Musikalische Bräuche

Spielmannszüge in Sachsen-Anhalt

 

Ziegelröder Spielmannszug 1886 e. V.

 

Bereits im frühen Mittelalter reisten Spielleute mit kleinen Trommeln und Flöten (klappenlosen Querpfeifen, auch Spielmannspfeifen), den klassischen Instrumenten des Spielmannszuges, umher und leisteten damit einen wichtigen Beitrag zur Verbreitung von Neuigkeiten und Liedern innerhalb Europas. Sie lebten aber quasi ohne Ansehen als fahrendes Volk am Rande der Gesellschaft.

Etwa ab dem 15. Jahrhundert marschierten Trommler und Pfeifer mit der Infanterie, dem Fußvolk eines Heeres, und dienten der Marschunterstützung und der Unterhaltung der Soldaten im Lager. Seit dem 16. Jahrhundert wurde „die militärische Kombination von Pfeife und Trommel“ als „(Feld-)Spiel“ bezeichnet, woraus sich der Begriff „Spielmannszug“ ableiten lässt (vgl. Höfele 1997, Sp. 273). Diese ursprünglich militärische Ausrichtung der Spielmannszüge hat sich heute noch im Bundeswehrmusikkorps erhalten.

Im frühen 19. Jahrhundert kamen mit Bezug auf die türkische Janitscharenmusik zu kleinen Trommeln und Pfeifen häufig noch große Trommeln und Becken hinzu, später dann auch die Lyra, ein in einen der griechischen Leier (Lyra) ähnelnden Rahmen eingepasstes Glockenspiel oder Metallophon. Dieses auffällige Instrument bereichert den Spielmannszug sowohl klanglich als auch optisch und wird gerne mit farbigen Bändern oder Schweifen, die an Rossschweife erinnern, geschmückt. Gab es zunächst in den Spielmannszügen nur Diskantpfeifen, so wurden diese im Laufe der Zeit ergänzt durch Alt- und Tenorquerpfeifen, um die tieferen Lagen abzudecken.

Lyra (Glockenspiel)

 

Ein Spielmannszug wird in der Regel angeführt von einem Tambourmajor (Stabführer), der mit einem langen, geschmückten Stab, dem sogenannten „Küs“, den Zug durch weit ausholende Bewegungen „dirigiert“.

Die Abgrenzung zu Fanfarenzügen, Blasorchestern, Schalmeienorchestern, Trommlercorps (Drumbands) etc., die alle zu den Spielleuten zählen, ergibt sich aus dem Instrumentarium und ist aufgrund zusätzlicher Blasinstrumente wie Signalhörner und Trompeten in einigen Spielmannszügen nicht immer eindeutig .

Heute gehören Spielmannszüge meistens Vereinen oder anderen Institutionen an wie z. B. Sport- und Karnevalsvereinen, der Feuerwehr oder Schützenvereinen. Das Instrumentarium ist oftmals erweitert um moderne Querflöten in verschiedenen Lagen.

Bereits zu Zeiten der deutschen Turnbewegung im 19. Jahrhundert begleiteten Spielmannszüge Umzüge, die anlässlich der Deutschen Turnfeste stattfanden. Diese Verbindung zum Sport blieb in vielen Regionen Deutschlands bis heute erhalten. So waren in der ehemaligen DDR die Spielmannszüge im Deutschen Turn- und Sportbund (DTSB) organisiert.

„Höhepunkte des Vereinslebens waren auch die Großveranstaltungen, die der Spielmannszug aktiv mitgestaltet hat. Wenn auch heute die Turn- und Sportfeste, Spartakiaden, Arbeiterfestspiele und andere Großveranstaltungen unter einem anderen Blickwinkel betrachtet werden, so waren es doch für die Mitwirkenden Ereignisse von besonderer Bedeutung.“ (Fessel 2013, S. 367)

In Sachsen-Anhalt hat sich die Tradition der Sportspielmannszüge bis heute im Landessportbund erhalten. Auf der Internetseite des im Landessportbund organisierten Landesturnverbandes werden für Sachsen-Anhalt zwölf Spielmannszüge (s. Link unten) aufgelistet (ohne Anspruch auf Vollständigkeit). Die Vereine des Landes haben z. T. eine über hundertjährige Geschichte und nahmen vielfach erfolgreich an nationalen wie internationalen Meisterschaften teil. In unterschiedlichen Wettbewerbskategorien marschieren Erwachsenen-, Nachwuchs- und Veteranenzüge. Im Jahr 2017 reisten die Ensembles aus Hettstedt und Gernrode zur Weltmeisterschaft der Marching Bands nach Palm Springs (USA) und kehrten mit dem Weltmeistertitel (Hettstedt) und einem 4. Platz (Gernrode) zurück.

Klangbeispiele

Hettstedter Spielmannszug bei den World Championships 2017 in Palm Springs (USA)

Spielleute Gernrode – Landesmeisterschaft Sachsen-Anhalt 2011

Spielmannszug Hasselfelde LM Sachsen-Anhalt 2013 Erwachsene

Literatur

Rainer Fessel, „Der Spielmannszug Hasselfelde 1965 e. V.“, in: Hasselfelde  – Geschichte einer alten Stadt im Harz, hrsg. vom Arbeitskreis Heimatgeschichte des Harzklubzweigvereins Hasselfelde e. V., Clausthal-Zellerfeld 2013, S. 366–368.

Bernhard Höfele, Art. „Militärmusik“, II.–VI.1, in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart,2., neubearb. Ausgabe, hrsg. von Ludwig Finscher, Sachteil, Bd. 6, Kassel u. a. 1997, Sp. 270–282.

Elke Nebenführ, Art. „Spielmannszug‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, http://www.musiklexikon.ac.at/ml/musik_S/Spielmannszug.xml, Zugriff: 26.3.2018.

Links

Spielmannszüge in Sachsen-Anhalt (Landesturnverband)

Hettstedt ist Weltmeister (Artikel Mitteldeutsche Zeitung mit Video)

Anregungen für den Unterricht

Instrumente im Spielmannszug (Informationen dazu hier)

Die ausführlichen Richtlinien zur Stabführung mit reicher Bebilderung der auszuführenden Bewegungen auf der Internetseite des Landesturnverbandes (s. Link oben) geben einen Eindruck davon, wie reglementiert das Spielmannswesen in seiner sportlichen Ausrichtung in Sachsen-Anhalt ist. Die Schüler können versuchen, im Unterricht einzelne Positionen des Stabführers und ggf. auch die Reaktionen der Instrumentalisten nachzustellen, um so die Verbindung von Musik und Bewegung als traditionelle Einheit nachzuvollziehen .

SM 2018