Instrumente

Gröninger Beck-Orgel in der Martinikirche Halberstadt

Die berühmte Orgel in der Schlosskirche von Gröningen galt bereits bei ihrer Fertigstellung im Jahr 1596 als „Wunderwerk“ des Orgelbaus, war sie doch zur damaligen Zeit eine der größten und prachtvollsten Orgeln in Deutschland. Heute steht der Prospekt in der Martinikirche in Halberstadt, die Orgel selbst ist nur noch in einzelnen Pfeifen erhalten.

Der Prospekt der Gröninger Orgel in der St. Martinikirche in Halberstadt

Orgelbauer

David Beck

Orgelgeschichte

Herzog Heinrich Julius von Braunschweig und Lüneburg, der auch Bischof in Halberstadt war, gab im Jahr 1592 beim Halberstädter Orgelbauer David Beck eine Orgel für die Kapelle seines neu errichteten Schlosses in Gröningen, etwa 10 Kilometer von Halberstadt entfernt, in Auftrag. Auf der Grundlage der alten Sommerresidenz der Halberstädter Bischöfe ließ der gebildete und kunstsinnige Herzog von dem Baumeister Christoph Tendler einen prunkvollen vierflügeligen Renaissancebau errichten, der im Jahr 1594 fertiggestellt wurde. Die Orgel in der reich ausgeschmückten Schlosskirche sollte diesem an Pracht nicht nachstehen und das Zusammenwirken von weltlicher und geistlicher Macht zur Schau stellen.  Allein schon die äußere Gestaltung des Prospekts strotzte vor Gold und „barockem Pathos“ (vgl. Friedrich 2016, S. 135). „Wenn man alle erhabenen Partien des Gehäuses betrachtet, dann stellt man fest, dass nicht die geringste Oberfläche vorhanden ist, die nicht geschnitzt, bemalt oder vergoldet ist und eine große Menge dekorativer Figuren und Cherubim aufweist.“ (Jean-Charles Albitzer, in: Organum Gruningense Redivivum ca. 2008)

Engel am rechten Pedalturm

 

Es ist davon auszugehen, dass neben dem Orgelbauer David Beck und seinen neun Gesellen auch Michael Praetorius, der um 1594 als Kammerorganist in den Dienst des Herzogs trat, an der Konzeption der Orgel beteiligt war. Am 2. August 1596 wurde diese festlich eingeweiht. Eine Woche lang brachten über 50 geladene renommierte Organisten aus ganz Deutschland das Instrument in all seinen Facetten in einer in der Musikgeschichte einmaligen „Orgelprobe“ zum Klingen. Eine über 100 Jahre später erstellte „Teilnehmerliste“ von Andreas Werckmeister weist 53 Namen auf, darunter Heinrich Compenius der Ältere (Nordhausen), Hieronymus Praetorius (Hamburg), Johann Steffens (Lüneburg) und Hans Leo Haßler (Augsburg). Auf dieser Liste fehlt allerdings der Mühlhausener Kantor und Organist Joachim a Burck, der nach Johann Gottfried Walthers Musicalischem Lexicon von 1732 in einer Widmung an den Herzog selbst darauf hingewiesen hatte, dass er dabei war (s. hier, S. 119).

Es mochte im Interesse der Herzogs gelegen haben, auf diese Art und Weise die Orgel als repräsentatives Instrument für sämtliche bisherigen Errungenschaften des Orgelbaus bekannt zu machen und damit seinen eigenen Ruhm in die Welt zu tragen. Bereits Michael Praetorius hat im zweiten Band seines Syntagma musicum die Gröninger Orgel, die er in der Folgezeit selbst spielte und pflegte, unter die „vornehmen Orgeln Werck in Deutschland“ eingestuft und die Disposition im Detail aufgeführt (s. u.). In den Jahren 1603/04 übernahm Esaias Compenius die Unterhaltung der Orgel. 1605 ernannte ihn der Herzog zum Fürstlich Braunschweigischen Orgel- und Instrumentenmacher.

