Zugehörigkeit. Unterschieden wurden händig tätige „Bergleute vom Leder“ (Bergvolk, Betriebsbeamte) und solche, die höhere Tätigkeiten ausübten als „Bergleute von der Feder“ (Führungsschicht, Bergbeamtenschaft, Theoretiker).

Berghabit (Kapuzentracht), 1. Hälfte 17. Jh. (Löhneiß 1690)

 

Bergmannstanz: Folklorist in Bergmannstracht mit Hinterleder

 

Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts wurde den einzelnen sozialen Ständen der Bevölkerung durch städtische oder landesherrschaftliche Verordnungen vorgeschrieben, welche Musikinstrumente benutzt werden durften. So war den einfachen Bergleuten das Spiel nur mit Saiteninstrumenten (Harzzither, Geige, Laute), Triangel und – dem Hinterleder erlaubt; Blasinstrumente waren nicht gestattet.

Blasen auf dem Hinterleder

 

Die Verwendung des Hinterleders zum Musizieren geht aus der Beschreibung von Harzschriftstellern hervor: „Wann sie in Gesellschafft beysammen, und sie keine andere musicalische Instrumente bey sich haben, so wickeln sie ihre gewöhnliche halb=ausgeschnittene schwartze Leder, die sie auf dem Hintertheil ihres Leibes führen, zusammen, und wissen mit selbigen einen solchen Thon zu formiren, der von weitem der Music der Wald=Hörner ziemlich ähnlichet.“ (von Rohr 1739, S. 214)

Tatsächlich konnten darauf Melodien geblasen werden: „Großvater… erzählt von vergangenen Zeiten, vom … Hieronymus [= Jérôme, Bruder Napoleons, regierte das Königreich Westphalen von 1807–1813] und Königin Katharina, die sich im Hunde spazieren fahren ließen bei der Grube Dorothee [in Clausthal] und nicht müde wurden, sich von einem alten Bergmann Lieder vorspielen zu lassen, auf dem wunderlichsten aller Musikinstrumente, dem Hinterleder.“ (Günther 1888, S. 103)

Diese Musizierpraxis ist für die Bergbaugebiete im Unterharz und im Mansfelder Land ebenso anzunehmen und ist auch aus dem Erzgebirge bekannt, wo früher in Freiberg die kleine Kapelle der Berghautboisten bis ins 18. Jahrhundert nur mit Saiteninstrumenten, Triangel und Bergleder musizieren durfte.

Video: Versuch, das Bergmannslied Glück auf, der Steiger kommt auf dem Hinterleder zu blasen (Archiv L. Wille, Bearbeitung R. Langer 2020)

Noten

Glück auf, der Steiger kommt (PDF), vgl. dazu auch den Musikkoffer-Artikel zum Mansfelder Bergmannslied

Literatur

Friedrich Günther, Der Harz in Geschichts-, Kultur- und Landschaftsbildern, Hannover 1888.

Julius Bernhard von Rohr, Merckwürdigkeiten des Ober-Hartzes, Frankfurt und Leipzig 1739.

Lutz Wille 2020