Musikalische Bräuche

Frühlingssingen an der Eichendorffbank in Halle

Eine recht junge musikalische Tradition wird alljährlich an der steinernen Eichendorffbank in den Klausbergen hoch über der Saale in Halle gepflegt. Seit rund dreißig Jahren treffen sich sangesfreudige Hallenserinnen und Hallenser und ihre Gäste zum traditionellen Frühlingssingen anlässlich des Geburtstages des romantischen Dichters Joseph Freiherr von Eichendorff (1788–1857) am 10. März. Eingeladen werden sie dazu von der Singschule Halle e. V. und deren Chören.

Eichendorff verbrachte in den Jahren 1805/06 drei Semester an der halleschen Universität „Fridericiana“, um Jura zu studieren. Er hörte aber auch Vorlesungen in Philologie, Philosophie und Psychologie. Reichardts Garten in der Nähe der Burg Giebichenstein und der Klausberge, bekannt auch als „Giebichensteiner Dichterparadies“ und Treffpunkt berühmter romantischer Dichter und Musiker, hat Eichendorff wohl nur von außen gesehen. Der junge, unbekannte Student blieb Zaungast, wie die Eintragungen in seinem Tagebuch aus dieser Zeit vermuten lassen.

Seit 1879 erinnert die vom „Hallischen Verschönerungsverein“ errichtete Gedenkstätte an den Dichter, der 1855, zwei Jahre vor seinem Tod, noch einmal kurz nach Halle zurückkehrte. In diesem Zusammenhang suchte er die Lieblingsplätze aus seiner Studentenzeit auf, darunter auch die Klausberge, auf die er sich oft zurückgezogen haben soll.

Im Oktober 2018 wurde ein Verein gegründet, der sich die Errichtung eines Eichendorff-Denkmals am Fuße der Klausberge zum Ziel gesetzt hat. Dafür konnte der renommierte hallesche Bildhauer Prof. Bernd Göbel gewonnen werden. Das Projekt soll auschließlich auf Spendenbasis finanziert werden.

Eichendorffbank zur Erinnerung an den Dichter Joseph von Eichendorff an seinem Lieblingsplatz in den Klausbergen in Halle (Saale)

 

Auf der Vorderseite des Gedenksteins in der Mitte der Bank sind – heute kaum noch lesbar – die ersten beiden Strophen des Eichendorff’schen Gedichtes Bei Halle von 1841 eingeritzt, das von dem halleschen Komponisten und Musikpädagogen Gerd Ochs später vertont wurde:

Da steht eine Burg überm Tale
Und schaut in den Strom hinein,
Das ist die fröhliche Saale,
Das ist der Giebichenstein.

Da hab ich so oft gestanden,
Es blühten Täler und Höhn,
Und seitdem in allen Landen
Sah ich nimmer die Welt so schön!

Gedenkstein mit Inschrift

 

2005 wurde gegenüber der Bank mit Blick auf die Saale eine Konsole mit dem gesamten Gedichttext Eichendorffs aufgestellt.

Tafel mit dem Text der Halle-Hymne

 

Beim jährlichen Frühlingssingen darf dieses Lied, für viele die heimliche Hymne Halles, natürlich nicht fehlen. Außerdem werden gemeinsam von Sängerinnen und Sängern aller Altersgruppen bekannte Volkslieder und Frühlingslieder angestimmt.

Blick von der Eichendorffbank auf die Burg Giebichenstein heute

Klangbeispiel

Da steht eine Burg überm Tale (Kammerchor „cantamus“ Halle, Dorothea Köhler)

Die Einspielung findet sich auf der CD „Halle, alte Musenstadt“ mit Absolventen des Stadtsingechores Halle und cantamus & Freunden.

Literatur

Joseph von Eichendorff, Werke, Bd. 1, München 1970 ff., S. 176–177.

Links

„Winter ade!“ – Frühling an der Eichendorff-Bank begrüßt (Du bist Halle 2017)

Frühlingssingen 2017 (TV Halle)

Geburtstagsständchen in den Klausbergen zu Eichendorffs 230. Geburtstag (Du bist Halle 2018)

Bürger. Stiftung. Halle: Bildung im Vorübergehen (Informationen zu Joseph von Eichendorff mit weiterführenden Literaturangaben)

Interessengemeinschaft Bronzeplastik Joseph von Eichendorff e.V.

Eichendorff: „Halbe Miete!“ (Artikel Mitteldeutsche Zeitung vom 13. März 2019)

Anregungen für den Unterricht

Joseph von Eichendorff zählt zu den meistvertonten deutschen Lyrikern. Welche anderen regionalen Komponisten haben Gedichte Eichendorffs in Musik umgesetzt?

Ergebnis der Recherche könnte eine Sammlung von Liedern als Zeugnis regionaler Musikkultur sein. Vielleicht kann auch das ein oder andere Lied im Unterricht gesungen werden.

Materialien zum Download

Noten

Da steht eine Burg überm Tale im vierstimmigen Satz von Gerd Ochs

SM 2017, letzte Aktualisierung April 2019