Andreas Werckmeister ging als Orgelsachverständiger und Organist an der Martinikirche in Halberstadt in seinem 1705 unter dem Titel „Organum Redivivium Gruningensis“ veröffentlichten Orgelgutachten durchaus kritisch mit der hoch gelobten Orgel um und machte zahlreiche „Defecta“ an dem Instrument aus, das nach dem Tod des Herzogs 1613 und dem Dreißigjährigen Krieg vernachlässigt worden war und Schaden genommen hatte. Allerdings kritisierte er auch grundsätzlich den Aufbau der ganz den klanglichen Möglichkeiten der Renaissance verhafteten, wohl eher zart klingenden Orgel und machte Vorschläge für einige Neuerungen, die das Instrument an die gewandelten Vorstellungen im barocken Orgelbau zu Beginn des 18. Jahrhunderts anpassen sollten. Erste Änderungen durch Christoph Contius veranlasste  er bereits 1704, vor allen Dingen hinsichtlich der Disposition, eines erhöhten Winddrucks und der Temperatur (vgl. Friedrich 2016, S. 135).

Die Martinikirche in Halberstadt mit ihren charakteristischen ungleichen Türmen

 

Im Jahr 1770 wurde die Orgel durch Anordnung von Friedrich II. von Preußen in die Martinikirche nach Halberstadt transferiert, da das Schloss Gröningen bereits Mitte des Jahrhunderts aufgegeben worden war. Angesichts des deutlich größeren Kirchenraumes ergänzte der ausführende Orgelbauer Johann Christoph Wiedemann neun Register sowie ein Glockenspiel, setzte neue Windladen und Bälge ein und veränderte die Trakturen.

1837/38 wurde die Orgel gravierend umgebaut, indem der Orgelbauer Johann Friedrich Schulze das originale Pfeifenwerk entfernte und durch ein neues ersetzte. Das nicht mehr gebrauchte Rückpositiv wurde in die Kirche St. Simon und Judas im nahe Halberstadt gelegenen Harsleben gebracht, wo es sich heute noch befindet. In das Gehäuse in der Martinikirche wurde 1921 eine Orgel von Ernst Röver eingesetzt, die ursprünglich für die Stadthalle in Barmen/Wuppertal geschaffen war. Auch diese Orgel wurde inzwischen (2012) umgesetzt.

Seit 2008 gibt es auf Initiative der Kirchengemeinde, des Fördervereins „Organum Gruningense Redivivum – die Michael-Praetorius-Orgel für St. Martini in Halberstadt e. V.“, des „Conseil génerál du Territoire de Belfort“ sowie des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt Bemühungen, die Orgel wiederherzustellen. Dabei gilt es grundsätzlich zu entscheiden, welcher Version der Vorzug gegeben wird:

  1. der Original-Orgel von David Beck,
  2. der den ästhetischen und klanglichen Vorstellungen von Werckmeister entsprechenden und durch den renommierten Orgelbauer Christoph Contius umgesetzten Variante oder
  3. der an die Akustik der deutlich größeren Martinikirche angepassten Orgel von 1770 (nach Friedrich 2016, S. 138).

Die Rekonstruktion des ursprünglichen Zustandes von 1596 wird – trotz kritischer Einwände aus Fachkreisen (vgl. http://www.walcker-stiftung.de/Downloads/Blog/Rekonstruktion_Beck-Orgel_Halberstadt.pdf) – derzeit favorisiert. In den Zielstellungen des Fördervereins heißt es: „Ein großes internationales Kultur-Projekt müsste mit der Aufgabe betraut werden, die Rekonstruktion der David-Beck-Orgel entsprechend ihrer originalen Disposition im restaurierten Gehäuse zu planen.“ (https://www.praetorius-beckorgel.de/ogr/orgel/plaene.php) Die Rückführung des Rückpositivs aus Harsleben ist bereits in die Wege geleitet.

Die Martinikirche und der Orgelprospekt können zu den hier ausgewiesenen Öffnungszeiten besichtigt werden. Führungen werden ebenfalls angeboten.

Mittlere Prospektpfeifen

Technische Ausstattung

Mit ihren raumhohen Pedaltürmen, welche die größten Pfeifen in voller Länge zeigen, entspricht die Gröninger Orgel in ihrem Gesamtaufbau dem sogenannten „Hamburger Prospekt“ und „gehört zu den prunkvollsten und künstlerisch ambitioniertesten Orgelfassaden des 16. Jahrhunderts im nördlichen Europa“ (Holger Brülls, Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, in: Organum Gruningense Redivivum ca. 2008) an der Schwelle von der Renaissance zum Frühbarock.

