Musikalische Bräuche

Schellengeläute der Harzer Kuhherden

Im Harz gab es früher kein Dorf und keine Stadt, in welcher es nicht eine Kuhherde und häufig auch eine Rinder- und Kälberherde gab. Die Landesherren legten in einer „Weidegerechtsame“ nicht nur die Anzahl der Kühe fest, die pro Haushalt und nach Gesellschaftsstand gehalten werden durften, sondern erlaubten darin auch die herdenmäßige Waldweide. Früh am Morgen blies der Kuhhirt auf seinem Hirtenhorn das Signal zum Sammeln der Herde – ein täglich sich wiederholender musikalischer Brauch von Mitte Mai bis Anfang Oktober.

Hirtenruf zum morgendlichen Austrieb

 

Zum Weidegang trugen die Tiere geschmiedete Schellen; im Harz hat sich der Begriff „Kuhglocke“ durchgesetzt. Sie erfüllten vielfältige Funktionen: Ein verirrtes Tier fand leichter zur Herde zurück, der Kuhhirt konnte eine verloren gegangene Kuh besser orten, wilde Tiere wurden durch den Klang abgeschreckt und der Hütejunge, der dem Hirten das Mittagessen brachte, konnte die Herde ohne weiteres auffinden.

Die Kuhherde von Benneckenstein grast im Hochwald (um 1950)

 

Die Stimmung der Schellen wird erstmals 1775 beschrieben: „Nach meiner Zurückkunft von dem Hüttenwerke [in Clausthal] hatte ich heute besonders Gelegenheit das Geläut der dem Viehe angehangenen Glocken zu bemerken. Es ist dies einem Fremden kein unangenehmer Auftritt, wenn man eine große Heerde mit vollem Geläut nach Hause kommen hört… Man hat aber nicht einer jeden einzelnen Kuh eine solche Glocke angehangen, sondern nur einigen, so daß die, so sich zu dieser Glocke gewöhnt haben, sich auch bey dieser und keiner anderen einfinden, oder im Falle sie sich verirrt haben, sie wieder aufsuche. Der Glocken selbst habe ich vier verschiedene bemerkt, nemlich cis, eis oder f und gis. Die erstere oder die tiefste heißt hier die Stumpe, cis die halbe Stumpe, eis die große Bell, und gis die kleine Bell. Doch deucht mir, daß ich zuweilen noch die höhere Octave von cis hörete. Uebrigens hab ich es bey zweyen Clavieren probirt, und es macht diese Kuhmusik einen vollen Accord aus.“ (Zimmermann 1775, S. 37–38)

Weidende Kühe bei Zellerfeld (kolorierte Umrissradierung von H. M. Grape 1830; Ausschnitt)

 

Ein Geläut bestand also im 18. Jh. ursprünglich aus vier Schellen (Cis-Dur, Dreiklang mit Oktave). Aber die Kuhhirten erwärmten sich mehr und mehr für seinen harmonischen Klang und erweiterten es im 19. Jh. auf acht Schellen und hängten jeder Kuh eine um. In der 2. Hälfte des 20. Jh. bildeten jedoch nur noch sieben Schellen ein Geläut; die höchste Schelle mit Namen „Gitzer“ verschwand aus den Geläuten.

Die Schellen werden in der volkstümlichen Harmonielehre mit bestimmten Namen belegt:  Oberstump, auch Ganz- oder Überstump genannt, Stump, Halbstump, Beischlag, Lammschelle oder Langschelle, Biller, Unterbiller, auch als Zenker bekannt.  Jedes Geläut bildete einen Dreiklang über drei bis vier Oktaven, von der kleinen bis zur dreigestrichenen, in einer Dur-Tonart.

Schellendemo: Dennis Bode, Elbingerode, demonstriert ein Schellengeläut des Schellenschmieds Wilhelm Liesenberg, Bad Suderode, Video: Ronald Langer

 

Ein Satz (Schellenspiel) besteht nach Aussage des letzten Harzer Schellenschmieds Wilhelm Liesenberg (1878–1949), Bad Suderode, aus 36 unterschiedlichen Schellen:

1 Unterbiller/Zenker
8 Biller
9 Lammschellen
10 Beischlägen,
6 Halbstumpe
1 Stump (Mittelstump)
1 Oberstump

Je nach Größe der Herde konnte das Spiel erweitert oder vermehrfacht werden. Es war für die Kuhherden in F-Dur und für die Rinderherden in C-Dur gestimmt.

Beispiele für Stimmungen von Herdengeläuten.

Klangbeispiel

Signal zum Austrieb und Geläut der ziehenden Kuhherde in St. Andreasberg (1933)

 

In der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts verlor die Rinderhaltung weitgehend an Bedeutung. Im Ostharz musste die Waldweide im Einzugsgebiet der Talsperren wegen der Trinkwasserversorgung aufgegeben werden, Im Westharz führten die Besserung der Lebensverhältnisse und der zunehmende Kurbetrieb – die Orte mussten sauber werden – zur Aufgabe der Viehwirtschaft. Doch mit der Wiederbelebung und bewussten Nachzüchtung des Harzer Roten Höhenviehs seit 1985 lebte auch die alte Hirtenkultur wieder auf. Heute weiden auf den Bergwiesen wieder die rotbraunen Kühe und in manchen Orten finden wieder die traditionellen Kuhaustriebe in der Maienzeit statt. Sie erinnern an den ersten Austrieb der Herden nach der langen Winterzeit. Daraus sind heute regionaltypische Volksfeste geworden. Am bekanntesten sind der traditionelle Viehaustrieb in Wildemann am Pfingstsonntag und der Kuhball in Tanne am 2. Sonntag im Mai. Dabei ist auch das Schellengeläut wieder zu hören.

Video

Volksfeste mit traditionellem Viehaustrieb in Wildemann und Tanne, Video: Ronald Langer

Literatur

Friedrich Günther, Der Harz in Geschichts-, Kultur- und Landschaftsbildern, Hannover 1888, 575–581.

Lutz Wille, Wolfgang Hoff­mann, Klaus Ober­län­der, Klei­ne Har­zer Kuh­glocken­kun­de – Zum 50. To­des­tag des letz­ten Kuh­glocken­fabrikanten Wil­helm Lie­sen­berg, Bad Su­dero­de, in: Un­ser Harz (1999), 153–156.

Lutz Wille, Zur Kulturgeschichte der Harzer Rinderwirtschaft, in: Unser Harz (2014), 123–130.

Lutz Wille, Wie viele Schellen hatte das Geläut der Harzer Kuhherden?, in: Unser Harz 2020, im Druck.

Eberhard August Wilhelm von Zimmermann, Beobachtungen auf einer Harzreise; nebst einem Versuch, die Höhe des Brockens durch das Barometer zu bestimmen, Braunschweig 1775.

Lutz Wille 2020