Die ursprüngliche Orgel von David Beck war nach den Vorgaben von Herzog Heinrich Julius auf 59 Register in sechs Werken auf zwei Manualen und Pedal angelegt. Sie hatte ausschließlich Metallpfeifen. Erhalten sind Gehäuse und Prospekt der Hauptorgel ohne Abdeckung und Rückwand, Gehäuse und Prospekt des Rückpositivs mit teilweise erhaltenen Seitenwänden, aber ohne die Hinterwand, sieben Prospektpfeifen der Hauptorgel sowie alle 47 Prospektpfeifen des Rückpositivs (nach Christian Lutz, Orgelsachverständiger für den Denkmalschutz in Frankreich, ebd.).

Dank des Eintrags im Syntagma musicum durch Praetorius und der leicht davon abweichenden Darstellung bei Werckmeister kennen wir heute in etwa die Original-Disposition der Ursprungsorgel:

Disposition der Gröninger Schlosskirchen-Orgel im zweiten Band des Syntagma musicum, 1. Ausgabe, Wolfenbüttel 1619

 

Zu dem Instrument schreibt Jean-Charles Albitzer, Organist an der Kathedrale Saint-Christophe in Belfort und Professor an der Musikhochschule Belfort: „In seiner sehr reichen Disposition versammelt es praktisch alle Register und Klangfarben, die seit dem Mittelalter erfunden worden sind.“ (in: Organum Gruningense Redivivum ca. 2008) Trotzdem schien der Klang aufgrund der Intonation und des mäßigen Winddrucks eher „kammermusikalisch“ gewesen zu sein mit Schwergewicht auf den Prinzipalchören, was aufgrund des begrenzten Raumes der Schlosskapelle durchaus sinnvoll war.

Literatur

Jean-Charles Ablitzer, Christian Lutz u. a., Organum Gruningense Redivivum. Möge die berühmte Gröninger Orgel in Halberstadt wieder erstehen, o. O (Halberstadt/Belfort) und o. J. (2008), auch abrufbar unter: http://www.france-orgue.fr/disque/pdf/halberstadt_groningen_de.pdf.

Gerhard Aumüller, Wolf Hobohm, Dorothea Schröder, Harmonie des Klanglichen und der Erscheinungsform. Die Bedeutung der Orgelbauerfamilien Beck und Compenius für die mittel deutsche Orgelkunst der Zeit vor Heinrich Schütz, in: Schütz-Jahrbuch Bd. 32, Kassel 2010, https://journals.qucosa.de/sjb/article/view/910/876, abgerufen am 10.03.2021.

Felix Friedrich, Das spektakuläre und visionäre Halberstädter Orgelprojekt: die Rekonstruktion der Beck-Orgel zu Grüningen, in: Musik & Gottesdienst, 70. Jahrgang 2016, https://www.rkv.ch/jdownloads/Zeitschriften/2016/1604_Felix_Friedrich_Beck_Orgel_Grueningen.pdf, abgerufen am 10.03.2021

Felix Friedrich, Vitus Froesch, Orgeln in Sachsen-Anhalt – Ein Reiseführer, Altenburg 2014, S. 15–17.

Links

Organum gruningense redivivum, Website zur Gröninger Orgel und deren Rekonstruktion

St. Simon und Judas in Harsleben, mit Foto des  Rückpositivs der Gröninger Orgel auf der Westempore

Video (Link)

Die Orgel – ungewohnte Einblicke in das Instrument des Jahres 2021
Das anschauliche Video von KMD Martina Pohl und Ulrike Großhennig bietet Schüler*innen die Möglichkeit, am Beispiel der Hildebrandtorgel in Sangerhausen in das Innere einer Orgel zu schauen, die Funktionsweise kennenzulernen, Fragen zu stellen und sich Detailwissen anzueignen. Das Video ist für schulische Zwecke genauso geeignet wie für Interessierte an diesem einzigartigen Instrument.

Materialien zum Download

Powerpoint-Präsentation:

Von der Taste zum Ton (Eine kleine Führung durch die Orgel), Autorin: Friederike Heckmann

Von der Taste zum Ton (PDF-Datei)

Arbeitsblätter:

Blanko-Arbeitsblätter zum Ausfüllen (für Grundschule und ab Sekundarstufe I) für Exkursionen zu regionalen Orgeln im Unterricht (Erstellung von Orgelsteckbriefen) finden Lehrer*innen auf dem Bildungsserver des Landes unter Regionalkultur.

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